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10.10.2019

12:31

Pro & Contra

Sollte Greta Thunberg den Friedensnobelpreis bekommen?

Die 16-Jährige hat heute schon mehr erreicht als viele Preisträger, meint Matthias Brüggmann. Ihre Anklage ist zu einseitig und kontraproduktiv, findet Klaus Stratmann.

Die Klimaaktivistin aus Schweden bewegt seit einem Jahr weltweit Hunderttausende Menschen. AP

Greta Thunberg

Die Klimaaktivistin aus Schweden bewegt seit einem Jahr weltweit Hunderttausende Menschen.

Pro: Mutig, mit großer Wirkung

Von Mathias Brüggmann

Gleich vorweg: Ich habe noch nie an einer Fridays-for-Future-Demonstration teilgenommen. Aber mir nötigt deren Anführerin Greta Thunberg größten Respekt ab. Und wenn an diesem Freitag der Friedensnobelpreis vergeben wird, sollte die 16 Jahre alte Schülerin aus Schweden die Preisträgerin sein.

Denn sie ist schon heute wirkmächtiger als moralische Helden wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Martin Luther King. Binnen nur eines Jahres hat Greta es als zunächst einzelne Klimastreik-Demonstrantin vor dem schwedischen Riksdag geschafft, eine Millionenbewegung zu formen. Eine Demonstrationswelle um die Welt zu schicken, die heute dazu führt, dass Klimaschutz endlich ernst genommen wird. Selbst das überschaubare Klimapaket der Bundesregierung wäre noch unambitionierter ausgefallen ohne Gretas Druck der Straße.

Greta hat mit ihrer Bewegung, ihrer kompromisslosen Entschlossenheit, ihrem leidenschaftlichen Drängen und ihrem Mut zaudernde Politiker und Manager zum Handeln gebracht. Sie erfüllt, was der Preisstifter Alfred Nobel wollte: Der Friedensnobelpreis solle „an denjenigen gehen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ habe.

Greta Thunbergs Projekt Klimaschutz ist ein Friedensprojekt. Nur wenn halbwegs lebenswerte Verhältnisse auf der Welt erhalten werden, wird die Menschheit sich nicht mit Kriegen um Wasser und Lebensmittel selbst dezimieren. Nur dann wird die Zahl der Klimaflüchtlinge nicht in die Milliarden gehen.

Schon jetzt hat die Schwedin deutlich mehr erreicht als der frühere US-Vizepräsident Al Gore mit seinem Wirken gegen die Erderwärmung. Er hatte 2007 den Preis bekommen.

Es ist leicht, sich über Greta und ihren fast schon religiösen Duktus lustig zu machen. Doch ihr Mut zeichnet die 16-Jährige aus. Wer von uns ist in der Lage, den Staatenführern dieser Welt so klar formuliert ein „Wie könnt ihr es wagen?“ entgegenzuschleudern?

Damit ist sie zugleich ein Symbol für Menschen, die unter Krankheiten wie dem Asperger-Syndrom leiden. Ihre Botschaft: Traut euch, werdet laut. Sie ist ein Symbol der Hoffnung und hat den Friedensnobelpreis verdient.


Contra: Übertriebener Hype

Von Klaus Stratmann

Greta Thunberg wird bereits in einem Atemzug mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela genannt. Das ist reichlich übertrieben. Die 16-jährige Schülerin hat es in den vergangenen Monaten vermocht, weltweit junge Menschen dazu zu bewegen, für mehr Klimaschutz auf die Straße zu gehen. Dafür gebührt ihr Respekt – mehr nicht. Ihr dafür den Friedensnobelpreis zu verleihen, wäre ein Fehler.

Der Hype, der sich um Greta Thunberg entwickelt hat, verstellt den Blick auf die Realität. Klimaschutz ist seit vielen Jahren ein Topthema für Politik und Wirtschaft, für die Wissenschaft und für große Teile der Gesellschaft.

Institutionelle Investoren lenken Milliardenbeträge raus aus fossilen Vorhaben in grüne Projekte. Energiewende und Klimaschutz haben in Deutschland eine ganze Branche krachend zum Einsturz gebracht. Parallel ist eine grüne Industrie entstanden, die allein in Deutschland mehr als 300.000 Jobs geschaffen hat.

Jeder Durchschnittshaushalt in Deutschland hat in den vergangenen Jahren bereits mehrere Tausend Euro für Energiewende und Klimaschutz bezahlt. Und es bedurfte keiner Greta Thunberg, um zu erreichen, dass energieintensive Branchen mit Milliardeninvestitionen die unglaubliche Herausforderung angenommen haben, klimaneutral zu werden. Die Unternehmen, die mitten in gigantischen Transformationsprozessen stecken, müssen sich verhöhnt fühlen, wenn Greta Thunberg ausruft, es geschehe nichts.

Thunbergs Anklage geht daher ins Leere. Mehr noch: Sie ist kontraproduktiv. Denn die von der Schwedin gepredigte Verzichtskultur stellt keinen belastbaren Lösungsweg dar. Es ist noch keine Menschheitsherausforderung durch individuelles Wohlverhalten bewältigt worden.

Thunbergs Sinnen und Trachten ist einzig darauf gerichtet, den Klimawandel aufzuhalten. Diese Eindimensionalität mag man als Ausdruck besonderer Entschlossenheit deuten. Doch ihr Ansatz lässt wesentliche Lösungsansätze aus. Vielleicht die vielversprechendsten, effizientesten wie technische Veränderungen.

Größtes Verdienst der Schwedin ist es, eine in weiten Teilen lethargische Jugend mobilisiert zu haben. Sie hat es geschafft, der Generation Netflix ein politisches Bewusstsein einzuhauchen. Dafür kann man Greta Thunberg dankbar sein. Einen Friedensnobelpreis rechtfertigt das aber nicht.

Klimaaktivistin

Greta Thunberg erhält „alternativen Nobelpreis“

Klimaaktivistin: Greta Thunberg erhält „alternativen Nobelpreis“

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Kommentare (14)

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Herr Philippe Ory

10.10.2019, 12:58 Uhr

Yes.

Herr Helmut Metz

10.10.2019, 13:50 Uhr

Als jemand, dessen Nachbarin Diplom-Psychologin ist und die sich auch bestens mit Entwicklungsstörungen wie dem Asperger-Syndrom auskennt, darf ich versichern, dass diese junge Frau vor allem eines bekommen sollte: eine hervorragende psychologische und psychiatrische Kombinationstherapie - und zudem etwas räumlichen Abstand von ihren (Noch-)Erziehungsberechtigten.

Herr Helmut da Silva

10.10.2019, 14:48 Uhr

Nein. Für was.
Die Klimadiskussion hat vielleicht im entferntesten was mit Frieden zu tun haben, könnte aber, wenn ihre rigorosen, wirklichkeitsfremden Vorstellungen nur teilweise umgesetzt würden zu Unruhen im größeren Stil weltweit und letztendlich zu Krieg führen. Verarmte Gesellschaften wo 90% der Bevölkerung nichts mehr zu verlieren haben als ihr dann erbärmliches dahinvegetierendes Leben sind gewaltbereiter.

Die Klimareligion hat ihre heiliges Kind Greta gefunden und die soll zur Ikone mit allen Mitteln hochstilisiert werden. Das was hier geschieht ist ein von Klima-Organisationen und Medien organisierter Kindesmißbrauch und sonst nichts.
Übrigens habe noch nichts gehört wie Greta von New York zurück nach Europa gekommen ist bzw. kommen will. Schweigen im Walde, sie wird doch nicht fliegen bzw. geflogen sein??

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