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07.05.2019

17:22

Kommentar

Warum Konzentration der Schlüssel zum Erfolg im digitalen Zeitalter ist

Von: Miriam Schröder

Für eine erfolgreiche digitale Transformation benötigen Unternehmen und Mitarbeiter vor allem eine entscheidende Kernkompetenz: Fokussierung.

Die Digitalkonferenz steht unter dem Motto: „Too long, didn't read“. dpa

re;publica 2019

Die Digitalkonferenz steht unter dem Motto: „Too long, didn't read“.

Zu den begehrtesten Assets auf der Berliner Digitalkonferenz Republica gehört ein Relikt aus analogen Zeiten: der gedruckte Themenplan. Er ist so groß, dass man beide Arme austrecken muss, um ihn vollständig aufzuklappen. Trotzdem sah man auch dieses Jahr wieder überall Menschen, die versuchten, den Überblick zu behalten, das Wichtigste nicht zu verpassen. Bei 27 Spielorten und 500 Stunden Programm ein Ding der Unmöglichkeit.

„Too long, didn’t read“, das war das Motto der größten Digitalkonferenz Europas, die am heutigen Mittwoch zu Ende geht – ein Aufruf, wieder mehr in die Tiefe zu gehen, zu lesen, bevor man teilt, einander richtig zuzuhören, statt immer nur zu senden. Das klingt ein bisschen wohlfeil in Anbetracht der Tatsache, dass sich auf dieser Konferenz diejenigen treffen, die Twitter und die Verkürzung auf ein Hashtag in Deutschland populär gemacht haben.

Doch die Erkenntnis ist richtig. Eine der wichtigsten Kompetenzen im digitalen Zeitalter ist es, sich zu fokussieren. Auszuwählen, was einem wichtig ist, und dann auch dranzubleiben – und dabei auszublenden, was einem unterwegs begegnet und genauso wichtig sein könnte.

Denn die Entscheidung, selbst wenn sie wohlüberlegt ist, kann ja immer nur eine subjektive sein. Obwohl so viele Daten zur Verfügung stehen wie nie zuvor, kann eine menschliche Intelligenz nie jede einzelne Perspektive eines Sachverhalts erfassen. Das ganze Bild wird es nicht mehr geben, im Gegenteil: Die Lücken werden größer. Die Entwicklung wird schneller, zum Reagieren bleibt weniger Zeit.

Das betrifft jeden Einzelnen, es gilt für den politischen Diskurs, und es gilt für Unternehmen. Die erfolgreichsten Start-ups sind die, die sich auf eine Sache konzentrieren und alles Überflüssige weglassen. Nur ein Produkt produzieren statt einer ganzen Palette, sich auf einen Vertriebskanal konzentrieren, statt zig verschiedene Social-Media-Accounts mit Oberflächlichkeiten zu bedienen. Sie tun das oft aus der Not heraus, weil sie wenig Geld haben und jede Arbeitskraft für das Kerngeschäft brauchen.

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In großen Konzernen hingegen gibt es oft haufenweise Projekte, die mal angefangen wurden, weil alle anderen es doch auch machen und weil man Angst hat, etwas zu verpassen. Sogenannte tote Pferde, die nicht richtig laufen und für die sich niemand mehr richtig interessiert. Solche Projekte werden nur deshalb nicht eingestellt, weil keiner sich traut, das Scheitern laut auszusprechen.

Sich zu fokussieren bedeutet nicht, an etwas festzuhalten, was nicht funktioniert. Nur spricht man in der digitalen Welt nicht mehr von Fehlern, sondern von Hypothesen, die sich nicht bewahrheitet haben. Schwamm drüber und neu ausrichten.

Sich fokussieren zu können hat mit Mut zu tun. Mut zur Lücke und zur Unvollkommenheit, Mut, auf die eigenen Entscheidungen und Fähigkeiten zu vertrauen. Fokussieren kann man sich nicht nur auf Themen, sondern auch auf die Rolle in einem Team.

Unternehmen, die ein solches Verständnis von Arbeit etablieren wollen, müssen die passende Umgebung dafür schaffen. Starre Hierarchien und eine Kultur der Angst lenken vom Fokus ab und fördern den Versuch, alles auf einmal und dabei nichts richtig zu machen.

Mehr Fokus, das ist auch das, was sich die digitale Wirtschaft von der Politik wünscht: sich ein Ziel zu setzen und alle Kräfte darauf zu konzentrieren. Wer die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland fördern will, muss dafür nicht nur ordentlich Geld bereitstellen, sondern auch bereit sein, innovative Technologien in den eigenen Behörden zu testen und mit kleinen Start-ups zusammenzuarbeiten. Über Digitalisierung geredet wird in der Politik andauernd. Gemacht wird immer noch zu wenig – auch deshalb, weil die Angst vor Fehlern und vor der schnellen, lauten öffentlichen Empörung so groß ist.

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Was aber, wenn vor lauter Fokus der Blick für das große Ganze verloren geht? Wenn die Konzentration auf das, was man selbst für wesentlich hält, dazu führt, dass alle irgendwann in ihren Filterblasen stecken und für Argumente von außen nicht mehr zugänglich sind? Dieses Risiko besteht.

Dagegen hilft nur, sich Freiräume zu schaffen, sich aktiv mit Themen auseinanderzusetzen, die nicht die eigenen sind, den Fokus immer wieder zu verschieben, sich weiterzubilden, die Rolle auch mal zu wechseln. Wer drei Tage lang auf der Republica war und den Themenplan oder das Smartphone ab und zu aus der Hand gelegt hat, der konnte für eine Digitalkonferenz Überraschendes beobachten: Menschen, die Plastik schreddern und Kunst daraus machen.

Leute, die Insektenhotels bauen, oder solche, die einander laut aus „Moby Dick“ vorlesen – einem Roman, der so berühmt ist, dass jeder seinen Titel schon mal gehört hat, aber so dick, dass kaum einer ihn zu Ende gelesen hat. Zur Fokussierung gehört auch, hin und wieder auch Ungewöhnliches oder Verstörendes zuzulassen.

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