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12.08.2022

15:15

Kommentar

Wir brauchen in der Debatte um China Aufklärung statt Alarmismus

Von: Dana Heide

PremiumPolitiker und Experten warnen mit Horrorszenarien davor, sich komplett von China abzukoppeln – obwohl das überhaupt niemand fordert. Damit spielen sie Peking in die Hände.

Die Spannungen in dem Seegebiet haben sich deutlich verschärft. dpa

Vor Taiwans Küste

Die Spannungen in dem Seegebiet haben sich deutlich verschärft.

Das Szenario lässt erschaudern: Deutschland drohten bei einer einseitigen, vollständigen Entkopplung von China viermal so hohe Kosten wie beim Brexit – so heißt es in einer Ifo-Studie. Andere Institute zeichnen ähnliche Szenarien. Wer wollte bezweifeln, dass ein Bruch mit der zweitgrößten Volkswirtschaft gerade für Deutschland kaum kalkulierbare Risiken mit sich brächte – zumal die Ökonomie des Landes durch den Ukrainekrieg und den damit einhergehenden Energieschock ohnehin einer historisch anmutenden Belastung ausgesetzt ist.

Immer wieder warnen auch Politiker und Wirtschaftsvertreter vor den verheerenden Folgen einer Abkopplung von China. Nur: Die Sache hat einen Haken: Den vollständigen Bruch mit China fordert niemand.

Kein ernst zu nehmender Politiker oder Experte verlangt, dass die deutsche Wirtschaft sich komplett von China abkoppeln soll. Schließlich erzielen die Unternehmen dort dank vergleichsweise hoher Wachstumsraten in vielen Bereichen noch immer gute Gewinne. Auch der Blick auf die Innovationen in der Volksrepublik kann eine Präsenz in dem riesigen Land rechtfertigen.

Indem sie mit übertriebenen Horrorszenarien agieren, lenken die Experten und Wirtschaftsvertreter gewollt oder ungewollt von der eigentlichen, viel größeren und enorm wichtigen Debatte ab. Spätestens seit der heftigen Eskalation des Taiwan-Konflikts durch China in diesem Monat müsste noch dem Letzten klar geworden sein, dass die Welt auf einen sich verschärfenden Konflikt zwischen China und den USA zusteuert.

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    Insbesondere die deutschen Unternehmen, deren Lieferketten eng mit China verflochten sind, müssen sich dringend auf eine weitere Eskalation des Konflikts vorbereiten. Es macht auch einen großen Unterschied, ob eine Firma zehn Prozent ihres Umsatzes in der Volksrepublik erzielt oder bis zu 40 Prozent, so wie die deutschen Autobauer. Bundesregierung und Forschungsinstitute müssen jetzt gezielt daran arbeiten, Abhängigkeiten zu identifizieren und zu reduzieren.

    Dabei hilft die Operation mit maximalen Horrorszenarien nicht weiter. Und dieses Vorgehen birgt noch ein weiteres Problem: Indem sie suggerieren, dass es westlichen Regierungen um die komplette Abwicklung der Chinageschäfte geht, spielen die Experten und Politiker Peking in die Hände. Denn damit bedienen sie genau das Narrativ der Kommunistischen Partei: „Wir sind die Freihändler“, behauptet die, „der Westen ist es, der die Schotten dichtmacht.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall.

    China selbst koppelt sich seit Jahren in strategisch wichtigen Bereichen gezielt ab. Umgekehrt hat die chinesische Wirtschaft jahrzehntelang von den offenen Märkten insbesondere denen Europas profitiert. Deutsche Firmen gaben bereitwillig Einblick in ihre Technologien, chinesische Facharbeiter lernten von den deutschen Unternehmen. Bis vor ein paar Jahren durften die chinesischen Unternehmen auch noch jede Firma in Europa kaufen, die sie wollten – ein Privileg, das europäische Unternehmen in China so nie hatten.

    China hat sich verändert. Peking kommuniziert inzwischen immer wieder sehr deutlich und offen, dass es Taiwan angreifen wird, sollte es sich nicht freiwillig unterwerfen. Das wäre der Punkt, an dem es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den USA und China käme. Es ist Zeit, dass die Wirtschaft das erkennt und entsprechend handelt. Dabei dürfen wir nicht naiv sein und glauben, dass uns das nichts kosten wird. Panikmache hilft aber auch nicht.

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