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24.08.2019

12:49

Rohstoffe locken an: Immer mehr Staaten bekunden Interesse daran, wissenschaftlich und wirtschaftlich in der Arktis aktiv zu sein. dpa

Boot vor einem Eisberg

Rohstoffe locken an: Immer mehr Staaten bekunden Interesse daran, wissenschaftlich und wirtschaftlich in der Arktis aktiv zu sein.

Rohstoffreiche Region

Wettlauf zum Nordpol: Die internationalen Interessen in der Arktis

Von: Gerd Braune

In der Arktis prallen wirtschaftliche und machtpolitische Interessen aufeinander. Trumps Grönland-Vortstoß verheißt nichts Gutes für die Kooperation der Anrainer.

Ottawa Mit seinem absurden Grönland-Vorstoß und seiner kindischen Reaktion auf Dänemarks Nein hat US-Präsident Donald Trump zumindest eines erreicht: den Blick erneut auf die Zukunft der Arktis und die Herausforderungen durch den Klimawandel zu lenken. Schließlich ist die Region ein rohstoffreicher Raum, der Begehrlichkeiten weckt. Zudem öffnet das schwindende Meereis Schifffahrtsrouten.

Beispielhaft für das Potential der Arktis ist der „Citronen-Fjord“. Der liegt an der Nordspitze Grönlands am Rande des Eisschilds und erhielt seinen Namen von einem dänischen Widerstandskämpfer gegen die deutsche Okkupation im Zweiten Weltkrieg, der den Decknamen „Citronen“ führte. Am Citronen-Fjord plant das Unternehmen Ironbark A/S seit Jahren der Bau einer Zink-Blei-Mine.

Das dortige Vorkommen gilt weltweit als eine der größten noch nicht erschlossenen Lagerstätten. Zwar ist das Projekt sehr weit fortgeschritten, aber noch hat die Förderung nicht begonnen.

Ob Trump, dessen Ausbrüche selten von Sachkenntnis getrieben sind, dieses Projekt kennt, ist zweifelhaft. Die USA besitzen bereits die Militärbasis Thule in Nord-Grönland, und die Regierung des zu Dänemark gehörenden, aber autonomen Gebiets Grönland ist offen für Investitionen, auch von US-Unternehmen.

Zwar ist die 2,1 Millionen Quadratkilometer große Insel überwiegend von einem – leider rückläufigen – Eisschild bedeckt, mehr als 400.000 Quadratkilometer entlang der Küste aber sind eisfrei. Zwei Minen sind in Grönland in Betrieb, es gibt aber auch mehrere fortgeschrittene Entwicklungsprojekte für interessante Rohstoffe wie Molybdän, Tantal, Zirkon und Seltene Erden.

Rohstoffreiche Arktis auch für Deutschland von Bedeutung

Auch Nord-Kanada, Sibirien, Alaska und Nord-Skandinavien sind rohstoffreich. Dazu zählen Vorkommen von Nickel oder Platin in der Region Norilsk und auf der Kola-Halbinsel Russlands, die Red-Dog-Mine in Alaska mit Zink, Blei und Silber, die Diamantenminen in Kanadas Norden und das Eisenerzprojekt Mary River auf der kanadischen Baffin-Insel.

Die nordschwedische Region Kiruna und Nord-Norwegen sind bereits seit dem 17. und frühen 18. Jahrhundert als Gebiete mit Eisenerz- und Kupfervorkommen bekannt, und sie tragen heute zur Rohstoffversorgung Europas bei. Das Prudhoe Bay-Ölfeld vor der Küste Alaskas in der Beaufort-See ist eines der größten Nordamerikas, Russland hatte 1972 bereits die Onshore-Ölförderung in Sibirien begonnen, Norwegen brachte die Öl- und Gasförderung in der Norwegischen See Reichtum.

Die Arktis kann „zur Energie- und Rohstoffsicherheit auch in Deutschland und der EU beitragen“, stellte bereits 2013 die Bundesregierung in ihren Leitlinien deutscher Arktispolitik fest. Aber der Abbau ist teuer und mit erheblichen Umweltrisiken verbunden. Daher warnt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) auch vor allzu hoch gesteckten Erwartungen.

Politiker wie Trump scheinen sich um solche Nuancen nicht zu kümmern. Dies gilt auch für Öl und Gas, seit der Geologische Dienst der USA 2008 seine Studie über unentdeckte, vermutete Öl- und Gasvorkommen in der Arktis veröffentlichte.

In der Arktis könnten rund 22 Prozent der noch unentdeckten, technisch förderbaren Öl- und Gasressourcen der Welt liegen, hieß es in der Studie. Seitdem wird die Arktis von vielen pauschal als Rohstofflager gesehen, das man nur anzapfen muss.

Über die acht Arktisstaaten USA, Kanada, Russland, Island, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland hinaus, die sich im 1996 Arktisrat zusammengeschlossen haben, sind immer mehr Staaten an der Arktis interessiert, um dort wirtschaftlich und wissenschaftlich aktiv. Der Rohstoffhunger der Welt erklärt, weshalb die Arktis ein Gebiet ist, in dem sich die geopolitischen Interessenlinien vieler Staaten kreuzen.

Seit die Russen 2007 am Nordpol auf dem Meeresboden eine Flagge pflanzten und das Gebiet symbolisch zu ihrem Territorium erklärten, ist vom „Wettlauf zum Nordpol“ die Rede. Es ist ein irreführender Begriff, der den Eindruck erweckt, man müsse nur der erste sein, um Anspruch auf gewaltige Teile der Arktis erheben zu können.

Dänemark vertritt seine Interessen am offensivsten

Aber es ist ein geordneter rechtlicher Prozess, den die Arktis-Anrainer vor den zuständigen UN-Gremien verfolgen. Russlands Flagge am Nordpol hat nichts daran geändert, dass der zentrale Arktische Ozean internationales Gewässer ist und bleibt, denn es geht allein um Nutzungsrechte am Boden, nicht um Hoheitsrechte über das Meer.

Vielleicht hat Trump aber verstanden, dass die USA auf keinen Fall einen Anspruch auf den Meeresboden direkt am Nordpol geltend machen können, um dort eventuell nach Rohstoffen suchen zu können. Nur drei Länder haben aufgrund ihrer Nähe zum Nordpol und der Geologie des Meeresboden – vor allem den Lomonosov-Bergrücken im Meer – nach der Seerechtskonvention Ansprüche auf dieses Gebiet erheben können: Russland, Kanada und – Dänemark-Grönland.

Die USA gehören nicht dazu. Dänemark verfolgt seine potenziellen Nutzungsrechte am aggressivsten und hat Ansprüche erhoben, die weit über den Nordpol hinaus auf die russische Seite des Eismeers reichen.

Grönland zu besitzen, könnte für die USA somit durchaus reizvoll sein. Noch wichtiger aber sind gegenwärtig Einflusszonen in der Arktis mit Blick auf die künftige Schifffahrt. Das schwindende Meereis öffnet den Arktischen Ozean für Schifffahrt, auch wenn das Meer weiterhin Eis führen und die Schifffahrt mit erheblichen Sicherheitsrisiken zu kämpfen haben wird.

Aber die Nordost-Passage entlang der Küste Sibiriens und – mit Einschränkungen – die Nordwest-Passage durch Nord-Kanada könnten wichtige Schifffahrtswege werden, die den Seeweg von Europa oder Amerikas Ostküste nach Asien deutlich verkürzen.

Weitgehendes Mitspracherecht für indigene Völker

Sollte irgendwann als Folge mangelhaften Klimaschutzes der zentrale Arktische Ozean zumindest für einige Monate eisfrei oder passierbar sein, würde sogar eine Route direkt über den Nordpol interessant werden. Auch daran denken Strategen nicht nur in Arktisstaaten, sondern auch in anderen Ländern wie China oder Südkorea.

Im Arktischen Rat pflegten die acht Arktisstaaten seit 1996 die Kooperation. In wenigen Gebieten der Welt haben zudem die indigenen Völker ein so weitreichendes Mitspracherecht wie in einigen Arktisländern. Die Ureinwohnervölker sitzen mit am Tisch des Arktisrats.

Dazu gehören die Inuit Grönlands, die sich und ihr Land nicht zu einem Verkaufsobjekt degradieren lassen, um Begehrlichkeiten des im Weißen Haus sitzenden Immobilienmagnaten zu befriedigen. Bis in die jüngste Vergangenheit war es gelungen, die Arktis weitgehend von Konflikten in anderen Weltregionen abzukoppeln und Fortschritte in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu erreichen, sei es bei der Kooperation im Umweltschutz, bei wirtschaftlicher Entwicklung, Sicherheitsstandards in der Schifffahrt, Zusammenarbeit bei Unglücken und bei der Verbesserung des Lebensstandards der indigenen Völker.

Rauer wird das Klima erst jetzt unter Trump und seinem Außenminister Mike Pompeo. Im Mai endete das alle zwei Jahre stattfindende Außenministertreffen des Arktisrats im Streit mit den USA über Klimaschutz erstmals ohne formale Abschlussdeklaration.

Trumps Vorstoß für eine „feindliche Übernahme“ Grönlands ist vermutlich ein Rohrkrepierer. Aber er kann das Klima in der Arktis und im Arktisrat weiter belasten. Trump hat Dänemark, einen Partner in Nato und Arktisrat, vor den Kopf gestoßen. Für das Nordpolgebiet, jahrzehntelang als „Region der Kooperation“ gefeiert, lässt dies nichts Gutes erwarten.

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