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08.04.2021

18:14

Kommentar

Vorstandsgehälter: Investoren sind nicht der verlängerte Arm der Gesellschaft

Von: Dieter Fockenbrock

Internationale Fonds wollen über die Vorstandsvergütung gesellschaftliche Ziele durchsetzen. Aber dafür sind sie sicher nicht die Richtigen.

Können Finanzinvestoren gesellschaftliche Verantwortung bei den Unternehmen durchsetzen? imago/photothek

Globus in einer Hand

Können Finanzinvestoren gesellschaftliche Verantwortung bei den Unternehmen durchsetzen?

Die Ansage ist deutlich: Der skandinavische Investor Cevian Capital will gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen erzwingen. Zum Start der Hauptversammlungssaison verkündete Fondsgründer Lars Förberg, Aufsichtsräte nicht mehr unterstützen zu wollen, die ihren Vorständen keine ESG-Ziele in die Verträge schreiben. Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environment, Social, Governance, kurz ESG) gehörten heute einfach in jede Vergütungsvereinbarung.

Gut gesprochen. Viel zu lange haben viel zu viele Unternehmen Greenwashing betrieben: Sie haben sich gesellschaftliche Ziele ganz oben auf die Agenda geschrieben, tatsächlich aber nicht den Nachweis geführt, dass sie sich auch daran halten. Allenfalls ein bisschen Kundenzufriedenheit oder CO2-Reduzierung fand Eingang in die Bemessung der Vorstandsgehälter.

Cevian ist nicht der einzige Investor, der sich die Durchsetzung verantwortlicher Unternehmensführung auf die Fahnen geschrieben hat. Fast jeder Geldgeber von Rang und Namen hat inzwischen ESG-Forderungen in seine Bewertungsliste aufgenommen. Nicht wenige haben wie Cevian angekündigt, massiv Einfluss nehmen zu wollen auf die Unternehmenspolitik.

Auch Blackrock-Chef Laurence Fink zählt dazu. Der Gründer und CEO des weltgrößten Vermögensverwalters schreibt jährlich Briefe an jeden Konzernaufseher, freundlich im Ton, aber sehr bestimmt.

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    In Brüssel und Berlin werden sie sich die Hände reiben. Endlich schwenken die Eigentümer der Kapitalgesellschaften auf Corporate Social Responsibility um. So, wie es Europäische Union und Bundesregierung mit ihren CSR-Richtlinien schon vor Jahren erdacht hatten. Niemand scheint sich aber die Frage zu stellen, ob gesellschaftliche Ziele wirklich gut aufgehoben sind in den Händen von Investoren.

    Die Antwort lautet: Nein. Jedenfalls dürfen Finanzinvestoren niemals die Rolle des wachsamen Staates übernehmen. Förberg kann noch so beschwören, dass „values and company values“ zwei Seiten derselben Medaille sind. Tatsächlich wird ihn sein eigenes ESG-Credo in Schwierigkeiten bringen.

    Globale Prinzipien ohne Rücksicht auf Besonderheiten

    Klar, nachhaltige und damit für eine Gesellschaft vorteilhafte Unternehmensführung zahlt sich am Ende für alle aus. Rohstoffe sind durch sorgsame Verwendung länger verfügbar, die Existenz ganzer Industriezweige ist damit länger gesichert. Doch wenn Investoren die Unternehmen dazu drängen, Klimaziele statt 2040 schon früher zu erreichen, dann kollidiert das unmittelbar mit ihrem Anspruch, hohe Renditen zu erzielen. Und Geld wollen, Geld müssen sie verdienen.

    Nichts spricht dagegen, Kohlekraftwerke eher stillzulegen als bislang bis 2038 geplant, um Schadstoffemissionen schneller zu senken. Doch hätte das weitreichende Folgen für die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerksbetreiber. Und natürlich für die Rendite der Aktionäre. Man darf gespannt sein, wie Pensionsfonds, Versicherungen und andere Unternehmensfinanzierer diesen Konflikt auflösen wollen.

    In den USA macht sich der Investor State Street sehr stark für Inklusion, Diversity und wendet sich offen gegen Rassismus. State Street verlangt von den Unternehmen, ihre Führungsgremien anders zu besetzen, Minoritäten zu berücksichtigen, Frauen besonders zu fördern. Dagegen ist nicht das Geringste einzuwenden.

    Aber haben die Investoren das auch ihren eigenen Geldgebern erklären können? Schließlich verwalten sie nur das Geld anderer. Und würden US-Pensionsfonds auf Rendite verzichten, weil europäische Unternehmen, in die sie investiert haben, den Geist des Klimaprotokolls, Arbeitnehmerschutzrechte und andere gesellschaftlich relevante Forderungen ernster nehmen als Wettbewerber in anderen Ländern?

    So erfreulich es ist, dass gesellschaftliche Verantwortung eingefordert wird, so sehr darf bezweifelt werden, dass ausgerechnet die Shareholder den Trend umsetzen – und zwar im Sinne des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem sich die Unternehmen bewegen.

    Im Gegenteil: Es besteht sogar die Gefahr, dass jetzt globale Prinzipien über eine vielfältige Unternehmenslandschaft gegossen werden. Ohne Rücksicht auf regionale Besonderheiten, Unternehmensgröße oder Branchenzugehörigkeit.

    Fonds investieren weltweit in Hunderte, manchmal Tausende Unternehmen. Da ist kaum Feintuning möglich. Was den schwäbischen Maschinenbauer bewegt, was seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung in der Region ausmacht, das ist nicht im Entferntesten mit den Themen eines global agierenden Textilhandelskonzerns zu vergleichen. Dem geht es um nachhaltige Lieferketten und Verhinderung von Kinderarbeit in Südostasien.

    Schwer, wenn nicht unmöglich ist es, das unter einem Dach mit ESG-Regeln zu vereinen. Verantwortung definiert sich individuell in jedem Unternehmen. Investoren können helfen, Führung, Ziele und Umsetzung besser zu machen. Aber der verlängerte Arm der Gesellschaft sind sie nicht.

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