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12.06.2018

15:11 Uhr

Nordkorea: Warum sollte Kim Jong Un auf Atomraketen verzichten? Reuters

Handschlag in Singapur

Nordkoreas Staatspräsident Kim Jong Un mit US-Präsident Donald Trump (rechts). Kevin Lim/The Straits Times via Reuters

Kommentar

Warum sollte „Raketenmann“ Kim auf Atomwaffen verzichten?

VonTorsten Riecke

Für eine Erfolgsmeldung nach dem Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un ist es zu früh. Das zeigt ein Blick auf andere Abkommen mit Nordkorea.

Ob etwas historisch ist, weiß man meist erst hinterher.

Sicher, dass Donald Trump und Kim Jong Un sich in Singapur die Hand reichten, mag man schon deshalb historisch nennen, weil es einen solchen Handschlag zwischen einem US-Präsidenten und dem Diktator Nordkoreas noch nie zuvor gegeben hat. Hinzu kommt, dass sich beide Länder formal noch im Krieg befinden. Deshalb verdient das Treffen in Singapur Anerkennung und macht Hoffnung, dass daraus wirklich die nukleare Abrüstung Nordkoreas folgen und ein dauerhafter Frieden auf der koreanischen Halbinsel entstehen könnte. Noch jedoch ist Vorsicht geboten.

  • 1992 unterzeichneten beide Teile Koreas ebenfalls eine Erklärung, die eine Entnuklearisierung der Halbinsel versprach. Das Dokument trägt die Unterschrift von Kim Il Sung, dem legendären Großvater des heutigen Diktators Kim Jong Un. Kurze Zeit später entdeckte der US-Geheimdienst CIA, dass die Nordkoreaner heimlich Plutonium angereichert hatten, um damit zwei Atombomben zu produzieren.
  • 1994 einigten sich Nordkorea und die USA auf einen dreistufigen Fahrplan zur vollständigen Abschaffung der nordkoreanischen Nuklearwaffen. Im Gegenzug versprachen die Amerikaner die Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Das Dokument trägt die Unterschrift von Kim Jong Il, dem Vater des heutigen Diktators Kim Jong Un. Statt zum Frieden kam es jedoch erneut zu Spannungen: Die Nordkoreaner entwickelten ein Raketenprogramm, die USA antworteten mit Wirtschaftssanktionen.
  • Auch ein letzter Versuch der Amerikaner scheiterte, zusammen mit Südkorea, China, Russland und Japan die Nordkoreaner im Rahmen der sogenannten „Sechs-Parteien-Gespräche“ zur Abrüstung zu bewegen.

Nun also kommt der selbst ernannte „King of the Deal“, Donald Trump, und ist sich bereits nach dem Handschlag für die Geschichtsbücher sicher, dass er mit Kim eine „blendende Beziehung“ haben werde. Dass an der Hand des Diktators das Blut von Hundertausenden Nordkoreanern klebt, scheint Trump in diesem „historischen“ Moment vergessen zu haben.

Von Menschenrechten ist nicht die Rede. Geschichte wird gemacht, und beide Führer brauchen den Erfolg in Singapur. Trump, um als erfolgreicher Friedensvermittler in die Kongresswahlen im November zu ziehen – und wohl auch, um das Debakel des G7-Treffens vergessen zu machen. Kim, um sein Land aus der internationalen Isolation zu führen.

Erst die nächsten Monate und Jahre werden jedoch zeigen, ob in Singapur wirklich Geschichte gemacht wurde oder ob sich hier nur Geschichte wiederholt hat.

Die konkreten Ergebnisse des Gipfels sind mager

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Der US-Präsident und Nordkoreas Machthaber sind auf dem Weg nach Hause. Die ersten Reaktionen auf ihre gemeinsame Erklärung sind überwiegend positiv.

Kim bekennt sich zur atomaren Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel, freilich ohne dafür Details oder gar einen Zeitplan zu nennen. Trump ist sich dennoch sicher, dass der Nordkoreaner nun „sehr schnell“ seine Atomwaffen auf den Müllhaufen der Geschichte werfen werde, und verspricht als Geste seines guten Willens, die gemeinsamen Militärmanöver mit Südkorea auszusetzen.

Selbst die US-Geheimdienste glauben nicht daran, dass Kim wirklich zur totalen atomaren Abrüstung bereit ist. Warum sollte der „Raketenmann“ aus Pjöngjang sein wichtigstes Faustpfand aufgeben, das ihm erst ein Treffen auf Augenhöhe mit Trump verschafft hat? Der wirtschaftliche Druck auf Nordkorea hat sich zwar verstärkt, nachdem Washington die Sanktionsschraube angezogen hatte.

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Doch Trump ist nun sein eigener Gefangener: Nach den Jubelbildern aus Singapur dürfte es der US-Präsident nicht leicht haben, den wirtschaftlichen Druck auf Pjöngjang aufrechtzuerhalten. Wie will Trump zum Beispiel den nordkoreanischen Nachbarn China bei der Sanktionsstange halten, wenn er selbst gerade Nordkoreas Diktator als „Ehrenmann“ bezeichnet hat?

Mit chinesischem Jet nach Singapur

Die Rolle Chinas ist in den Tagen vor dem Gipfel zu Unrecht in den Hintergrund gedrängt worden. Dass Kim mit einem chinesischen Flugzeug nach Singapur reiste, zeigt symbolhaft, dass ohne Peking nichts geht im Konflikt mit Nordkorea.

Wenn US-Strategen wie Trumps Sicherheitsberater John Bolton also klammheimlich die Hoffnung hegen, am Ende des jetzt angestoßenen Abrüstungsprozesses könnte vielleicht sogar ein „regime change“ in Pjöngjang stehen, dann ist das eine gefährliche Fehlkalkulation. Nicht nur Kim wird mit allen Mitteln um sein Überleben kämpfen. Auch Peking hat ein enormes strategisches Interesse daran, dass US-Truppen in einem möglicherweise wiedervereinigten Korea nicht bis zur chinesischen Grenze vorrücken.

Kim verglich das Treffen in Singapur mit einer Szene aus einem Fantasy- oder Science-Fiction-Film. Die Fantasie der Akteure könnte wie schon zuvor den politischen Realitäten enteilt sein: Eine totale Abrüstung Nordkoreas ist auch nach dem Handschlag von Singapur schwer vorstellbar. Vielleicht aber hat der Gipfel dazu beigetragen, das Kriegsrisiko zu verringern. Für den „Alles oder nichts“-Politiker Trump wäre das zwar eine Niederlage. Für den Rest der Welt wäre es ein Gewinn.

Kommentare (1)

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Herr Lothar Meurer

12.06.2018, 17:31 Uhr

Die Absichtserklärung für die koreanische Halbinsel könnte eine Blaupause für den Nahen Osten sein. Viele Worte über das Atom-Abkommen mit dem Iran, aber kein Spezialist in unseren Medien hat bisher einen Nahen Osten frei von Atomwaffen als Option vorgeschlagen. Nur Israel ist schon einen Schritt weiter. Die würden sogar einen Krieg gegen den Iran beginnen, nur damit es im Nahen Osten keine Atomwaffen gibt. Oder habe ich da etwa falsch verstanden?

Lothar Meurer, Frankfurt a.M.

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