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20.06.2022

18:48

Kommentar

Warum die 42-Stundenwoche keine Lösung für den Fachkräftemangel ist

Von: Thomas Sigmund

Statt einer längeren Lebensarbeitszeit fordert Industrie-Präsident Russwurm, durch längere Wochenarbeitszeiten fehlende Fachkräfte auszugleichen. Das ist aus der Zeit gefallen.  

Während der Koalitionsverhandlungen der Ampel im vergangenen Herbst warnten Gewerkschafter vor Änderungen bei der Arbeitszeit. imago images/Mike Schmidt

Protest gegen Arbeitszeitausweitung

Während der Koalitionsverhandlungen der Ampel im vergangenen Herbst warnten Gewerkschafter vor Änderungen bei der Arbeitszeit.

In Douglas Adams’ Science-Fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ fällt die Antwort auf die Frage nach dem ultimativen Sinn des Lebens denkbar einfach aus. Sie lautet schlicht und einfach „42“ –  nicht mehr und nicht weniger.

Industriepräsident Siegfried Russwurm hat nun die Antwort auf eine der größten Herausforderungen für Deutschland in den kommenden Jahren gefunden. Er brachte im Kampf gegen den Fachkräftemangel die 42-Stunden-Woche ins Spiel. 

Seine Erklärung klingt einfach. Da eine längere Lebensarbeitszeit mit der Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP unrealistisch sei, soll es nun eine längere Wochenarbeitszeit richten. Optional und bei vollem Lohnausgleich. Die Analyse von Russwurm ist richtig.

Deutschland steuert auf eine Wirtschaft ohne Menschen zu. Die Amerikaner sprechen vom „big quit“, wenn die Mitarbeiter an den Flughäfen, in Restaurants oder in den Pflegeheimen ausgehen.

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    War in früheren Diskussion von den fehlenden Fachkräften die Rede, trifft der Mangel nun ganze Sektoren. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fehlen aktuell 1,74 Millionen Arbeitskräfte. Das ist ein neuer Rekord. 

    Vereinbarkeit von Familie und Beruf

    Der Vorstoß für eine 42-Stunden-Woche wirkt in der neuen Arbeitswelt allerdings wie aus der Zeit gefallen. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem Prozess, in dem sie die Menschen nicht nur über mehr Geld für mehr Arbeit motiviert.

    Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen nicht mehr zurück in das Jahr 1956, als die Gewerkschaften mit dem Slogan „Samstags gehört Vati mir“ die 40-Stunden- und Fünf-Tage-Arbeitswoche forderten. Heute geht es im Wettbewerb um die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Purpose, Flexibilität, Homeoffice und natürlich auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 

    Politik und die Wirtschaft sind deshalb stärker gefordert als bislang. Die Bürokratie in Deutschland macht nach wie vor ungezählte Überstunden. Eine Heerschar von Arbeitnehmern könnte früher in die Freizeit, wenn sie nicht ihre Zeit in den Kampf mit den Behörden stecken müssten.

    Auch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland funktioniert eher schlecht als recht. Vom angekündigten Fachkräftezuwanderungsgesetz ist nicht viel übrig geblieben. Am Ende muss sich aber auch die Industrie die Frage gefallen lassen, warum sie im Vergleich zum Handwerk und dem Mittelstand nicht mehr junge Menschen ausbildet.

    All das sind die großen Fragen der modernen Arbeitswelt. Die 42-Stunden-Woche kann allenfalls eine Teilantwort auf den akuten Fachkräftemangel sein. 

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