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17.07.2019

18:19

Kommentar

Wir brauchen dringend einen Wirkstoff gegen die Allmacht der Algorithmen

Von: Catrin Bialek

Geschäftsmodelle, die auf Werbung basieren, sorgen für eine Verrohung der Sitten. Es braucht strenge Regulierung, um Google, Facebook und Co. zu zähmen.

Die meisten sind machtlos gegen die rot umrandeten Zahlen, die in den Apps neue Inhalte signalisieren. dpa

Soziale Netzwerke

Die meisten sind machtlos gegen die rot umrandeten Zahlen, die in den Apps neue Inhalte signalisieren.

Soziale Medien bestimmen den Alltag der Menschen. Die meisten sind machtlos gegen die rot umrandeten Zahlen, die an den Smartphone-Apps von Facebook, Instagram, Youtube, Twitter und Co. auftauchen und die signalisieren, dass neue Inhalte auf die Nutzer warten.

Gedankenlos klicken sie die Apps an und vertrödeln ihre Zeit. Eine Schulklasse unternahm jüngst den Versuch, die Bildschirme vorübergehend auf Schwarz-Weiß zu stellen, um so die Begehrlichkeit zu verringern. Einige Schüler brachen entnervt ab. Sie konnten es nicht ertragen, dass ihr Bildschirm nicht mehr verlockend bunt flimmerte.

Der Suchtfaktor, den soziale Medien auf Menschen ausüben, ist nur ein Teil der Aufmerksamkeitsökonomie, nach der Tech-Konzerne wie Facebook, Google und neuerdings auch Amazon funktionieren.

Ein anderer Aspekt ist die Verrohung der Sitten. Diskussionen im Internet finden vor allem dann Gehör, wenn die Standpunkte extrem hart vorgebracht werden. Wer ausreichend Worte der Empörung – ob aufrichtig oder nicht – in eine Nachricht streut, hat eine ungleich höhere Wahrscheinlichkeit, dass seine Ergüsse im Netz gesehen und geteilt werden.

So funktionieren die Menschen, und so funktionieren auch die Algorithmen der Tech-Konzerne. Algorithmen spiegeln letztendlich das Verhalten der Menschen wider, all ihre kleinen Laster, ihre Bösartigkeiten und Perversionen. Es ist nicht verwunderlich, dass Hasskommentare, Falschmeldungen, Wahlmanipulationen oder Verschwörungstheorien die Kehrseite der zunächst harmlos erscheinenden sozialen Medien sind.

Um diese Kehrseite geht es. Wir brauchen dringend einen Wirkstoff gegen die Allmacht der Algorithmen, die immer mehr in der Lage sind, die Meinung der Menschen zu beeinflussen. Um diesen Wirkstoff wird gerade trefflich gerungen. Es gibt durchaus Konzepte, und doch wird immer klarer: Eine Regulierung der Tech-Konzerne ist nötig.

Von der Gratiskultur zum kostenpflichtigen Angebot

Aber zunächst einige Vorschläge. Der frühere Google-Designethiker Tristan Harris hält beispielsweise die werbefinanzierten Geschäftsmodelle von Facebook, Youtube und Co. für die Wurzel des Übels. Die Werbefinanzierung führt dazu, dass die Tech-Konzerne eine größtmögliche Reichweite auf ihren Plattformen anstreben.

Dadurch erhöhen sich ihre Werbeeinnahmen. Reichweite lässt sich vor allem dann steigern, wenn die Beiträge möglichst extrem sind. Die Algorithmen sorgen also dafür, dass entsprechende Nachrichten den Nutzern angezeigt werden. Harris schlägt anstelle der Werbefinanzierung kostenpflichtige Abo-Modelle vor.

Doch wie schwer es ist, eine Gratiskultur in ein kostenpflichtiges Angebot zu überführen, erfahren gerade die klassischen Medien. Sie arbeiten mit unterschiedlich harten Bezahlschranken und stellen – je nach Ausrichtung der Publikation – eine hohe Preissensibilität fest. Nur wer den Eindruck vermittelt, einzigartigen Mehrwert zu bieten, kann einen angemessenen Eintritt verlangen. Ob das aber Tech-Konzernen gelingt, die eine Plattform anbieten, aber kaum eigene Inhalte produzieren, ist fraglich.

Gerne wird der Vergleich mit dem US-Streamingportal Netflix gezogen. Doch auch hier bleibt festzustellen: Erstens produziert Netflix eigene Inhalte und gibt dafür mehr als acht Milliarden Dollar pro Jahr aus; und zweitens kommt die große Bewährungsprobe erst noch, wenn Ende des Jahres neue Player wie der Unterhaltungskonzern Disney durchstarten und die Bibliothek von Netflix aufräumen werden.

Insofern ist der Gedanke, den Wettstreit der sozialen Medien um die Aufmerksamkeit der Nutzer durch Bezahlmodelle zu beenden, zwar interessant, aber wenig aussichtsreich.

Letztes Mittel: Zerschlagung

Ein weiterer Vorschlag ist eine Zerschlagung der Tech-Konzerne, die unter anderem prominente US-Politiker wie die Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren fordern.

Doch während die Politik noch diskutiert, schafft Facebook Fakten. So soll das Unternehmen daran arbeiten, die Kurznachrichtendienste von Facebook, Instagram und WhatsApp miteinander zu kombinieren. Es wird damit gerechnet, dass sich die Nutzer der drei Dienste bald auf einer einheitlichen Plattform austauschen können. Das wäre das Gegenteil einer Zerschlagung.

Drittens also der Vorschlag, die Tech-Konzerne stärker zu regulieren. Ein aussichtsreicher Anfang war das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das seit Anfang 2018 die Tech-Konzerne dazu zwingt, illegale Inhalte von ihren Plattformen zu löschen. Frankreich ahmt dieses Gesetz nun nach. Auch Urteile wie das Fünf-Milliarden-Bußgeld, das die US-Aufsichtsbehörde gegen Facebook wegen des Datenskandals rund um Cambridge Analytica verhängte, haben entsprechende Signalwirkung.

Es bleibt festzuhalten: Regulierung ist die Sprache, die die Konzerne am ehesten verstehen. Was den Suchtfaktor von Social Media angeht, bleiben die Nutzer selbst gefordert. Sie müssen den Absprung von der Onlinewelt zurück in die Offlinewelt schaffen. Zur Not mit einem schwarz-weißen Bildschirm.

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