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28.10.2019

16:27

Kommentar

Wie die Medienfreiheit in Osteuropa zur Illusion wird

Von: Hans-Peter Siebenhaar

Der Milliardär Petr Kellner kauft den TV-Konzern CME. Dadurch besitzt er ein mächtiges Medien-Werkzeug, um seinen Einfluss in Osteuropa auszubauen.

Der tschechische Milliardär zahlt rund zwei Milliarden Dollar für die Fernsehgruppe. insight media / ddp

Petr Kellner

Der tschechische Milliardär zahlt rund zwei Milliarden Dollar für die Fernsehgruppe.

Die Fernsehsender des in Prag ansässigen TV-Konzerns Central European Media Enterprises (CME) waren bisher ein Hoffnungsschimmer in Osteuropa. Denn die Tochter des US-Telekommunikationsanbieters AT&T präsentierte stets unabhängige, professionelle und faire Nachrichten, Magazine und politische Debatten. Das ist gerade in Ländern wie Tschechien, der Slowakei, Rumänien oder Bulgarien längst keine Selbstverständlichkeit.

Formell darf zwar jedes Medium schreiben und senden, was es für richtig hält. Doch tatsächlich verbergen sich hinter vielen Anbietern handfeste wirtschaftliche Interessen mächtiger Oligarchen.

Und wenn die letzten unabhängigen Medien gar zu hartnäckig in Sachen Korruption und Vetternwirtschaft recherchieren, müssen sie mit wirtschaftlichen Nachteilen rechnen. Im Extremfall riskieren Journalisten ihr Leben, wie die Ermordung des slowakischen Reporters Jan Kuciak zeigte.

Nun wird CME an den tschechischen Multimilliardär Petr Kellner verkauft. Es beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Selfmade-Unternehmer hat schon immer sein politisches Netzwerk für seine unternehmerischen Ziele raffiniert genutzt. Mit der Übernahme der CME besitzt er nun ein mächtiges Medienwerkzeug, um seinen Einfluss und damit seine Geschäfte in Osteuropa weiter auszubauen.

Das lässt sich der medienscheue Oligarch sehr viel Geld kosten. Über seinen Mischkonzern PPF zahlt er an die Amerikaner 2,1 Milliarden Dollar für die Fernsehgruppe mit 30 Kanälen in fünf Ländern Osteuropas.

Die Übernahme soll nach der Freigabe der Aufsichtsbehörden und der Aktionäre bis Mitte nächsten Jahres abgeschlossen sein. Dann wird Kellner, der bereits Assets im Wert von 45 Milliarden Euro unter dem Dach der PPF versammelt hat, endlich am Ziel seiner medialen Träume sein.

Kellner ist in Osteuropa keine Ausnahme. Der Erwerb von Zeitungen, Radiostationen, Fernsehsendern und Internetseiten gehört quasi zum Handwerkszeug osteuropäischer Unternehmer, die auf die Hilfe und Unterstützung durch Parteien und Regierungen angewiesen sind.

Auch Kellners Geschäftspartner, der Metro-Aktionär Daniel Kretinsky, oder der tschechische Premier und Multimilliardär Andrej Babis verfügen über mediale Macht im In- und Ausland.

Es besteht kein Zweifel: Durch den Rückzug westlicher Investoren aus dem osteuropäischen Medienmarkt gerät die Medienfreiheit in der Region immer stärker in die Defensive. Die Folgen für die jungen Demokratien liegen auf der Hand. Die vierte Gewalt, welche die westlichen Demokratien so wehrhaft macht, wird in Osteuropa immer mehr zu einem Illusionstheater.

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