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02.05.2021

19:00

Kommentar

Zweistellige Millionengehälter für CEOs werden die Unternehmenskultur erschüttern

Von: Dieter Fockenbrock

Delivery Hero, Teamviewer und Zalando: Immer mehr Unternehmen brechen bei der Vergütung aus den Governance-Regeln aus. Das birgt Konfliktpotenzial.

Oliver Steil, Vorsitzender des Vorstands von Teamviewer, schlägt gerade alle Einkommensrekorde. Seine Aktienoptionen bringen ihm mehr als 70 Millionen Euro ein. Andreas Arnold/dpa

Teamviewer-Chef Oliver Steil

Oliver Steil, Vorsitzender des Vorstands von Teamviewer, schlägt gerade alle Einkommensrekorde. Seine Aktienoptionen bringen ihm mehr als 70 Millionen Euro ein.

Zwei Jahrzehnte hat die Crème de la Crème der Unternehmen gebraucht, um sich von der alten Deutschland-AG mit ihren engmaschigen Netzwerken zu lösen und sich moderne und transparente Governance-Strukturen zu geben. Jetzt steht die nächste Revolution ins Haus. Vorstandsvergütungen in bislang unvorstellbarer Größenordnung werden gezahlt – mit weitreichenden Konsequenzen für das Selbstverständnis der Managerelite und die Ausrichtung der Unternehmenspolitik.

Ausgelöst wird das Beben durch Start-ups wie Delivery Hero oder Zalando, die als Dax-Aufsteiger oder aussichtsreicher Kandidat die Regeln der Corporate Governance aufmischen. Nicht, weil Lieferdienste und Onlinehändler derzeit nun mal hip sind, sondern weil diese Unternehmen ihre Führungskräfte mit Aktien und Optionen auf zweistelligem Millionenniveau belohnen.

Die Vorstandschefs dieser jungen Unternehmen kassieren 40 Millionen Euro und mehr pro Jahr. Aber selbst Traditionskonzerne stoßen in neue Dimensionen vor. Die inzwischen amerikanisierte, aber trotzdem im deutschen Leitindex Dax verbliebene Linde plc hält mit. Ihr CEO Steve Angel kassierte 53 Millionen Euro. Nicht zum ersten Mal.

Erstaunlich eigentlich, dass es um solche Spitzengagen keine öffentlichen Debatten gibt. Vermutlich gehen sie im Trubel der Pandemie-Probleme unter oder Start-ups genießen Welpenschutz. Linde wird vielleicht nicht mehr als europäischer Konzern wahrgenommen. Trotzdem muss gerade jetzt die Frage gestellt werden, wohin das führen könnte, wenn zweistellige Millionengehälter nach US-Muster Maßstab werden. Solche Vergütungen sind schließlich Ausdruck einer anderen Führungskultur als der europäischen, erst recht der deutschen.

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    Geringe Grundgehälter, aber hohe Aktienpakete

    Führungskräfte werden mit gigantischen Aktienpaketen oder Aktienoptionen belohnt bei geradezu lächerlichen Grundgehältern von einigen Hunderttausend Euro. Unterstützt werden solche Vergütungen von internationalen Investmentfonds, die im günstigen Fall an langfristig einträglicher Geldanlage interessiert sind, im ungünstigen Fall schnell und kräftig Kasse machen wollen. Solchen Eigentümern ist es egal, ob sie den Vorstand zum mehrfachen Millionär machen, Hauptsache ihre eigene Rechnung geht auf.

    In Deutschland bewegen wir uns seit einigen Jahren genau in die umgekehrte Richtung. Denn hier herrscht eine andere Führungsphilosophie, die getragen ist von einem öffentlichen Diskurs um den Sinn des Unternehmertums, um Verantwortung von Managern gegenüber Beschäftigten, Umwelt und Gesellschaft.

    Entsprechend wandeln sich die Vergütungssysteme. Hohe Festgehälter – weil der Vorstand gerade in schlechten Zeiten Großes leisten sollte – plus Jahresboni und Langfristtantiemen nach allen möglichen Leistungskriterien sind angesagt. Die Strukturen wurden von Jahr zu Jahr komplexer, auch weil die Wünsche an die Unternehmensführung wachsen. Kundenzufriedenheit, Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit. Und natürlich Angemessenheit. Das verlangt sogar der Gesetzgeber.

    Weltweit agierende Investoren werden dafür allenfalls ein Lächeln übrig haben. Ihre Vorstellungen von Unternehmenskontrolle sind andere. Vorstände werden dann nicht mehr mit feinziselierten Vergütungssystemen gesteuert, Vorstände werden schlicht gefeuert, wenn die Geldgeber zu der Ansicht gelangen, dass ein Manager die falsche Richtung einschlägt. Und was weltweit agierende Fonds unter richtiger Governance verstehen, das steht mit Sicherheit nicht im deutschen Aktiengesetz. Oder im Kodex zur guten Unternehmensführung. Und es ist auch nicht der Spiegel einer gesellschaftlichen Debatte in einem Land, das nur eines von vielen ist, in denen die Investoren ihr Geld anzulegen gedenken.

    Das Prinzip des Shareholder Value kehrt zurück – in neuen Dimensionen

    Natürlich tragen auch Pensionskassen und Private-Equity-Investoren hehre Ziele vor sich her. Unternehmen sollen nun unbedingt ihren Purpose, also ihren Zweck, definieren. Und Vergütungssysteme ohne ESG-Ziele (Environment, Social Responsibility, Corporate Governance) werden von den Geldgebern nicht mehr akzeptiert. Doch die Vorstellung, dass internationale Investoren Rücksicht auf nationale Befindlichkeiten nehmen werden, ist schlicht naiv.

    Im Gegenteil: Kapital sticht. Laut deutschem Aktienrecht hat der Aufsichtsrat die Pflicht, die Bezüge eines Vorstands „in einem angemessenen Verhältnis zur Lage der Gesellschaft“ festzusetzen. Unternehmen wie eben viele Start-ups, die noch nie Gewinne geschrieben haben, dürften demnach als börsennotierte Aktiengesellschaft keine zweistelligen Millionenvergütungen zahlen. Wenn milliardenschwere Investmentfonds, Stimmrechtsberater und Private Equity aber die Deutungshoheit darüber übernehmen, was gut und was schlecht für ein Unternehmen ist, dann ist der jahrelange Kampf um nachhaltige Unternehmensführung und Stakeholder Value verloren. Das wäre die Rückkehr zum Shareholder Value. In ganz neuen Dimensionen.

    Wer übrigens glaubt, mit Delivery Hero, Linde und Zalando sei die Spitze erreicht, der sei eines Besseren belehrt. Da geht noch was. Der Vorstandschef von Teamviewer Oliver Steil dürfte mit 71,7 Millionen Euro Topverdiener unter Deutschlands Managern sein.

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