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14.07.2022

10:16

Kommentar

VW braucht mehr zentrale Führung – alles andere wäre Geldverschwendung

Von: Stefan Menzel

Volkswagen steht vor einer umfassenden Transformation. Sie wird nur funktionieren, wenn der Konzern in wichtigen Fragen für alle Marken entscheidet.

Volkswagen ist ein Konzern mit mehr als einem Dutzend von Marken. Reuters

Neue Elektromodelle von VW, Audi und Cupra auf einem Parkplatz im VW-Werk Zwickau

Volkswagen ist ein Konzern mit mehr als einem Dutzend von Marken.

Volkswagen hat in den vergangenen Wochen einen wegweisenden Streit über die weitere Ausgestaltung seiner Software-Strategie ausgefochten. Der Konzern wollte allen Marken klare Vorgaben machen, welche zentralen Software-Bausteine sie in den nächsten Modellgenerationen verwenden sollen. Doch vor allem Audi und Porsche wehrten sich dagegen, sie verlangten mehr Autonomie.

Inzwischen zeichnet sich eine Kompromisslinie ab: Der Konzern kann wesentliche Vorgaben durchsetzen, den Marken bleiben gewisse Freiheiten.

Bei dieser Auseinandersetzung im Volkswagen-Konzern geht es allerdings um viel mehr als nur um automobile Software. Es ist ein Grundsatzkonflikt über das Verhältnis von Zentrale und Peripherie. Angesichts des hohen Wettbewerbs- und Kostendrucks gibt es keine Alternative dazu, dass der Konzern vereinheitlichen und zentralisieren muss – nicht nur bei neuen Computerprogrammen für seine Autos.

Die Entwicklung eines neuen Fahrzeugs verschlingt heute schnell zwei oder drei Milliarden Euro. Deshalb versucht jeder Autokonzern, die Entwicklungskosten auf möglichst viele Fahrzeuge zu verteilen. Als Massenkonzern mit neun oder zehn Millionen pro Jahr produzierten Autos und entsprechend vielen Marken ist das bei Volkswagen vergleichsweise gut möglich.

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    In der aktuell anstehenden Transformation der Autobranche passiert jedoch viel mehr. Es wird alles noch viel teurer als bei einem einfachen Modellwechsel. Auf den neuen Elektroantrieb umzusteigen ist ein kostentreibendes Unterfangen. Batterieentwicklung und -produktion schlagen mit zweistelligen Milliardenbeträgen zu Buche.

    Doch damit hört es nicht auf. Die neue, aufwendige automobile Software macht aus einem Automobilhersteller in den nächsten zehn Jahren ein Unternehmen mit großer IT-Kompetenz. So steckt allein Volkswagen jährlich 2,5 Milliarden Euro in seine Software-Tochter Cariad. Außerdem entstehen neue Mobilitätsdienste, deren Einführungskosten ebenfalls über alle Marken des Konzerns verteilt werden müssen.

    „New Auto“-Strategie ist der richtige Weg

    Die jetzt anstehende Transformation mit ihrem gewaltigen Aufwand bis hin zu einem dreistelligen Milliardenbetrag macht nur allzu deutlich, dass in einem Autokonzern wie Volkswagen die Zentraleinheit – also der Konzern – die wichtigsten Entwicklungsarbeiten übernehmen muss. Diese Ausrichtung auf Wolfsburg ist nur konsequent.

    Es wäre schlechthin Geldverschwendung, wenn Audi, Porsche oder Skoda auf die Idee kämen, noch einmal selbst in großem Stil eigene Fahrzeugplattformen, Batterien, automobile Software und Mobilitätsdienste zu entwickeln. Diese Aufgaben müssen zentral in den Händen des Konzerns liegen.

    Deshalb geht der Volkswagen-Konzern mit seiner „New Auto“-Strategie grundsätzlich den richtigen Weg. Alles rund um Elektro, Antrieb und Software kommt aus den zentralen an Wolfsburg angeschlossenen Entwicklungsabteilungen. Dort wird das vorbereitet, was später je nach Bedarf von den Marken fertig aus dem Konzernregal herausgenommen und verwendet werden kann.

    Bei der Arbeitsaufteilung zwischen Zentrale und Peripherie ist damit auch klar, welche Verantwortung den Marken am Ende noch bleibt. Das sind die „Hüte“, also die Karosserieformen eines Autos. Das Innenraum-Design gehört dazu, aber auch die immer wichtiger werdende Anwendungssoftware, die auf den einheitlichen Betriebssystemen des Konzerns aufbaut.

    Volkswagen setzt zusätzlich noch auf seine Markengruppen. Audi, Bentley und Lamborghini sind beispielsweise im Premiumbereich zusammengefasst, VW, Skoda und Seat bilden die Volumengruppe. In diesen Gruppen sollen die Marken zusätzlich nach weiteren Synergien Ausschau halten. Solch eine Aufteilung in Premium und Volumen ist äußerst sinnvoll, weil sich VW und Skoda viel näherstehen als etwa Audi und Seat. Auf der Ebene der Markengruppen können neue Ideen für Kostensenkungen entstehen, auf die die Zentraleinheit Konzern wahrscheinlich niemals gekommen wäre.

    Eine ideale Welt gibt es auch in Wolfsburg nicht

    Auf dem Papier sieht das alles recht gut aus, was sich die Konzernstrategen in Wolfsburg zuletzt ausgedacht haben. In einer idealen Welt würde es eine funktionierende Arbeitsaufteilung zwischen dem Konzern und den Tochtermarken geben. Ressourcen würden damit geschont, und das Maximale würde aus den vorhandenen Kapazitäten herausgeholt.

    Doch diese ideale Welt gibt es nicht, auch nicht in Wolfsburg. Das hat der Software-Streit im VW-Konzern um die IT-Tochter Cariad während der vergangenen Monate gezeigt. Volkswagen hat starke Töchter mit ausgeprägtem Eigenleben, die sich ungern durch Vorgaben der Zentrale steuern und beeinflussen lassen.

    Doch es gibt keine Alternative dazu: Zentrale Vorgaben müssen auch in Zukunft aus Wolfsburg kommen. Nur dann hat der Konzern gute Aussichten, die anspruchsvolle Zeit der Transformation zu bestehen. Dem einen oder anderen in Ingolstadt oder Stuttgart wird das möglicherweise nicht gefallen – aber die Marken müssen sich ein Stück weit zurücknehmen.

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