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06.06.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wir reden heute mal nicht von den deutschen Sozialdemokraten, auch wenn Olaf Scholz fast traumwandlerisch bereits einen möglichen SPD-Kanzler thematisiert. Wir reden von den dänischen Sozialdemokraten, die Scholz im „Stern“ als Referenz nennt, und die nun bei der Parlamentswahl unter Parteichefin Mette Frederiksen mit 25,9 Prozent (minus 0,4 Punkte) stärkste Partei wurden – weil sie für eine linke Sozialpolitik und eine restriktive Migrationspolitik warben. Das lockte Globalisierungsgegner von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei weg (8,7 Prozent nach 21,1 Prozent). Linke Bündnispartner gewannen. Frederiksens Finessen erinnern an zwischenzeitliche Avancen von Sahra Wagenknecht, die im Übrigen Geschichte sind.

dpa

Carsten Meyer-Heder hat mit den Grünen und der FDP eine Jamaika-Koalition ausgelotet.

Gemessen an ihren immensen Erfolgen ist über die Grünen seit der Europawahl erstaunlich wenig geredet und geschrieben worden. Das wird sich jetzt ändern, der „Nahles-Effekt“ ist weg. Denn in Bremen hat der Landesvorstand gestern Abend Koalitionsverhandlungen mit der waidwunden SPD und der Linkspartei vorgeschlagen, worüber heute ein Landesparteitag entscheidet. Rot-Rot-Grün böte eine stabile Mehrheit für „mutige, neue Schritte“, heißt es. Mutig wollte auch Carsten Meyer-Heder sein, dessen CDU am Wahltag die meisten Stimmen holte und der mit den Grünen sowie der FDP eine Jamaika-Koalition ausgelotet hat. Jetzt ist der Unternehmer beides: Sieger und Verlierer.

Der US-Politiker und Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat eine Marktlücke entdeckt: den politischen Auftritt auf Hauptversammlungen börsennotierter Firmen. Bei Walmart in Arkansas verlangte er nunmehr publikumswirksam einen höheren Mindestlohn (von 11 auf 15 Dollar) und präsentierte einen Aktionärsantrag, wonach die Belegschaft einen Sitz im Verwaltungsrat erhalten soll. Die Show stimmte, auch wenn die Inhaberfamilie Walton die Mehrheit der Aktien kontrolliert und von solchen Vorstößen nichts hält. Wir aber denken an John Lennon: „A Working Class Hero is something to be“.

Europa-Tourist Donald Trump wird anlässlich „75 Jahre D-Day“ heute im normannischen Caen mit Staatspräsident Emmanuel Macron speisen; eine Ausstellung des US-Malers Norman Rockwell im örtlichen Weltkriegs-Memorial schenkt er sich. Den Hauptzweck seiner Reise – PR-Fotos eines amerikanischen Kapitalistenkönigs mit der britischen Royal Family – hat er ohnehin schon erreicht. Gestern erzählte der Präsident der irischen Spitzenpolitik in Dublin noch, dass sie in Nordirland solch eine Grenze wie zwischen den USA und Mexiko bräuchten. Zu Hause in den USA kommen solche Einlassungen als Stärke an: Nach einer CNN-Umfrage glauben inzwischen 54 Prozent der Amerikaner, Trump werde im Herbst 2020 wiedergewählt.

dpa

Der Minister betont die positiven Aspekte seines Projekts und spart nicht mit Kritik an Kabinettskollegen.

Niemand ist gerne auf Dauer Watschenmann, da macht Peter Altmaier (CDU) keine Ausnahme. Zuletzt wirkte es so, als habe sich die Wirtschaft auf den Wirtschaftsminister regelrecht fokussiert. Nun geht er bei uns im Interview in die Gegenoffensive und preist die Energiewende als „eines der größten Modernisierungsprojekte“. Im „Zweiten Fortschrittsbericht zur Energiewende“, der heute ins Kabinett kommt, sieht er viele Erfolge dokumentiert. Doch der Ökonom Andreas Löschel nennt auch Schwächen – beim Netzausbau und der Energieeffizienz. Die Bundesregierung bleibe „an etlichen Stellen noch recht vage“. Was auf Altmaierisch heißt: „Potenziale müssen wir noch besser nutzen“.

Als Juso-Chef Kevin Kühnert jüngst von der „Kollektivierung“ von BMW redete, dachte er womöglich insgeheim an Volkswagen, einen Konzern mit starker Gewerkschaftspräsenz und dem Land Niedersachsen als 20-Prozent-Großaktionär. Dort scheiterte jetzt das Management unter Herbert Diess mit dem Plan, bis 2023 rund 7000 Jobs zu streichen (es werden 4000). Und bis 2029 garantiert die Diess-Truppe die Arbeitsplätze in deutschen Werken. Im Rahmen des Wandels zur E-Mobilität würden aber auch mindestens 2000 neue Stellen entstehen, sagt Personalvorstand Gunnar Killian. Die Slowmotion-Tour kann sich VW womöglich auch deshalb leisten, weil außerordentliche Erlöse winken, etwa durch den Börsengang der Lkw- und Bustochter Traton und einem Verkauf von Bentley. Unsere Überschrift im Blatt lautet: „VW-Spitze beugt sich dem Betriebsrat.“

Unter Deutschlands Fernsehproduzenten ist Nico Hofmann von Ufa seit vielen Jahren ein Mann für vermarktungsträchtige Aha-Projekte. So will er nun den Skandal um den Fälscherjournalisten Relotius und die Porsche-Saga verfilmen. Im Handelsblatt-Interview schlägt der Medienmann, der von einer Rücken-OP genesen ist, aber auch ungewöhnliche Töne an: „Der Raubbau an den eigenen Kräften, das ist ein Riesenthema für die gesamte Medienbranche. Man denkt, immerzu permanent auf eine bestimmte Art funktionieren zu müssen.“ Er habe Mitarbeiter, die mit 35 Jahren Burn-out hätten. Heute könne man, so Hofmann, von Mitarbeitern nicht mehr Non-Stop-Anwesenheit fordern und dann aggressiv werden, wenn sie nicht erreichbar seien.

Und dann ist da noch das „Humboldt-Forum“ im neu animierten Berliner Schloss. Weil Eröffnungstermine größerer Projekte in Berlin nun mal heikel sind, soll es partout bei November bleiben – selbst wenn es zu Bau-Verzögerungen kommt. Sie bewirken nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“, dass die angekündigte „Elfenbein“-Ausstellung nicht vor Frühjahr 2020 anläuft. Man bekomme aufgrund des unfertigen Gebäudes keine Leihgaben, sodass man zunächst wohl nur das „Schloss“ selbst, also die Hülle, beschauen kann. Und was den Flughafen BER angeht, zweifelt Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ganz offenbar berlinesk an der Eröffnung im Oktober 2020: Er schrieb hierzu einen Brandbrief.

Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Pünktlichkeit und Termintreue. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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