Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

28.07.2022

12:47

Leserdebatte

Ist Oliver Blume der Richtige für die Volkswagen-Spitze?

Kann er die Doppelbelastung aus VW- und Porsche-Führung stemmen? Oder hätte der Konzern Herbert Diess noch eine Chance geben sollen? Darüber debattiert die Handelsblatt-Leserschaft.

Ab September wird er die Führung des VW-Konzerns übernehmen. Reuters

Oliver Blume

Ab September wird er die Führung des VW-Konzerns übernehmen.

„Überfällig“ und „zu spät, jedoch mit großer Wucht“: So beschreiben zwei Handelsblatt-Leser den Ende August anstehenden Abgang von VW-Chef Herbert Diess. Sein Nachfolger wird der bisherige Porsche-Chef Oliver Blume, der ab September dann sowohl VW als auch Porsche führen wird.

Dessen Kompetenz sei „unbestritten“, schreibt ein Leser. Ein anderer Leser ergänzt, dass Blume Grundvoraussetzungen mitbringe, die Herbert Diess fehlten: „nämlich Teamfähigkeit, zuhören und sich auch einmal entschuldigen können, wenn etwas nicht gut gelaufen ist“, schreibt der Leser.

Allerdings sind auch einige skeptisch angesichts Blumes bevorstehender Doppelfunktion: „Den Konzern und Porsche in Personalunion zu führen kann keine dauerhafte Lösung sein“, meint ein Leser. Dadurch würde Porsche geschwächt, „unnötigerweise und langfristig schädlich“, findet ein anderer. Und ob er so die Arbeit tatsächlich besser machen kann als Diess, bezweifelt auch einer der Handelsblatt-Leser.

Daneben sieht die Handelsblatt-Leserschaft aber noch weitere Herausforderungen für Blume, etwa die Führungskultur bei VW als auch das „Software-Chaos“. Zudem sei Porsche von der Komplexität mit VW nicht vergleichbar, schreibt ein Leser. „Um eine Transformation eines solchen Markenkolosses herbeizuführen, braucht es ein großes Netzwerk an Führungskräften, die diesen Weg gemeinsam beschreiten wollen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Einige andere stehen dem Wechsel an der VW-Spitze nicht so positiv gegenüber. Diess musste „den größten Autohersteller der Welt in die Transformation führen, ein ‚lahmes Pferd auf schnell umstellen‘“, argumentiert ein Leser. „Das hat er richtig und mit der nötigen Konsequenz gemacht. Denn nur so kann der Konzern überleben.“ Ein anderer Leser meint, dass die unternehmerischen Taten von Diess zu gering und die negativen dagegen zu hoch bewertet wurden.

    Aus den unterschiedlichen Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir hier für Sie eine Auswahl zusammengestellt.

    VW als Schleudersitz

    „VW war für externe Manager, die sich nicht Jahrzehnte im Konzern hochgedient haben, schon immer ein Schleudersitz. Die Personalie Diess zeigt, wie schwer es ist, gegen derart verkrustete Strukturen anzukommen.

    Oliver Blumes Kompetenz ist unbestritten. Den Konzern und Porsche in Personalunion zu führen kann keine dauerhafte Lösung sein. Zusammen mit dem mächtigen Betriebsrat wird das Chaos zur Besitzstandswahrung in Wolfsburg weitergehen.“
    Thomas Rauch

    Warum tut sich jemand nur so etwas an?

    „Der VW-Konzern hat insgesamt eine unsägliche Führungskultur mit ewig gestrigen Führungskräften, die auch für Herrn Blume nur schwer zu ändern sein werden. Dazu kommt das Beharrungsvermögen einer überholten Organisation und das Fehlen jeglicher Selbstkritik. Schwachpunkte werden nicht analysiert und schon gar nicht angesprochen oder geändert.

    Aus dem Umfeld der Politik kann er keine oder nur wenig Unterstützung erwarten, und die Eigentümerfamilie ist nicht gerade als geduldig bekannt.

    Warum tut sich jemand nur so etwas an?“
    Thomas Hämmerling

    Zu spät, jedoch mit großer Wucht

    „Wie fast jede große Entscheidung bei VW so kommt die Entlassung von Herbert Diess zu spät, jedoch mit großer Wucht. Es war doch schon lange klar, dass Diess nahezu allein auf verlorenem Posten stand und nur durch spannende Visionen begeistern konnte.

    Durch die Ernennung von Blume und dessen Doppelfunktion wird Porsche geschwächt, unnötigerweise und langfristig schädlich. Auch hier folgt VW einem alten, meist nicht erfolgreichen Muster.“
    Kurt-Georg Scheible

    >> Lesen Sie dazu: Chronologie des Rauswurfs – so kam es zur Ablösung von VW-Chef Herbert Diess

    Diess zu entlassen war ein Fehler für ganz Deutschland!

    „Das ist der größte Fehler, den der Aufsichtsrat begangen hat. Blume hat bei Porsche ein ‚schnelles Pferd schnell gehalten‘. Und mit den Premiumgewinnen konnte er seine Transformationsprobleme leicht kaschieren. Dazu kommt, dass er eine Nische bedient hat und einen Kleinhersteller mit Porsche lenkt.

    Diess hingegen musste den größten Autohersteller der Welt in die Transformation führen, ein ‚lahmes Pferd auf schnell umstellen‘. Das hat er richtig und mit der nötigen Konsequenz gemacht. Denn nur so kann der Konzern überleben. Diess steht für Deutschland als konsequenter Digitalisierungs- und Transformationsmanager, der als Vorbild bis in die Kleinbetriebe gilt. Jetzt sägt man ihn ab, weil durch seinen Speed alle ‚Muskelschmerzen‘ haben.

    Besser wäre es, alle trainieren besser, werden wach und jammern nicht rum. Wir sind in Deutschland/Europa im freien Fall und haben uns in eine Wohlstandsträgheit gebracht, welche unverantwortlich ist. Statt in die Hände zu spucken, gehen wir auf die Bremse.

    Ich selbst habe in China und Deutschland mein Vermögen gemacht und prognostiziere, dass Volkswagen in China seinen Markt verlieren wird, dann bleibt ein schwaches Europa und der US-Markt. Die Perspektive ist also in einem stark umkämpften Umfeld schlecht. Dazu kommt, dass sich Mobilität verändert: weg von Besitz, hin zu Sharing. Die Bedeutung des Autos verändert sich mit den kommenden Generationen. Diess zu entlassen war ein Fehler für ganz Deutschland!“
    Joerg-Peter Schultheis 

    Einfach aus der Zeit gefallen

    „Genau wie damals Martin Winterkorn geradezu an seinem Stuhl festgeklebt schien – die Abberufung von Herbert Diess war auch längst überfällig. Ein Manager, der vorwiegend selbstgefällig und arrogant auftritt und nur auf sein Ego achtet, ist einfach aus der Zeit gefallen.

    Viele schwere Aufgaben warten auf Oliver Blume. Aber zumindest scheint er Grundvoraussetzungen mitzubringen, die Herbert Diess fehlten: nämlich Teamfähigkeit, zuhören und sich auch einmal entschuldigen können, wenn etwas nicht gut gelaufen ist.

    Beim Thema E-Fuels bin ich sehr skeptisch: Natürlich wäre es für die deutsche Automobilindustrie schön, wenn der Verbrennungsmotor überleben würde. Aber ist es wirtschaftlich wirklich darstellbar, mit sehr viel mehr Aufwand weiter Verbrennungsmotoren zu produzieren, während der elektrische Wettbewerb mit viel weniger Arbeitskräften auskommt?

    Ich meine, man muss sich am Wettbewerb orientieren, wenn man am Markt bestehen möchte. Der Diesel ist bereits so gut wie tot, und vermutlich werden auch die anderen Verbrennungsmotoren verschwinden. Das kann Deutschland allein nicht aufhalten.“
    Herbert Neumayer

    Ob das reicht?

    „Das wird nicht einfach – so einen verwöhnten Porsche-Manager hat VW schon mal gehabt. Und nun soll er auf einmal Spur halten in seinem Konzern und das Ruder bei VW herumreißen. Blume wirkt für mich abgehoben und ohne Bodenhaftung. Applaus von der Gewerkschaft – ob das reicht?“
    Karl-Heinz Wittmann

    Er stand seit April 2018 an der Spitze der Gruppe, vorher hatte er die Kernmarke Volkswagen Pkw geleitet. dpa

    Herbert Diess

    Er stand seit April 2018 an der Spitze der Gruppe, vorher hatte er die Kernmarke Volkswagen Pkw geleitet.

    Das Ganze wurde nicht ausgewogen bewertet

    „Für einen Außenstehenden ist schwer verständlich, was sich derzeit bei VW tut. Was das Wirken von Herrn Diess angeht, der sicherlich einige Fehler in der internen und externen Kommunikation gemacht hat, werden meines Erachtens die positiven unternehmerischen Taten zu gering, die negativen dagegen zu hoch, das Ganze also nicht ausgewogen bewertet.

    Herr Blume wird es angesichts seiner Mehrfachbelastung und des geplanten Porsche-Börsengangs schwer haben, die Sache besser zu machen.“

    Hjalmar Kuntz

    Das „Software-Chaos“ wird die größte Herausforderung

    „Neben vielen Aufgaben, die Herrn Blume erwarten, dürfte sicherlich das ‚Software-Chaos‘ die größte Herausforderung werden. Spannend wird es, hier zu beobachten, wie Herr Blume als Maschinenbauer mit viel Produktionserfahrung das hochkomplexe Thema Software-Entwicklung angehen wird.

    Verspätete Software-Entwicklungsprojekte lassen sich nur schwer durch mehr Ressourcen lösen, sondern oft hilft nur ein tiefgreifender Umbau sowohl, was die Architektur der Software angeht, als auch die Organisation. 

    Aus meiner Sicht führt hier kein Weg an einer Art CTO vorbei, der die notwendige Erfahrung in der Entwicklung sicherheitskritischer Software mitbringt und sich organisatorisch und inhaltlich mit der CARIAD auseinandersetzen kann.“
    Florian Leitner-Fischer 

    Oliver Blume ist der Antipode zu Herbert Diess

    „Oliver Blume ist der Antipode zu Herbert Diess. Mit dem Erfolg von Porsche und seiner klaren Kommunikation hat er das Vertrauen vieler Stakeholder bei VW gewonnen.

    Doch Porsche ist von der Komplexität mit VW nicht vergleichbar. Um eine Transformation eines solchen Markenkolosses herbeizuführen, braucht es ein großes Netzwerk an Führungskräften, die diesen Weg gemeinsam beschreiten wollen. Das verlangt Menschenfänger-Qualitäten und zugleich Durchsetzungsvermögen, zeitnah notwendige Maßnahmen zu treffen, um mit Sprintern wie Tesla und einem Elon Musk mithalten zu können.

    Diese Herkulesaufgabe vollbringen zu können und nebenbei Porsche weiterzuführen ist aus meiner Sicht in einem Konzern mit sehr mächtigen Aufsichtsratsmitgliedern nicht machbar. Denn Blume hat nicht die Entscheidungsmacht eines Elon Musks wie bei Tesla.

    Deshalb muss es Blume gelingen, die wichtigsten Entscheidungsträger bei VW für seine Stoßrichtung zu gewinnen, Einzelinteressen gegen diesen neuen Weg zu eliminieren und vor allem die richtigen Weichen zu setzen, damit sich VW weiterhin erfolgreich gegen den Wettbewerb behaupten kann. Das kostet sehr viel Zeit, Energie und Kommunikation neben den technologischen Herausforderungen. Beides ist von gleichwertiger Bedeutung.“
    Harald Smolak

    Blume wird nur der Übergangskandidat sein

    „Die Entlassung kam viel zu spät; mit seinem absolut überzogenen Ego hätte Herbert Diess nie Vorstandsvorsitzender werden sollen.
    Der Fehler liegt vor allem beim Mehrheitsaktionär (AR) Piëch/Porsche durch sein Verhalten dem Vorstand gegenüber.

    Blume wird nur der Übergangskandidat sein, bis auch die Familien mit ihm brechen (Beispiel Wiedeking). Die Grundsatzentscheidung, die Zukunft nur im E-Auto zu sehen, ist falsch aufgrund der absoluten China-Abhängigkeit (siehe BMW ‚Neue Klasse‘).

    Solange der VW-Vorstand gegen die eigenen Mitarbeiter arbeitet und nicht auf erfahrene Praktiker aus den Werken hört, werden die Probleme weitergehen.“
    Horst Krancher

    Diess' Strategie war richtig

    „Die Absetzung war ein Fehler. Seine Strategie war richtig. Der Betriebsrat ist unnötigerweise zu stark.“
    Manfred Sachsenmaier

    Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an [email protected] oder auf Instagram unter @handelsblatt.

    Mehr: In der vergangenen Woche debattierte die Handelsblatt-Leserschaft darüber, wo Deutschland im Kampf gegen den Klimawandel steht.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×