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10.01.2021

16:09

Kommentar

Zwischen Moral und Geschäft – Die Wirtschaft wendet sich zu spät von Trump ab

Von: Torsten Riecke

Manager und Unternehmer in den USA und Deutschland gehen auf Distanz zu Donald Trump. Doch ihr Gewissen meldet sich nur mit Verspätung.

US-Präsident Donald Trump mit deutschen Dax-Vorständen beim Weltwirtschaftsforum 2018. AP

Donald Trump mit dem früheren SAP-Chef Bill McDermott und Siemens-Chef Joe Kaeser

US-Präsident Donald Trump mit deutschen Dax-Vorständen beim Weltwirtschaftsforum 2018.

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.“ Viele kennen die erste Zeile aus einem Gedicht, in dem der Pfarrer Martin Niemöller über die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen nachdachte, rechtzeitig die Stimme zu erheben, um Demokratie und Rechtsstaat zu verteidigen. Diese Frage stellen sich in diesen Tagen nicht nur Politiker in den USA, sondern auch viele Manager und Unternehmer. Ihr Gewissen meldet sich jedoch viel zu spät.

Wirtschaftsverbände und CEOs können sich gerade nicht schnell genug von dem außer Kontrolle geratenen US-Präsidenten Donald Trump und seinen Anhängern distanzieren. Geschäftsverbindungen werden gekappt, digitale Maulkörbe verhängt, Buchverträge gekündigt, randalierende Trump-Fans gefeuert. Der amerikanische Industrieverband NAM fordert gar die sofortige Absetzung des Präsidenten.

Dass die Wirtschaftsführer jetzt Rückgrat zeigen, ist lobenswert. Dass dies erst am Ende der Ära eines autokratisch regierenden Narzissten geschieht, verleiht dem Aufstand der Wirtschaft gegen Trump nicht nur einen bitteren Nachgeschmack. Es zeigt auch, dass Niemöllers Gewissensfrage in wirtschaftlich verständlicher Form auch heute noch aktuell ist: Wann endet das Geschäftsinteresse, und wann beginnt die moralische Pflicht?

Vergleiche zwischen dem gewaltsamen Sturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol in Washington mit den Vorboten des Dritten Reichs verbieten sich normalerweise schon aufgrund der historischen Singularität von Adolf Hitler und seinen Schergen. Und doch fühlt sich Eon-Chef Johannes Teyssen beim Anblick der verstörenden Bilder aus den USA „fatal an die schwarzen Stunden der Weimarer Republik“ erinnert.

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    „Wir müssen jetzt in unsere Demokratie reinvestieren“, hat Goldman-Sachs-Chef David Solomon gefordert.

    Warum erst jetzt? Dass Trump autoritäre Charakterzüge hat, mit Vorliebe demokratische Regeln bricht und die Wahrheit mit Füßen tritt, konnte jeder, der es sehen wollte, vom ersten Tag seiner Amtszeit an beobachten.

    Wann endet das Geschäft, und wann beginnt die Moral?

    Das wussten die amerikanischen Manager, als sie zu Trumps Twitter-Attacken schwiegen – selbst als ihre eigenen Unternehmen dabei zur Zielscheibe wurden. Das wussten auch die deutschen Dax-Chefs, als sie sich beim Weltwirtschaftsforum (WEF) 2018 vom US-Präsidenten wie Schulbuben vorführen ließen und Siemens-Boss Joe Kaeser Trumps unfaire Steuerreform über den grünen Klee lobte.

    Und das wusste auch WEF-Gründer Klaus Schwab, als er noch im Jahr 2020 die angeblich so „integrative“ Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik des US-Präsidenten lobte, der in Wahrheit sein so Land tief gespalten hat wie kein anderer vor ihm.

    „Dies ist der Tag, für unsere Verfassung und ihre Werte die Stimme zu erheben“, twitterte Microsoft-Präsident Brad Smith am Morgen nach dem antidemokratischen Fanal auf dem Kapitol.

    Nein, die Zeit dafür wäre bereits gewesen, als Trump weit vorher Mexikaner pauschal mit „Drogenhändlern, Kriminellen und Vergewaltiger“ gleichsetzte, rechtsradikale Rassisten in Charlottesville in Schutz nahm, die Presse als Staatsfeinde verunglimpfte und Flüchtlingskinder von ihren Eltern trennen und in Käfige sperren ließ.

    Die Interdependenz der Ordnungen

    Es gibt gute Gründe dafür, dass sich Manager und Unternehmer in politischen Fragen zurückhalten. Ihr Job ist es, für Wohlstand und Arbeitsplätze zu sorgen. Allzu oft gehen sie dabei jedoch einen faustischen Pakt mit autokratischen Führern wie Trump, Putin oder Xi Jinping ein und lassen sich ihr Schweigen zu deren Verletzungen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten durch Steuererleichterungen, Deregulierung, Großaufträge oder Subventionen abkaufen. Kritik daran wird meist mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass durch diabolische Deals mit Autokraten schließlich auch Arbeitsplätze und Wohlstand gesichert würden.

    Ralf Dahrendorf hat in seinem letzten Essay über die „verlorene Ehre des Kaufmanns“ Unternehmer und Manager daran erinnert, dass ihre gesellschaftliche Verantwortung jedoch weiter reicht als bis zum nächsten Deal. „Das ist nicht nur ein moralisches Ideal, sondern durchaus praktisch zu verstehen. Verantwortung hat etwas mit der Zeitspanne zu tun, in der und für die Entscheidungsträger denken und handeln“, schrieb der große Liberale kurz vor seinem Tod 2009.

    Darin steckt die Erkenntnis, dass Wirtschaftsführer heute weit über das nächste Quartal oder den nächsten Auftrag hinausdenken müssen, wenn sie den Erfolg ihres Unternehmens langfristig sichern wollen. Schon die Ordoliberalen um Walter Eucken wussten von der Interdependenz der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ordnungen.

    Den Firmenlenkern darf es gerade in einer Zeit radikaler Veränderungen nicht egal sein, was vor den Werkstoren geschieht. Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie bilden das Fundament für wirtschaftliches Handeln. Für diese Werte auch öffentlich einzutreten und darin frühzeitig zu investieren ist deshalb eine Daueraufgabe für Unternehmer.

    Ansonsten könnte ihnen jenes Schicksal drohen, mit dem Martin Niemöller sein berühmtes Gedicht schließt: „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

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