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11.07.2022

04:00

Pro & Contra

Darf man Bürgern vorschreiben, wie sie heizen und duschen sollen?

Von: Kathrin Witsch, Thomas Sigmund

Vorschläge der Regierung und ein Vorstoß der Vonovia sorgen für eine erhitzte Debatte über die kommenden kalten Tage.

Gas sparen dpa

Gas-Krise

Die Verantwortung beim Energiesparen muss von allen getragen werden.

Pro: In der Krise muss jeder Verantwortung übernehmen

Heizungen werden gedrosselt, Warmwasser gibt es nur noch stundenweise – in den vergangenen Tagen laufen solche Meldungen über die Bildschirme vieler Bürger. Müssen wir im Winter in der eigenen Wohnung frieren? 

Zunächst einmal gilt es durchzuatmen: Privathaushalte gehören in Deutschland zu den sogenannten geschützten Kundengruppen. Das heißt: Ihnen wird von Staats wegen zuallerletzt die Heizung abgedreht. Dass es überhaupt dazu kommt, ist so gut wie ausgeschlossen. 

Trotzdem verfallen Boulevardmedien, einzelne Politiker und besorgte Bürger jetzt schon in den Panikmodus und schüren Unsicherheit und Angst, indem sie das Bild der frierenden Bevölkerung beschwören. Das ist, um es kurz zu sagen, unverantwortlich.

Ein besonderer Streitpunkt: Der Wohnungsbaukonzern Vonovia will die Gasheizungen seiner Mieter zu Beginn der Heizperiode nachts auf 17 Grad begrenzen, um Energie zu sparen. Die Entrüstung ist groß. Dabei empfiehlt selbst das Umweltbundesamt nachts die Raumtemperatur in Wohn- und Arbeitsräumen auf bis zu 15 Grad und im Schlafzimmer auf bis zu 17 Grad zu senken.  

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    Natürlich ist das ein Eingriff in die persönliche Freiheit des Einzelnen. Und es muss auch nicht vom Vermieter zwangsverordnet werden. Aber wer sich über solche Maßnahmen beschwert, der hat nicht verstanden, dass jeder Einzelne in diesen Tagen eine Verantwortung trägt.

    In Europa tobt ein Krieg, der unzählige Menschenleben kostet und unser aller Freiheit gefährdet. Diese Freiheit muss durch die Anstrengung eines jeden verteidigt werden. Dafür gilt es, sich aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien. Und das geht nur, indem wir weniger Energie verbrauchen. 

    Gerade demonstriert der russische Präsident Wladimir Putin seine Macht, indem er die Gaszufuhr nach Deutschland und Europa massiv runterfährt. Noch ist nicht abzusehen, welche Folgen das für die Bundesrepublik hat. Ob sie es ohne Rationierungen für die Industrie überhaupt durch den Winter schaffen kann. 

    Deswegen gilt: jetzt so viel Gas sparen wie möglich, damit der Schaden im Winter so gering wie nötig ausfällt. Und dazu hat jeder seinen Beitrag zu leisten. Wer Panik schürt, anstatt an Vernunft und Verantwortung zu appellieren, spielt Putin in die Hände. 

    Dass viele den Ernst der Lage noch nicht verstanden haben, zeigen die jüngsten Zahlen: Während die Industrie merklich weniger Energie verbraucht, hat sich beim Haushaltskunden bislang kaum etwas getan. Das muss sich ändern. Jeder sollte so viel einsparen, wie er kann. Sonst sind 17 Grad im Schlafzimmer im nächsten Winter unser kleinstes Problem. Kathrin Witsch

    Contra: Freiheit wenigstens unter der Dusche

    Deutschland entwickelt sich immer mehr zum energiepolitischen Leviathan; zu einem Monster von mythischem Ausmaß, wie es der Philosoph Thomas Hobbes beschrieben hat. Während der Coronakrise haben die Deutschen den starken und schützenden Staat zwangsläufig akzeptiert. Nun soll man sich schon dafür schämen, wenn man angesichts der Energiekrise länger als fünf Minuten duscht. Der Bundeswirtschaftsminister hat seine Duschzeit jedenfalls seit Kriegsbeginn nochmals deutlich verkürzt, wie er den Bürgerinnen und Bürgern, ob sie es wissen wollten oder nicht, erzählte.

    Robert Habeck politische Folklore vorzuwerfen, wäre zu billig. Aber bei allem Verständnis für die Energiespartipps: Wie lange man unter der Dusche steht, sollte jeder noch selbst entscheiden können. Man muss eben auch bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen.

    Seit Deutschlands größter Wohnungskonzern angekündigt hat, nachts die Heizungsleistungen in zahlreichen seiner Wohnungen runterfahren, wird die Sache für viele Menschen im Land sehr konkret. Vonovia ist ein Unternehmen, das sich am Markt bewähren muss. Wenn der Konzern Gas sparen will, ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden. Will der Mieter es nachts wärmer haben, kann er ein mit Strom betriebenes mobiles Heizgerät anwerfen und muss dafür tiefer in die Tasche greifen. An eines sei aber auch erinnert: Der Deutsche spart gern. Die Bürger sind ohnehin zum Verzicht bereit.

    Auf der anderen Seite: Freibäder müssen nicht auf 28 Grad hochgeheizt und Theater nicht angestrahlt werden. Auch eine Großbäckerei muss nicht bis abends das komplette Sortiment anbieten. Aber in einem kalten Wohnzimmer mögen die Bürger nicht sitzen. Habeck und Vonovia sollten sich daher zusammensetzen und rigide Eingriffe ins Privatleben vermeiden. Ohne sozialen Frieden im Land läuft es schlecht für Politik und Wirtschaft.

    Aber das Gegenteil droht: Aus den Sparappellen des Wirtschaftsministers könnten, wie er sagt, „notfalls“ gesetzliche Maßnahmen zur Energieeinsparung werden. Auch wenn wir uns in einer Kriegswirtschaft befinden: Wir wollen nicht in Mao-Kitteln herumlaufen, weil der Textilindustrie die Energie ausgeht. Die Politik muss, wie es Ludwig Erhard formulierte, maßhalten. Nicht nur der Energieverbraucher.

    Habeck wird nicht müde zu betonen, dass es auf jede Kilowattstunde ankommt. Kommt das Thema auf das Weiterlaufen der drei Atomkraftwerke, die sich noch am Netz befinden, macht der Grünen-Politiker zu. Lieber schneller duschen als sich mit der Parteibasis anlegen. Das wäre dann richtig unbequem – aber nur für ihn. Thomas Sigmund

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