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09.08.2022

06:00

Morning Briefing

Christian Lindner und die deutsche Gratismentalität

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Republik diskutiert über zwei Interviews mit Finanzminister Christian Lindner. In der „Augsburger Allgemeinen“ thematisierte der FDP-Chef seinen Widerstand gegen ein Neun-Euro-Ticket über den August hinaus. Er sei, so Lindner, von einer „Gratismentalität à la bedingungslosem Grundeinkommen“ im öffentlichen Nahverkehr nicht überzeugt. Schon zieht Nikolaus Blome bei n-tv eine Parallele zum verstorbenen Parteichef Guido Westerwelle, der rund um die Hartz-IV-Bezugsgrenzen den Schmäh von der „spätrömischen Dekadenz“ prägte.

Im Handelsblatt wiederum hatte Lindner bekräftigt, die „kalte Progression“ in der Einkommenssteuer abzubauen, andererseits aber die Eckwerte der „Reichensteuer“ unangetastet zu lassen (45 Prozent bei 278.000 Euro Jahreseinkommen). Bei solchen Vorlagen lässt es sich leicht griechisch-römisch ringen.

Obwohl bei diesen Themen SPD und Grüne leicht gereizt reagieren, gibt FDP-Generalsekretär Bjan Djir-Sarai bei uns Weitermach-Parolen aus: „Ich glaube, Schwarz-Gelb oder Rot-Grün hätten die Zeitenwende so nicht umsetzen können.“ Mag sein, aber irgendwie knirscht es bei drei Fraktionen („Ampel“) öfter als bei nur zwei Parteien.

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    Bevor Richter über ein Strafmaß befinden, müssen sie erst einmal einschätzen, wie ernst ein Angeklagter seine Reue und sein Geständnis meint. Bei Hanno Berger, 71, mutmaßlicher Spiritus Rector hinter den Cum-Ex-Steuergaunereien, kann man zur Beurteilung dieser Frage auch würfeln oder Tarotkarten legen. Der gewiefte Steueranwalt führte angesichts der vorgeworfenen Steuerhinterziehung „Überlastung“ an, das Übel unserer Zeit. Er habe 30 Anwälte und Berater unter sich gehabt, sich wohl „überfressen“ und nicht mehr so genau hingeschaut: „Das war wohl ein Fehler.“ Die einen nennen das Geständnis, die anderen Teilgeständnis.

    Zurück bleibt: die im Gerichtssaal erzählte Geschichte eines so Hochbegabten wie Getriebenen, dessen Vater, ein Pfarrer, ihn morgens um sechs weckte, kalt abduschte und lateinische Vokabeln abfragte. Oscar Wilde übrigens war immer der Meinung, „dass harte Arbeit einfach die Zuflucht von Menschen ist, die nichts zu tun haben“.

    Grafik

    Das Schwarzmalen scheint zur liebsten künstlerischen Betätigung der Wirtschaft geworden zu sein. Denn wenn wir das richtig verstehen, können hier im Winter die Lichter ausgehen, ganz so, als seien die Deutschen weder zum Sparen, noch zum Kreativen, noch zum Effizienten fähig. Nur noch in düstersten Farben werden auch die Automobilzulieferer wahrgenommen, der Pleitegeier schien sich auf der Lackieranlage niedergelassen zu haben.

    Und nun, siehe da: Es stimmt einfach nicht. Die jüngsten Halbjahresberichte zeigen, dass kaum ein Zulieferer die Prognosezahlen nach unten korrigierte. Im Gegenteil: Continental veröffentlicht sogar früher, weil Gewinne sprudeln. Und Rivale ZF vom Bodensee peilt 2022 sogar den Rekordumsatz von erstmals mehr als 40 Milliarden Euro an. Frank Göller von der Managementberatung Horváth sagt: „Die Schwarzmalerei in der Zulieferindustrie ist nicht berechtigt.“

    Oder, wie es Mark Twain so schön formulierte: „Der Bericht über meinen Tod war eine Übertreibung.“

    Bei diesem Weckdienst haben wir zuletzt ausführlich über die gefallene ARD-Chefin und RBB-Intendantin Patricia Schlesinger berichtet. Die neueste Entwicklung kehrt noch mehr Müll vor das Haus der Öffentlich-Rechtlichen: Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, und zwar gegen Schlesinger, ihren mit Beratungsaufträgen gut bedachten Mann, den Ex-„Spiegel“-Journalisten Gerhard Spörl, sowie gegen RBB-Verwaltungschef Wolf-Dieter Wolf, eine Berliner Unternehmerfigur.

    RBB-Intendantin Patricia Schlesinger tritt zurück IMAGO/Michael Handelmann

    Patricia Schlesinger: An diesem Montag trifft sich voraussichtlich der RBB-Rundfunkrat zur Sondersitzung.

    Die Strafverfolger sehen einen Anfangsverdacht – es geht etwa um Vorwürfe der Vetternwirtschaft, den Verdacht der Untreue und der Vorteilsannahme. Die jüngsten Enthüllungen der Medien belegen, dass zu den vom Sender gesponserten Dinner-Veranstaltungen im kleinen Kreis schon mal zwei Flaschen Champagner getrunken wurden. Nach der gestrigen Rundfunkratssitzung meldete sich die Vorsitzende Friederike von Kirchbach so: „Das ist eine Krise und Krisen durchläuft man nicht unbeschadet.“

    Sie war ein Symbol für Lebenslust und Unbeschwertheit Ende der 1970er-Jahre, eine Ikone des Fröhlichen, die als Sandy 1978 im Musical „Grease“ an John Travoltas Seite eine in den USA gerade noch erlaubte Dosis Petticoat-Erotik vermittelte. Olivia Newton-John war eine Frau, der man die global geträllerte Botschaft „You're The One That I Want“ gerne glaubte. Da war die im englischen Cambridge geborene Enkelin des deutschen Physik-Nobelpreisträgers Max Born, die später mit der Familie kurzzeitig nach Australien auswanderte, auf dem Plateau ihres Erfolgs.

    1981 folgte ihr Hit-Album „Physical“, das von der Unmöglichkeit handelt, mit übergewichtigen Männern (und sie scheinen überall zu sein) enger in Kontakt zu treten. Von 1992 an war sie als Kämpferin gegen ihren Brustkrebs in den Schlagzeilen – ein Kampf, den sie spät verlor. Am Montag ist Olivia Newton-John, der Star von nebenan, im Kreis der Familie auf ihrer Ranch in Südkalifornien im Alter von 73 Jahren gestorben.

    Und dann ist da noch die japanische Investorenlegende Masayoshi Son mit seiner Softbank Group, der im ersten Teil des Geschäftsjahres einen Rekordverlust von umgerechnet 23 Milliarden Euro als wahrhaft historische Schmach erlebte. Er fühle ganz so wie der spätere Shogun Ieyasu Tokugawa nach der verlorenen Schlacht von Mikatagahara im Jahr 1573, erklärte Son. Er habe nur auf sein Ego, nicht aber auf seine Verbündeten gehört. Das sei ihm eine Warnung.

    Zwar kann der Mann, der diese Woche 65 wird, nichts für die Schwäche des Yen und der Tech-Aktien – aber Son schäme sich nach eigenem Bekunden, da er früher nach Supergewinnen so sehr aufgedreht habe. Der Investor setzt wie ehedem auf Start-ups in den Feldern Künstliche Intelligenz und Internet.

    Seine Hoffnung: Möge sich unter den 470 Firmen mit Sons Kapital doch eine wie das Onlinekaufhaus Alibaba finden. Es machte in zwei Dekaden aus 20 Millionen rund 50 Milliarden Dollar. Dann wird's noch was mit dem Comeback des Softbank-Gurus zum Shogun des Internetkapitalismus. Einstweilen halten wir uns an Tokugawas Slowlife-Parole: „Das Leben ist wie eine lange Reise, die man mit schwerer Last antritt.“

    Ich wünsche Ihnen eine ruhige Kurzreise durch den Tag.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    P.S.: Verkehrsminister Volker Wissing denkt darüber nach, das 9-Euro-Ticket in ähnlicher Form fortzusetzen. Was meinen Sie: Wie sollte ein Nachfolgeticket aussehen? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Ticket gemacht – haben Sie es überhaupt genutzt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an [email protected]. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

    Morning Briefing: Alexa

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