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12.09.2019

17:34

Kommentar

Wir brauchen in der Debatte ums Auto Lösungen statt Hysterie

Von: Sven Afhüppe

Autoindustrie und Politik müssen gemeinsam die Zukunft der wichtigsten Branche des Landes sichern. Die Diskussion um das Auto sollte dringend versachlicht werden.

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren auf der IAA gegen SUVs. AFP

Aktivisten stehen auf VW-Fahrzeugen

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren auf der IAA gegen SUVs.

Verbale Übertreibungen, gar Hysterie gehören in Zeiten von Twitter und Facebook zur neuen Normalität in der Kommunikation. Die Heftigkeit, mit der Politiker fast aller Couleur derzeit die deutsche Autoindustrie brandmarken, grenzt jedoch an Irrationalität.

Zwischen Politik und Autoindustrie wird längst keine sachliche Debatte mehr geführt. Es regieren Vorurteile und Populismus, wenn beispielsweise nach dem schrecklichen Unfall mit vier Toten in Berlin von SUV-Verboten in Innenstädten die Rede ist. Solche Forderungen sind keine ernst zu nehmenden Lösungen. Sie verschärfen jedoch den Ansehensverlust der Autoindustrie.

Die rhetorischen Reflexe erinnern stark an das Bankerbashing in der Zeit der Weltfinanzkrise. Dass ausgerechnet im Autoland Deutschland ein Kampf um das Automobil geführt wird, ist verwunderlich wie gefährlich. Schon aus eigenem Interesse sollte die Diskussion dringend versachlicht werden. Politik und Wirtschaft tragen hier eine gemeinsame Verantwortung.

Zweifellos haben die großen Autokonzerne in den vergangenen Jahren Fehler gemacht – mit der Dieselaffäre, den kartellähnlichen Absprachen und dem viel zu späten Einstieg in die E-Mobilität. Diese Themen muss die Politik aus Sorge um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Autoindustrie adressieren.

Aber die Autobranche, das weltweit einzigartige Zusammenspiel von Herstellern und Zulieferbetrieben, ist und bleibt die Herzkammer der deutschen Wirtschaft. Sie sichert Hunderttausende von Arbeitsplätzen, investiert Milliarden in Forschung und Entwicklung und genießt im Ausland weiter einen ausgezeichneten Ruf.

Die Politik sollte diesen Ruf nicht leichtfertig mit wohlfeilen Sprüchen aufs Spiel setzen. Die Mobilitätswende wird in Deutschland nur gelingen, wenn Politik und Industrie ein gemeinsames Konzept für eine CO2-arme Zukunft des Individualverkehrs entwickeln.

Die Freiheit individueller Mobilität ist ein hohes Gut in Deutschland. Aber es braucht mehr Anstrengungen und Ideen, damit Deutschland Vorreiter bei der Mobilität der Zukunft wird.

Die Politik sollte erkennen, dass die Autokonzerne zwar spät, aber mit großen Investitionen ihr Geschäftsmodell in Richtung alternative Antriebe umsteuern. Die Zahl der neuen Elektroautos, die auf der Internationalen Automesse IAA präsentiert werden, ist eindrucksvoll. Die Vorstandschefs von BMW, Daimler und VW haben die Zeichen der Zeit erkannt.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Autokonzerne es nicht allein bei der Entwicklung von batteriebetriebenen Fahrzeugen belassen, sondern auch an weiteren Antriebstechnologien wie der Brennstoffzelle forschen. Die Neujustierung des Geschäftsmodells der Autokonzerne geht in die richtige Richtung.

Bei Kunden ist dei Skepsis weiter groß

Problematisch bleibt weiterhin der Vertrauensverlust durch den Einbau unzulässiger Abschalteinrichtungen in Millionen verkaufter Dieselfahrzeuge. Bei Kunden wie in der Politik ist die Skepsis weiter groß, wie ernst es die Autoindustrie mit dem Klimaschutz nimmt.

Ob die deutschen Autobauer im Wettbewerb gegen die immer stärker werdende Konkurrenz vor allem aus Asien bestehen werden, hängt nicht allein von der Qualität der neuen Fahrzeugmodelle ab. Entscheidend ist auch, dass die Politik ihren Beitrag leistet, um umweltschonende Antriebstechnologien zu fördern, beispielsweise durch den Aufbau einer Ladeinfrastruktur.

Wenn, wie die Autohersteller prophezeien, in wenigen Jahren mehr als eine Million Fahrzeuge mit E-Antrieb zugelassen sein sollen, dann braucht es mehr als die aktuellen knapp 20.000 Ladestationen in Deutschland. Das Klimapaket, das die Bundesregierung in der kommenden Woche vorstellen will, sollte auf diesen relevanten Punkt eine Antwort geben.

Welche Hebel die Politik für ein verändertes Kaufverhalten in der Hand hat, zeigen die Folgen der veränderten Dienstwagensteuer. Der seit Anfang des Jahres geltende halbe Steuersatz für die Privatnutzung von E-Autos und Plug-in-Hybriden hat den Absatz von Elektrofahrzeugen deutlich angetrieben. Von solchen Anreizsystemen müsste es mehr geben.

Statt der wenig nachgefragten Kaufprämien für E-Autos sollte die Bundesregierung einen Vorschlag ausarbeiten, wie die Erzeugung von Strom für Elektrofahrzeuge noch nachhaltiger wird. Der immer noch hohe Anteil von „dreckigem“ Strom ist ein Grund, warum die Bürger bisher nicht vom Umstieg auf E-Autos überzeugt sind. Das zu ändern ist Aufgabe der Politik.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die gewaltigen Herausforderungen – und Risiken – offenbar erkannt. Die Umbrüche in der Mobilität bezeichnete sie bei der Eröffnung der IAA als eine „Herkulesaufgabe“ für Staat und Industrie, bei der eng zusammengearbeitet werden müsse. Die Zukunft der Autoindustrie zu sichern gelingt nur miteinander, nicht gegeneinander.

Mehr: Eine Million Ladesäulen bis 2030? Deutlich zu viel, meint die Energiebranche. Technische Weiterentwicklungen würden bei der Planung nicht berücksichtigt.

Kommentare (1)

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Herr Matthias Moser

13.09.2019, 15:23 Uhr

Sehr guter Kommentar! Alle sollten abrüsten, Politik und Industrie. Dazu gehört, daß die Politik (auch die in der Opposition) verinnerlicht, wie wichtig diese Industrie für uns alle ist. Und auch respektiert, daß die Industrie große Anstrengungen unternimmt, die Fahrzeuge emissionsärmer zu gestalten. Die Industrie muß aber auch abrüsten. Nicht auf allen Ständen der IAA war schon neues Denken sichtbar. An vorderster Front der Stände sollten Hybrid- und E-Autos stehen. Die alten Boliden kaufen die Freaks auch ohne Präsentation. Auch mach mächtiger Kühlergrill gehört eher nach Detroit, als nach Frankfurt.

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