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09.12.2022

14:23

Leserdebatte

Wem schadet das Ölembargo am meisten?

Und wie sinnvoll sind das Ölembargo und der Ölpreisdeckel? Darüber debattiert die Handelsblatt-Leserschaft. Lesen Sie hier eine Auswahl der Kommentare.

Russisches Öl darf seit Anfang der Woche über den Seeweg nicht mehr in die EU gelangen. imago images/ITAR-TASS

Ölplattform

Russisches Öl darf seit Anfang der Woche über den Seeweg nicht mehr in die EU gelangen.

Seit Montag sind das Ölembargo und der Ölpreisdeckel in Kraft. Ziel ist es, Russland durch diese Maßnahmen die Finanzierung des Ukrainekriegs zu erschweren. Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, für wie sinnvoll sie diese Sanktionen halten.

Dabei zeigt sich in den Zuschriften sehr viel Skepsis. So befürchten einige, dass durch die Sanktionen „am meisten die deutsche Wirtschaft und die deutschen Verbraucher“ getroffen werden. Denn diese müssten die höheren Preise der anderen Lieferanten akzeptieren oder Entlastungszahlungen des Staats durch Steuern finanzieren. Zusätzlich schreibt ein Leser: „Die Russen sitzen auf so vielen Rohstoffen, die unsere Industrie benötigt, dass sie einfach den längeren Atem haben.“

Ein anderer Leser vermutet, dass sich das Ölembargo zu einem „Reise-nach-Rom-Spiel“ entwickelt, „bei dem man vergessen hat, einen Stuhl wegzuräumen“. Er glaubt also, dass sich die Kaufströme des Öls einfach anders verteilen werden. Im schlimmsten Fall, befürchtet ein anderer Leser, bekommen „wir dann umdeklariertes russisches Öl per Tanker“.

Auch beim Ölpreisdeckel herrscht Skepsis: „Entweder der Deckel ist so hoch, dass man ihn auch weglassen und unter politischem Aktionismus ‚abbuchen‘ kann“, schreibt ein Leser. Oder er stellt sich als zu niedrig heraus, sodass es zu einer Verknappung und Preiserhöhungen kommt.

Statt eines Ölembargos oder Ölpreisdeckels sieht ein anderer Leser die Lösung in einer konsequenten und umfassenden Strategie hin zu erneuerbaren Energien: „Das wäre die Lösung, die uns unabhängig von Öl, Kohle und Gas machte und damit auch Putin nachhaltig schädigen würde.“

Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Eine Show, um das Publikum gewogen zu halten

„Ölembargo? Eine Show, um das Publikum gewogen zu halten!

Die USA haben es vorgemacht: Soja-Embargo für Exporte nach China. Was ist passiert? China kauft Soja in Brasilien (das vorher Soja nach Europa verkauft hat), Europa feiert sich als Retter für die US-Bauern, da es nun US-Soja statt des brasilianischen Sojas kauft. Passiert ist am Ende so viel wie bei einem Reise-nach-Rom-Spiel, bei dem man vergessen hat, einen Stuhl wegzuräumen.

So wird es auch beim Öl sein. Nur heißen die Länder anders …“
Wolfgang Emmerich

Entweder der Deckel ist zu hoch oder zu niedrig

„Entweder der Deckel ist so hoch, dass man ihn auch weglassen und unter politischem Aktionismus ,abbuchen‘ kann ...

... oder er ist zu niedrig, und es ergeht ihm wie allen anderen Preisdeckeln in der ökonomischen ‚Deckelgeschichte‘: Es kommt zu einer für alle schädlichen Verknappung, und die Preiserhöhungen werden nachgeholt, wenn der Markteingriff nicht mehr zu halten ist.“
Gregor Wies

Schießen uns selbst ins Knie

„Auch hier schießen wir uns wieder selbst ins Knie, weil es wohl kaum gelingt, dass der Masterplan nicht hintergangen wird. Im dümmsten Fall bekommen wir dann umdeklariertes russisches Öl per Tanker.“
Thomas Staggemeier

Wir drosseln das Tempo, aber ändern nicht die Richtung

„Was in letzter Zeit zu sehen ist, sind im Wesentlichen Maßnahmen, die ein ‚Weiter-so‘ befördern. Es ist keine konsequente und umfassende Strategie hin zu Erneuerbaren inklusive notwendiger Infrastruktur zu erkennen. Das wäre die Lösung, die uns unabhängig von Öl, Kohle und Gas machte und damit auch Putin nachhaltig schädigen würde.

So verkaufen seine Oligarchen vielleicht weniger Gas und Öl nach Europa, aber zu höheren Preisen, und der Rest und mehr geht in neue Märkte. Ob der Gaspreisdeckel in erhoffter Weise wirkt, muss sich erst noch zeigen.

Okay, wir versuchen, die Geschwindigkeit von 180 km/h ein wenig zu drosseln, mit der wir auf eine meterdicke Betonwand zurasen. Aber wir ändern nicht die Fahrtrichtung. Klar braucht es auch einen Weg weg von fossiler hin zu nachhaltiger Energieerzeugung. Also weiterfahren, aber nur bis zu dem Abzweig in die Straße nach Nachhaltigkeitstown! Nur genau der wirkliche Wille zum Abbiegen ist nicht erkennbar, nur der, irgendwie in die gleiche Richtung weiterfahren zu wollen, möglichst ohne Komfortverlust.

Das wird aber gesichert maximal unkomfortabel enden. Genau, wie die Betonwand nicht nachgeben würde, wird es die Natur auch nicht tun. Die Naturgesetze, die sich in Milliarden Jahren entwickelt haben, wirken zwangsweise – können gar nicht anders. Gnade unseren Kindern, Enkeln und folgenden Generationen Gott oder wer auch immer.“
Rolf Rimbach

Russland hat wohl den längeren Atem

„Die EU (van der Leyen), SPD und Grüne mit der Ampel haben mit den Sanktionen einen Griff in die Toilette getan. Sie haben unserer Wirtschaft und den Menschen in Deutschland mehr geschadet als den Russen. LNG kann nie die Lösung sein, weil es einfach zu teuer ist. 

Die Russen sitzen auf so vielen Rohstoffen, die unsere Industrie benötigt, dass sie einfach den längeren Atem haben. Bei allen Sanktionen: Russen hungern nicht, Russen frieren nicht, und Russen haben die gleichen Spritpreise wie zuvor. Und über Klimapolitik braucht man sicher in den nächsten 20 Jahren mit den Russen wohl kaum zu sprechen.“
Alfred Schulte

Deutsche Wirtschaft und Verbraucher werden sanktioniert

„Der Preisdeckel sanktioniert wie die meisten Russlandsanktionen am meisten die deutsche Wirtschaft und die deutschen Verbraucher, denn wir müssen die höheren Preise der anderen Lieferanten akzeptieren. Russland kann seine Produkte, vor allem im asiatischen Raum, zu einem höheren Preis als dem Preisdeckel verkaufen.“
Georg Scherer

Wir brauchen nicht heuchlerisch zu sein

„Das Ölembargo schadet Europa. Man schaue auf den Dollar-Kurs, den Rubel und den Euro und kann daraus ganz klar einen Verlierer sehen, und das ist ganz eindeutig nicht der Rubel und nicht der Dollar. Das beweist es ganz klar.

Wir müssen unsere Existenz als Erstes schützen und können uns keine De-Industrialisierung erlauben. Außerdem brauchen wir nicht heuchlerisch zu sein: Seit wann hat es uns gestört, Öl von Ländern zu kaufen, die nicht auf Menschenrechte achten? Siehe Saudi-Arabien und dessen Krieg gegen den Jemen.“
Pascal Lauria

Das bringt nichts

„Das Ölembargo schadet uns viel mehr als den Russen. Der Ölpreisdeckel ist absoluter Quatsch, und wir werden alle sehen, dass das nichts bringt und eher der Schuss nach hinten losgeht.

Unsere Politiker und allen voran die Fehlbesetzung in Brüssel lassen sich zu sehr von den ukrainischen Forderungen treiben. Wann sagt den Ukrainern endlich einer, dass auch sie zu Zugeständnissen bereit sein müssen, um zu einem Frieden zu kommen.“
Rupert Werkmann

Wir müssen mit unseren Steuern bezahlen

„Das Ölembargo wie auch die anderen Maßnahmen schaden den Deutschen mehr als Russland. Die Gelder, die der Staat aufnimmt, müssen wir teuer in den nächsten Jahren mit unseren Steuern zurückzahlen, ohne jede Schuld.

Als Kind habe ich den Zweiten Weltkrieg erlebt, da waren wir schuld dran, aber jetzt???“
Günter Fortmann

Grafik

Schmerzhafte Folgen hat das nur für uns

„Nachdem die EU insgesamt acht (wirkungslose) Sanktionspakete gegen Russland verhängt hat, soll jetzt das Ölembargo bzw. der Ölpreisdeckel die Russen in die Knie zwingen?

Schmerzhafte Folgen hat das nur für uns. Nicht für die Entscheider in Berlin, sondern für die allermeisten hierzulande, denen es nicht egal ist, wie hoch die Gasrechnung ausfällt oder wie viel der Liter Benzin kostet.“
Gero Schwarz

Ein Rohrkrepierer

„Uns als Bürger, ganz einfach.

Begründung:

  • Russisches Öl wird weiterverkauft, andere Abnehmer werden sich finden, Indien, China etc.; Öl wird in Zukunft noch weiterhin gebraucht.
  • Trotz Preisdeckel bei 60 Dollar liegt der aktuelle Rohölpreis bei 63 Dollar; das ist nicht wirklich viel und vermutlich zu verschmerzen.

Die politische Handlung nach außen mag als sinnvoll erscheinen, beim näheren Hingucken ist der Preisdeckel ein Rohrkrepierer, und den Preis dafür zahlen die Bürger. Natürlich gibt es staatliche Ausgleichszahlungen zur bürgerlichen Kostenminderung, die aber wiederum von unseren Steuergeldern finanziert werden.

Wer hat denn die ganze Krise (steigende Preise bei Öl/Gas/Rohstoffen) verursacht? Meine Devise ist, erst haben (autark, andere Quellen), dann dankend ablehnen (Sanktionspakete). Leider haben wir keine Alternativen außer Absichtserklärungen – Verträge in der Zukunft, nichts ...“
Johann Bayer

Wichtiger ist der Klimaschutz

„Wenn unsere Politik unseren zunehmenden Strom- und Energiebedarf und die dazu noch lange hinterherhinkenden erneuerbaren Energien realistisch einschätzen würde, dann müsste sie unsere sicheren Atomkraftwerke so lange reaktivieren und einsetzen, bis grüner Strom unseren Bedarf endlich sicher liefern kann. Allein die Ankündigung, dass wir unsere AKWs weitereinsetzen, würde die Weltmarktpreise für Gas und Öl drastisch senken und uns von vielen Problemen schlagartig entlasten. Viel wichtiger ist, für den dringend gebotenen Klimaschutz, der kaum Aufschub duldet, unseren klimaschädlichen fossilen Strom so weit wie möglich durch CO2-freien Atomstrom zu ersetzen.

Wenn andere Länder nach unserem ‚Vorbild‘ ihre AKWs ebenso wie wir abstellen würden, würde das Klima kaum mehr zu retten sein und Energie würde unbezahlbar.“
Kurt Hergenröther

Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an [email protected] oder auf Instagram unter @handelsblatt.

Mehr: In der vergangenen Woche debattierte die Handelsblatt-Leserschaft, warum kaum noch jemand Chef werden will.

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