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29.06.2022

08:48

Kommentar

Wasserstoff und CO2-Speicher lösen die Klima-Krise nicht

Von: Catiana Krapp

Die Idee, Erdgas mit einer klimafreundlicheren Alternative direkt zu ersetzen, ist verlockend – und wichtig für die deutsche Industrie. Aber sie greift zu kurz.

Eine Pipeline könnte künftig CO2 von deutschen Industriezentren nach Norwegen transportieren. Doch das wird im Kampf gegen den Klimawandel nicht reichen. Reuters

Plattform für Öl, Gas und CO2-Abscheidung in Norwegen

Eine Pipeline könnte künftig CO2 von deutschen Industriezentren nach Norwegen transportieren. Doch das wird im Kampf gegen den Klimawandel nicht reichen.

Die Vision ist beeindruckend: Deutsche Industrieunternehmen verbrennen in der Produktion kein Gas mehr, sondern Wasserstoff. Der stammt entweder direkt aus klimafreundlichen Elektrolyseuren, oder er wurde aus Erdgas so hergestellt, dass das anfallende CO2 direkt unter der Erde eingespeichert wird. Auch die restlichen Emissionen der Konzerne gelangen nicht in die Atmosphäre. Stattdessen speichern ehemalige Öl- und Gaskonzerne sie gegen Geld unter der Erde, wo sie hoffentlich für immer aus unserer Wahrnehmung verschwinden.

Es ist ein Traum, den die Chefs von Energiemultis wie Exxon Mobil oder des norwegischen Staatskonzerns Equinor dieser Tage Industriekonzernen vermitteln wollen. Tatsächlich stehen die Chancen besser denn je: Deutschland braucht dringend Alternativen zu russischem Erdgas, und muss zugleich schnellstmöglich klimaneutral werden. Doch auch die Euphorie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Technologien – so sie denn realisiert sind – allenfalls ein Teil der Lösung sein können.

Natürlich spielt Wasserstoff bei der Energiewende eine wichtige Rolle. Wasserstoff kann an windigen oder sonnigen Tagen mittels Wind- und Solarstrom emissionsfrei aus Wasser erzeugt werden. An dunklen, windstillen Wintertagen kann daraus wieder Strom entstehen. Alternativ können Stahl- und Chemiefirmen ihn anstelle von Erdgas für ihre Produktion nutzen.

Auch CO2-Speicher, die sogenanntes Carbon Capture and Storage (CCS) ermöglichen, sind in den hoffnungsvollen Klimarettungs-Szenarien diverser Organisationen fest eingeplant. Etwa im „Sustainable Development Scenario“ der Internationalen Energieagentur (IEA). Wenn der Energiesektor bis 2070 klimaneutral sein will, müssen wir demnach CO2 künftig speichern oder weiternutzen, etwa für Kohlensäure in Getränken.

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    Klima-Rettung bedeutet vor allem: eine massive Dekarbonisierung unserer Gesellschaft

    Aber beide Technologien sind noch mit zahlreichen Unsicherheiten behaftet. Grüner Wasserstoff aus Ökostrom ist teuer, deshalb dürfte erst einmal viel blauer Wasserstoff auf den Markt kommen. Um ihn zu erzeugen, ist viel Erdgas nötig. Tritt während der Förderung, des Transports oder der Weiterverarbeitung des Gases Methan aus, belastet das die Umwelt 25-mal so stark wie CO2.

    CO2-Speicher gibt es bisher nicht in den Größenordnungen, die für einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz nötig wären. Der norwegische Staatskonzern Equinor arbeitet daran, das zu ändern. Er hat jahrelang gute Erfahrungen mit zwei bestehenden CCS-Anlagen gemacht. Umweltorganisationen warnen aber, dass die neuen Projekte kompliziertere technologische Anforderungen haben als die alten. Und falls das CO2 irgendwann wieder aus den Speichern austreten sollte, hätte das gravierende Auswirkungen auf Böden und Meere.

    Nur weil Technologien nicht ausgereift sind, heißt das nicht, dass nicht daran geforscht werden sollte. Im Kampf gegen den Klimawandel werden wir alle verfügbaren Mittel brauchen. Doch am Ende bedeutet Klimarettung: eine massive Dekarbonisierung unserer Gesellschaft. Nur wenn Deutschland, Europa und andere Industrieregionen ihren Energieverbrauch großflächig auf Strom umstellen, alle verfügbaren Flächen mit PV-Anlagen und Windrädern bebauen – und den eigenen Konsum herunterfahren – kann der Wandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise wirklich gelingen.

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