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22.11.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Mit der Inflation ist es wie mit nervigem Besuch, der „nur ganz kurz“ reinkommen will und dann einfach nicht mehr vom Sofa aufsteht. Jetzt gibt ein erstes kleines Signal, dass der ungebetene Gast zumindest nicht dauerhaft einziehen will: Im Oktober sind die Erzeugerpreise, also die Preise, die Produzenten für Vorprodukte wie Rohstoffe und Industrieerzeugnisse zahlen, erstmals seit Mai 2020 wieder gesunken, und zwar um 4,2 Prozent gegenüber September. Das lag vor allem an gesunkenen Energiepreisen.

„Der überraschend starke Rückgang der Erzeugerpreise könnte ein Vorbote dafür sein, dass wir den Höhepunkt der Inflation überschritten haben“, sagt der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum. Die Inflation könne „sich schneller verabschieden als von vielen gedacht“.

Das hofft man bei ungebetenen Besuchern eigentlich immer. Wann also ist es so weit? Die Konjunkturprognostiker der führenden Wirtschaftsinstitute rechnen bislang erst für das zweite Quartal 2023 mit einem Sinken der Inflationsrate. Nach dem überraschenden Rückgang der Erzeugerpreise könnte es nun schneller gehen, hofft Südekum.

Entkoppelung von China? Raus aus der Abhängigkeit vom kommunistischen Regime in Peking? Für Volkswagen ist das keine Option. Der neue China-Vorstand des Konzerns Ralf Brandstätter sagt in seinem ersten Interview: „Wenn wir in der Region jetzt nicht mehr investieren, spielen wir auf diesem wichtigen Markt in drei Jahren keine Rolle mehr.“

China ist der wichtigste Absatzmarkt von Volkswagen. Jahrzehntelang war VW dort unangefochtener Marktführer, verkaufte 40 Prozent seiner Fahrzeuge in China. Doch seit 2019 ist die Zahl der Auslieferungen in China rückläufig. Ein Grund: Im schnell wachsenden Elektroauto-Segment waren die Wolfsburger bislang nur schwach vertreten.

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Um die Probleme in den Griff zu bekommen, leitet seit August nach mehreren Jahren Pause wieder ein Manager mit Vorstandsrang das wichtige Chinageschäft des Konzerns. Brandstätter war zuvor VW-Markenchef. Argumentativ dreht Brandstätter den Spieß um: Eine größere Unabhängigkeit von China könne es nur geben, wenn Volkswagen genug Geld habe. „Einen großen Teil der dazu benötigten Mittel verdienen wir in China.“

Der Weg zu weniger China führt bei Volkswagen also über mehr China. Das ist Management-Dialektik für Fortgeschrittene. Und Brandstätter ein weiterer Topmanager, der den Abkoppelungsideen In Sachen China eine Absage erteilt. In der vergangenen Woche hatte sich bereits BASF-Chef Martin Brudermüller im Handelsblatt ganz ähnlich geäußert.

Dass es mit den Investitionen in den USA allerdings auch nicht immer so leicht ist, musste am Montagabend Bertelsmann-Chef Thomas Rabe eingestehen: Die geplante Milliarden-Übernahme des US-Verlags Simon & Schuster durch die Bertelsmann-Tochter Penguin Random House ist endgültig gescheitert. Der Gütersloher Medienkonzern kündigte an, dass man – anders als ursprünglich geplant – keine Berufung gegen das Urteil eines US-Gerichts einlegen werde. Das Gericht hatte Ende Oktober den geplanten Zusammenschluss beider Verlage aus Wettbewerbsgründen untersagt. Penguin Random House ist der größte Publikumsverlag der Welt. Bertelsmann muss dem designierten Verkäufer nun eine Entschädigung von 200 Millionen Dollar zahlen, weil der Deal gescheitert ist.

imago/photothek

Das Lieferabkommen von Katar mit China sieht den Export von verflüssigtem Erdgas (LNG) im Umfang von 108 Millionen Tonnen über 27 Jahre vor.

Die Top-Meldung im „Heute Journal“ des ZDF war gestern der Streit um die Kapitänsarmbinden mit „One Love“-Motiv, die der Weltfußballverband im homophoben Katar nicht erlauben will. Gewiss ein wichtiges Thema.

Für die Zukunft des Westens und seiner Werte könnte allerdings eine andere Meldung aus Katar noch ein bisschen relevanter sein: Der weltgrößte Flüssiggasproduzent Qatar Energy und der chinesische Staatskonzern Sinopec haben am Montag ein Abkommen über den Export von verflüssigtem Erdgas (LNG) im Umfang von 108 Millionen Tonnen über 27 Jahre geschlossen – und damit einen der größten Gaslieferverträge überhaupt.

Das Abkommen mit China sei „das am längsten laufende Lieferabkommen in der gesamten LNG-Industrie“, sagte Qatar-Energy-Chef Saad Sherida Al-Kaabi und traf damit den für Deutschland wunden Punkt: Zwar hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei seinem Besuch in Doha im März eine Energiepartnerschaft mit Katar vereinbart. Doch seither ist noch kein deutsch-katarisches Lieferabkommen zustande gekommen.

Deutschland dagegen will wegen des geplanten Ausstiegs aus fossilen Energieträgern Verträge über höchstens fünf Jahre akzeptieren. Katar indes besteht wegen der anstehenden Investitionen in den Ausbau der Gasförderung auf Langfristabkommen.

Der ehemalige Bundesgesundheitsmister Jens Spahn arbeitet an seinem eigenen Relaunch als wirtschaftspolitischer Kopf der Union. Dafür hat er ein geschichtsträchtiges Motto abgewandelt: Spahn spricht von „Eigentum für alle“. Das ist bewusst nah dran am „Wohlstand für alle“, den Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg versprach. Bei Spahn geht es um Themen wie die Aktienrente, mit der Arbeitnehmer am Produktivkapital beteiligt werden sollen, und leichtere Wege zum Eigenheim.

Übertreiben sollte es Spahn mit den Erhard-Reminiszenzen allerdings nicht: In der CDU galt der Wirtschaftsminister und Kurzzeit-Kanzler Erhard zeitlebens als Außenseiter, berüchtigt für chaotische Amtsführung und ausschweifende Lagevorträge.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem sich alle kurz fassen.

Herzliche Grüße

Ihr

Christian Rickens

Textchef Handelsblatt

PS: Das Handelsblatt-Interview mit Wolfgang Schäuble in der vergangenen Woche hat für einige Aufregung gesorgt. „Bild“ sah darin eine „eiskalte Abrechnung mit Merkel“. Schäuble hatte in dem Interview unter anderem gesagt: „Ob Frau Merkel unter den großen Kanzlern einzuordnen sein wird, das ist vielleicht noch zu früh, um das abschließend zu beurteilen. Bemerkenswert ist jedoch, dass sie auch jetzt in Bezug auf Russland nicht sagen kann, dass wir Fehler gemacht haben.“

Was meinen Sie: War Merkel eine „große Kanzlerin“? Welche politische Entscheidung Merkels wird nachfolgenden Generationen in Erinnerung bleiben? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an [email protected]. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

Morning Briefing: Alexa

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