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29.04.2019

17:09

Kommentar

Warum düstere Börsenprognosen trotz steigender Kurse berechtigt sind

Von: Ulf Sommer

Noch steigen die Aktienkurse. Nachhaltig ist das aber erst, wenn sich die Frühindikatoren bessern. Den Börsen drohen empfindliche Rückschläge.

Die Kurse steigen weltweit, doch wie lange noch? Reuters

Broker an der New Yorker Börse

Die Kurse steigen weltweit, doch wie lange noch?

Wer sich zum Jahreswechsel an Nobelpreisträger Robert Shiller orientierte, hat richtig gedacht, aber falsch gehandelt. Der amerikanische Ökonom warnte im Winter vor einem lang anhaltenden Bärenmarkt, also vor einer Phase, in der die Aktienkurse für lange Zeit fallen werden. Wie von Shiller richtig vorhergesagt, hat sich die weltweite Konjunktur seitdem weiter abgeschwächt, und die geopolitischen Krisen hatten Bestand.

Aber entgegen seiner Vorhersage sind die Aktienkurse nicht gesunken, sondern gestiegen – und das ungewöhnlich stark. Weltweit legten die Kurse im Schnitt um fast 20 Prozent zu. In den USA stieg der weltweit bedeutendste Börsenindex, der S&P, der die Aktien der 500 größten amerikanischen Unternehmen umfasst, sogar auf Rekordhöhe.

An der Technologiebörse Nasdaq, angeführt von Apple, Microsoft und Amazon, notieren die Aktienkurse ebenfalls so hoch wie nie.

Anleger erleben die stärkste Kurserholung seit einem Jahrzehnt. Ungewöhnlich daran ist, dass die Unternehmen und auch die Analysten die Erwartungen immer weiter reduzieren. Das gilt für Deutschland, Gesamteuropa und die USA. Im Dax senkten Analysten in den vergangenen drei Monaten für 24 Unternehmen die Gewinnschätzungen, am stärksten für Covestro und Thyssen-Krupp, gefolgt von der Deutschen Bank, RWE und BMW.

Aktien werden damit seit Monaten gleich in doppelter Hinsicht teurer: erstens, weil die Kurse steigen, zweitens, weil die Gewinnerwartungen sinken. Dieser Trend mahnt zur Vorsicht, denn langfristig sind Unternehmensgewinne die wichtigste Triebfeder für die Börsen.

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Aber nicht nur die Erwartungen an die künftigen Gewinne sinken, die Gewinne sinken auch tatsächlich. Weil sich die Weltwirtschaft weiter abschwächte, die Nachfrage und deshalb die Weltmarktpreise für viele produzierte Grundstoffe sanken und gleichzeitig viele Rohstoffe wie Öl immer teurer wurden, wirtschafteten die exportstarken deutschen Unternehmen im Dax zuletzt immer unrentabler.

Im vierten Quartal stiegen zwar ihre Umsätze noch einmal um fast drei Prozent, der Gewinn vor Steuern und Zinsen brach hingegen um fast 30 Prozent ein. Im gesamten Jahr 2018 betrug das Minus „nur“ sieben Prozent. Der Negativtrend hat sich also zum Jahresschluss beschleunigt.

Belastete Bilanzen

Das schwächere Wachstum in China, der lähmende Brexit in Europa und der nachlassende, einst durch Steuergeschenke ausgelöste Boom in den USA haben die Bilanzen vor allem produzierender Unternehmen wie BASF und Daimler belastet. Die Aktienkurse steigen aber dennoch auf breiter Front, weil viele Aktionäre schon bis zum Jahreswechsel in Erwartung einer trüben Zukunft – so wie sie auch Shiller prognostizierte – verkauft hatten.

Vor allem deshalb waren die Börsen weltweit bis Jahresende rasant gefallen. Jetzt aber laufen Anleger den steigenden Kursen hinterher. Um die Rally nicht vollends zu verpassen, steigen sie wieder ein – und halten so den Aufschwung am Leben. Nachhaltig ist das nicht.

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An den Märkten herrscht in den kommenden Wochen wieder Bewegung. Viele Unternehmen stellen ihre Bilanzen vor – und es drohen stärkere Ausschläge.

Immerhin: Zumindest aus China, einem der wichtigsten Absatzländer für die großen deutschen börsennotierten Konzerne, gibt es Anzeichen eines Umschwungs. Hier blicken die Unternehmen wieder optimistischer nach vorn. Doch in Deutschland und Gesamteuropa, wo die Dax-Konzerne gut die Hälfte ihrer weltweiten Umsätze erwirtschaften, gibt es derzeit keine Anzeichen für eine konjunkturelle Belebung.

Der Ifo-Index, Deutschlands wichtigstes Konjunkturbarometer, ist in sieben der vergangenen acht Monate gefallen. Europaweit sieht es nicht besser aus, wie Umfragen des Forschungsinstituts Markit bei Einkaufsmanagern belegen.

Positive Ausnahmen

Positive Ausnahmen gibt es zum Glück, wenn auch nur wenige. SAP oder Microsoft etwa. Der deutsche Softwarehersteller und Amerikas IT-Dino lieferten einmal mehr starke Ausblicke. Das Problem daran ist nur, dass beide nicht repräsentativ für den Gesamtmarkt sind, sondern von exzellenten Entwicklungen im Datengeschäft, der Cloud-Technologie, profitieren.

In der Summe dürften die amerikanischen Unternehmen im ersten Quartal 2019 weniger verdient haben als im Vorjahr. Wie in Deutschland sinken auch an der Wall Street die Firmengewinne, sodass auch hier die Aktien in doppelter Hinsicht teurer werden.

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Diese Woche legen etwa 160 der 500 S&P-Werte Zahlen vor – und die könnten besser ausfallen als noch Anfang des Monats gedacht. Am Montag erreichte der Index ein neues Rekordhoch.

Viele Aktien sind bereits teuer, besonders die der erfolgreichen Unternehmen. Anleger bezahlen SAP und Microsoft und heruntergerechnet ihre Aktien mit fast dem 30-fachen Jahresnettogewinn. Ähnlich hoch bewertet waren beide Unternehmen zuletzt auf dem Höhepunkt der Technologieblase vor 20 Jahren.

Setzt sich in den jetzt anstehenden Quartalsberichten der Abwärtstrend in der Realwirtschaft fort, dann drohen den Börsen empfindliche Rückschläge. Noch ist also keineswegs ausgemacht, ob Nobelpreisträger Shiller mit seiner düsteren Börsenprognose wirklich danebenliegt.

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