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19.06.2019

12:56

Kommentar zur EZB

Attacke gegen den Nachfolgekandidaten: Draghi macht es Weidmann schwer

Von: Frank Wiebe

Gegen Ende seiner Amtszeit als EZB-Präsident kritisiert der Italiener den Bundesbank-Chef scharf – und offenbart sein schwieriges Verhältnis zu Deutschland.

EZB: Der Groll des Präsidenten Mario Draghi sitzt tief – Kommentar Reuters

Mario Draghi

Der EZB-Präsident fühlte sich in seiner Geldpolitik von der Bundesbank gebremst.

Mario Draghi ist im Auftreten meist verbindlich, hin und wieder humorvoll, oft zurückhaltend. Nur selten gewährt er Einblicke in seine Gefühlswelt. Nur selten ließ der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) durchblicken, wie sehr ihn die beständigen Angriffe in der deutschen Öffentlichkeit genervt haben, wo er mitunter als Geldvernichter karikiert wurde oder gleich als Vampir, der die deutschen Sparer aussaugt.

Dazu gehörte auch die Auseinandersetzung mit der Bundesbank, die in den vergangenen Jahren entschärft schien, aber zeitweise für heftige Spannungen gesorgt hatte. Draghi betrieb eine aktive Geldpolitik, die er als notwendig für den Zusammenhalt der Euro-Zone erachtete. Und er fühlte sich dabei gerade von der Bundesbank unter ihrem Präsidenten Jens Weidmann gebremst.

Jetzt ließ Draghi bei einer Konferenz im portugiesischen Sintra den Satz fallen: „Immer wenn nationale Notenbanken das Handeln des EZB-Rats nicht unterstützt haben, hat das Populismus geschürt.“ Ein starker Vorwurf, den er ohne aktuellen Anlass geäußert hat.

Kaum jemand zweifelt daran, dass dieser Satz auf Weidmann gemünzt war, der als möglicher Draghi-Nachfolger gehandelt wird. „Populismus“ kann vieles heißen. Aber vor allem bringt dieses Wort eine starke Ablehnung zum Ausdruck.

Eine späte Retourkutsche für das frühere Verhalten Weidmanns, das Draghi als unsolidarisch im Kreis der europäischen Notenbanker empfand? Ein Aufblitzen von Groll über seine acht Jahre Amtszeit in einem Land, das sich wenig Mühe gegeben hat, ihn zu verstehen? Oder der Nervosität geschuldet, weil die Euro-Zone sich wirtschaftlich auf abschüssigem Weg befindet und damit Draghis Werk gegen Ende seiner Amtszeit bedroht scheint? Vielleicht spielen all diese Faktoren eine Rolle.

Draghis Ärger sitzt tiefer als vermutet

Der Ärger des EZB-Präsidenten scheint tiefer zu sitzen als zuletzt vermutet. Zweifellos hat Draghi in Sintra Weidmanns Aufgabe erschwert, wenn der Deutsche Anfang November sein Nachfolger werden sollte. Dazu gehört auch, dass Draghi sehr offensiv für einen aktiven Kurs der EZB, unter Einsatz aller Mittel, geworben hat.

Wenn Weidmann tatsächlich seinen Job erben sollte, wird es ihm danach schwerfallen, geldpolitische Zurückhaltung zu üben, die ihm mehr liegt. Diese Weichenstellung ist sicher nicht persönlich gemeint, sondern der Einschätzung der ökonomischen Notwendigkeiten geschuldet. Aber in der Politik lässt sich Sachliches und Persönliches nur schwer vollständig trennen – und das gilt letztlich auch für die Geldpolitik.

Kommentare (2)

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Herr Jörn Weitzmann

19.06.2019, 14:25 Uhr

Eine durchsichtige Taktik!
Draghi pumpt über QE noch weiter nachhaltig Liquidität in das System, damit die „liquiditätssüchtigen“ Länder billiges Geld erhalten und keinen angemessenen Risikozinses zahlen müssen.
Es ist absehbar, dass dieses System nicht dauerhaft hält. Die Rückzahlung der Target 2 Salden ist ernsthaft zweifelhaft. Man könnte sagen: „Aus einer Luftpumpe bekommt man die Luft in den Fahrradschlauch, aber der Rückweg geht nicht ohne Verluste“.
Es ist absehbar, dass das Platzen der Blase - mit allen negativen Folgen - dem Nachfolger angelastet werden soll.

Herr Helmut Metz

19.06.2019, 15:32 Uhr

Natürlich ist das durchsichtig.
Alle "PIGS"-Staaten, die am EZB-Tropf hängen, haben Angst, dass ein deutscher EZB-Chef weniger drucken würde bzw. "indirekt" deren Staatsanleihen monetarisieren würde (direkte Staatsfinanzierung ist ja dummerweise verboten - dann muss man halt "improvisieren" ;-) ).
Im Zweifelsfall würde Weidmann jedoch nix anderes tun als Draghi.
Es ist zwar richtig, dass zu DM-Zeiten die BuBa weniger gedruckt hat als die meisten anderen Notenbanken, aber wenn es unbedingt sein musste, war die auch kein Kind von Traurigkeit. Was bis heute die wenigsten wissen: gerade die Kosten für die deutsche Wiedervereinigung wurden von der BuBa großteils gedruckt...

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