Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.11.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

in Hongkong führt Dialogunfähigkeit zum Bürgerkrieg. Die Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Polizei haben sich zusehends radikalisiert, mit Ausfällen beider Seiten. In der Polytechnischen Universität verteidigten sich Studenten mit Pfeil und Bogen lange gegen die Ordnungskräfte ringsumher und damit aus ihrer Sicht gegen die chinesische Diktatur. Als die Polizisten das Gebäude am frühen Montagmorgen stürmen wollten, legten die Verteidiger Feuer. Eine friedliche Nachbarschaft wurde zur Kriegszone, schreibt „South China Morning Post“. Molotow-Cocktails und Steine gegen Tränengas und die Androhung tödlicher Gegengewalt. Nach fünf Protestmonaten in Hongkong ist eine Weisheit von Martin Luther King angebrachter denn je: „Der alte Grundsatz ,Auge um Auge‘ macht schließlich alle blind.“

dpa

Die „New York Times“ hat Papiere publiziert, in denen Instruktionen zur Kontrolle der Uiguren in Xinjiang stehen.

Mancher in Hongkong hat Angst, es könnte so enden wie in der Region Xinjiang, wo bis zu einer Million Uiguren – meist Muslime – in „Ausbildungs- und Trainingszentren“ sind, die Kritiker „Umerziehungslager“ nennen. Die „New York Times“ hat nun in einem Scoop Papiere publiziert, wonach Staatspräsident Xi Jinping 2014 seine Kader angewiesen habe, in Xinjiang „ohne Gnade“ vorzugehen. Offenbar ist der radikale Kurs, der mit der Abwehr von Terrorismus begründet wird, im Pekinger Machtzirkel selbst umstritten – sonst wären die brisanten Papiere nicht nach außen gelangt. Auf den 403 Seiten der „Xinjiang-Papers“ sind laut „NYT“ interne Reden von Xi und anderen Parteigrößen sowie Instruktionen zur Kontrolle der Uiguren zu finden.

Wenn sich das Bundeskabinett – wie derzeit – in Klausur-Stimmung im Schloss Meseberg „auf Stube“ zurückzieht, kommt stets etwas für „Tagesschau“ und „Heute“ heraus. Gestern war es die Ankündigung, vom Digitalnetz abgehängte Orte schnell zu versorgen, mit ganz vielen Mobilfunkmasten und über einer Milliarde Euro Investitionsstimulanz. Man schaute leicht verwundert auf den im PR-Vortrag gefangenen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), ehe einem wieder einfiel, dass ja auch „digitaler Verkehr“ in sein Ressort fällt. Aus dem Wirtschaftsministerium hat unsere Redaktion erfahren, dass in den nächsten Tagen die Vergabe von lokalen 5G-Frequenzen an Unternehmen startet. Daran sind etwa VW, BMW oder die Deutsche Messe AG in Hannover interessiert. Ein Mittelständler muss in zehn Jahren mit 350.000 Euro Kosten rechnen.

Unter den Meseburger Schlossgeistern ist derzeit Vizekanzler Olaf Scholz am Rührigsten. Der Mann will partout SPD-Vorsitzender werden und emittiert Vorschlag auf Vorschlag. Am Sonntag wurde die Idee publik, mit einer neuen Spezialeinheit (48 Mitarbeiter) Jagd auf Steuersünder der oberen Vermögensklasse zu machen. Eine neue Cum-Ex-Schlappe soll so unmöglich werden. Das jüngste Scholz-Plädoyer für eine gemeinsame EU-Einlagensicherung als Schutz bei Crashs wiederum findet prompt Widerspruch beim GroKo-Partner CSU. Parteichef Markus Söder im Handelsblatt: „Da sind wir grundlegend skeptisch.“ Es gäbe einfach zu viele Risiken, „die deutschen Sparer leiden schon genug unter den Niedrigzinsen“. Hier spricht ein früherer bayerischer Finanzminister, der vielleicht einmal bundesdeutscher Finanzminister werden könnte.

dpa

Können die Grünen Kanzler? Diese Frage darf nun auch die wiedergewählte Bundesvorsitzende Annalena Baerbock beantworten.

Wenn es um die Grünen geht, fällt meinen Journalistenkollegen zuverlässig die „K-Frage“ ein. Können die Kanzler? Weil Annalena Baerbock auf dem Bielefelder Parteitag bei der Vorstandswahl mit 97,1 Prozent das beste Ergebnis erzielte, durfte diesmal sie ein solches Ansinnen abwimmeln („Es geht nicht darum, was ich mir zutraue oder nicht“). Sonst ist ihr Co-Chef Robert Habeck damit beschäftigt. Bei „Anne Will“ warb Baerbock dann für die „sozial-ökologische Marktwirtschaft“ und einen „Green New Deal“. Sie plädiert im Übrigen für neue Bündnisse, „und zwar mit denen, die nicht so ticken wie wir“. Vertreter des Kohlebergbaus und der konventionellen Landwirtschaft können sich auf ihren Besuch vorbereiten.

Offenherzig präsentiert sich Andrej Kostin, Chef der russischen Großbank VTB, im Handelsblatt-Interview mit meinem Kollegen Mathias Brüggmann. „Jeder hat Angst vor den Sanktionen„, sagt er über den Druck der Westmächte: Weil es deshalb zu wenig Interesse ausländischer Investoren gebe, wachse der Einfluss des russischen Staates auf den Finanzsektor, so der bekennende Wladimir-Putin-Versteher. Da die Zinsen hoch sind (Leitzins bei 6,5 Prozent), peilt VTB einen Jahresgewinn von 2,8 Milliarden Euro an. 39 Prozent des Geldinstituts gehören privaten Aktionären, die große Mehrheit liegt noch beim Staat. Große Stücke hält Kostin auf Josef Ackermann, er sei ein „ziemlicher Star“ in der Deutschen Bank gewesen – jetzt sei es „bedauerlich“ zu sehen, was mit dem Finanzhaus passiere.

Die Grabrede kommt vom PR-Unternehmer Richard Edelman. Der Amerikaner erzählte der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, die klassische Werbung sei tot. 50 Prozent aller Klicks auf Werbenachrichten würden künstlich erzeugt. Da fällt einem sofort Mark Twain ein: „Der Bericht über meinen Tod wurde stark übertrieben.“ Wie Unternehmen in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, Social Media und datengetriebenem „Customer Relation Management“ am besten Kunden ansprechen, wird groß am 4. und 5. Dezember beim Deutschen Marketing Tag in Düsseldorf diskutiert. 120 Referenten reden über die Zukunft des Marketing, und wenn Sie dabei sein wollen ... genau, da habe ich ein paar Karten reserviert ([email protected]).

Und dann ist da noch Prinz Andrew von den britischen Royals, der am Samstagabend mit einem TV-Interview bei BBC regelrecht abstürzte. Mühsam versuchte er seine Freundschaft zu Multimillionär Jeffrey Epstein zu erklären, dem mutmaßlichen Vergewaltiger, der im Gefängnis in New York starb. Dessen Verhalten nannte der Prinz zunächst „unziemlich“, aber es sei „ehrbar“ gewesen, in dessen Haus zu verweilen. Anschuldigungen einer Zeugin gegen ihn selbst wies der zweitälteste Sohn von Queen Elizabeth II. vor der Kamera im Buckingham Palace zurück. In der britischen Presse wurde er nach dem Auftritt zu einer Spottfigur namens „heiliger Prinz Andrew“. PR ist für Geschickte eine Chance, für Ungeschickte eine tödliche Gefahr.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche mit gelungenen Auftritten. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

Morning Briefing: Alexa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×