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11.08.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

zur Momentaufnahme der Börsen gehört, dass plötzlich ein Sonnenstrahl auftaucht, wo sich gestern nach Meinung fast aller noch dunkelste Finsternis breitmachte. Hüten Sie sich vor Apokalyptikern! Sie können ja zum Beleg auf die USA verweisen, wo die Inflation weniger schlimm ist als erwartet: Die Preise stiegen im Juli im Vergleich zum Vorjahr um „nur“ 8,5 Prozent. Die Experten hatten mit 0,2 Punkten mehr gerechnet, denn im Juni hatte die Preissteigerung noch bei 9,1 Prozent gelegen. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank in Frankfurt am Main, urteilt: „Der Scheitelpunkt der Inflation ist vorüber.“

Die Börsianer in den USA sehen das auch so wie der Mann vom Sparkassenfonds, etwa mit Blick auf rapide fallende Benzinpreise. Der Dow-Jones-Index gewann gestern Abend 535 Punkte (plus 1,6 Prozent), die Renditen der US-Staatsanleihen knickten ein und der US-Leitzins soll demnächst nur noch um einen halben Prozentpunkt steigen – und nicht mehr um 0,75 Punkte.

Fazit: Die Miniwende zum Besseren lässt uns an Johann Wolfgang von Goethe denken, den Sprach- und Denkmeister von Frankfurt und Weimar: „An unmöglichen Dingen soll man selten verzweifeln, an schweren nie.“

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    Überraschend ist es nicht, angesichts der von Wladimir Putin im Stil von KGB-Methoden orchestrierten Erpressungspolitik – aber die kleine Vertriebsmeldung liest sich doch sehr schön. Der Absatz von Gasheizungen in Deutschland bricht demnach ein, allein im zweiten Quartal um zehn Prozent, zeigen unsere Berechnungen. Dafür haben die Heizungsbauer im ersten Halbjahr 25 Prozent mehr Wärmepumpen ausgeliefert als im Vorjahreszeitraum. Und so soll es weitergehen.

    Dass sich der Gaspreis mehr als versechsfacht hat, alarmiert auch Kanzler Olaf Scholz. Als er jüngst den Heizungsbauer Viessmann besuchte, drehte der Sozialdemokrat demonstrativ eine Schraube in eine fast fertige Wärmepumpe: Es gehe um „modernste Technologien“, die uns befähigen, „Wärme zu verwenden und unser Klima zu schützen, ohne Rückgriff auf fossile Ressourcen“, so Scholz. Technokraten lieben Fachworte eindeutig mehr als Machtworte.

    Grafik

    Zweieinhalb Jahre lang hatte Ulrike Malmendier für die Bundesregierung nur ein einziges Wort parat: „No!“ Die an der kalifornischen Berkeley University lehrende Verhaltensökonomin hielt die Macher in Berlin hin bei deren Wunsch, sie zur neuen „Wirtschaftsweisen“ zu machen. Ein Satz des Kanzleramtsministers Wolfgang Schmidt (SPD) habe ihr schließlich imponiert, erzählt sie meinem Kollegen Julian Olk: „Nicht nur rumjammern, sondern einfach mal mitmachen.“ Im Handelsblatt-Gespräch sagt sie recht „hands-on“ über ...

    • ihre neue Aufgabe: „Die Ökonomie ist ein internationales Fach. Eine amerikanische Perspektive kann dem deutschen Sachverständigenrat durchaus helfen.“
    • ein neues Beratergremium innerhalb der Regierung: „Ich glaube nach wie vor, dass es sinnvoll wäre, zusätzlich ein solches Gremium zu schaffen. Lars Feld als Chefberater im Bundesfinanzministerium ist das beste Beispiel und könnte aus meiner Sicht eine Blaupause werden.“
    • Reformen: „Jeden Herbst publiziert der Rat Hunderte Seiten mit seinem Jahresgutachten. Er ist damit aber zeitlich von manchen Debatten weit entfernt. Ich glaube auch, dass es sinnvoller wäre, wenn der Rat nicht weit entfernt von der Politik in Wiesbaden säße, sondern auch eine Dependance in Berlin hätte. Und der Rat sollte sein Selbstverständnis weiterentwickeln, mehr zu einer Art Inkubator.“

    Wenn also irgendwann, wie von Malmendier gewünscht, in einem wirtschaftspolitischen Brutkasten etliche Politiker, Ökonomen und Experten wirklich früher aktuelle Probleme wie die Gas-Not bereden sollten, singen sie am Ende noch im Chor wie einst Marlene Dietrich: „Ich hab noch einen Koffer in Berlin / Der bleibt auch dort und das hat seinen Sinn.“

    dpa

    Christian Lindner verspricht 48 Millionen Deutsche steuerlich zu entlasten.

    Die „kalte Progression“ ist so unangenehm, dass man sich daran tatsächlich leicht erkälten kann. Das Schlagwort besagt ganz simpel, dass mit hoher Inflation die Einkommen so sehr steigen, dass überproportional ansteigende Steuersätze die höheren Löhne de facto wieder dämpfen. Finanzminister Christian Lindner hat nun zwecks Kälteschutz ein Modell erfunden, das als „Inflationsausgleichsgesetz“ die „breite Mitte der Gesellschaft“ erreichen soll. Der FDP-Chef verspricht: 48 Millionen Deutsche sollen profitieren, wenn die Grenzwerte der Steuerklassen tatsächlich 2023 nach hinten verschoben würden.

    Doch vor allem für die Grünen sind Lindners Linderungen eine Zumutung. Typisch Andreas Audretsch, Fraktionsvizechef im Bundestag: „Steuersenkungen in Milliardenhöhe, von denen Topverdiener dreimal so stark profitieren wie Menschen mit kleinen Einkommen, gehen an der Realität vorbei.“ Vielleicht müssen die Kontrahenten schon bald ins Konfliktbewältigungsseminar.

    Die Krim ist in Panik, jene Halbinsel, die der russische Staatslenker Nikita Chruschtschow 1954 einst in einer Laune an die Ukraine verschenkte. Getrieben von seiner Nachfolgerschaft soll eine militärische Offensive alles verändern. Doch die Ukraine schlägt zurück. Am Dienstag gab es einen Angriff auf einen Luftwaffenstützpunkt nördlich von Sewastopol auf der von Putin wieder besetzten Krim. Die Landebahn des Militärflughafens und ein Munitionslager sind betroffen – schlechte Bedingungen für Flugzeuge, die dort mit Raketen Richtung Südukraine starten sollen.

    Russische Touristen entflohen in Scharen dem Chaos am Meer. Ein Video zeigt schließlich eine Frau, die wegen des abrupten Urlaubsendes in Tränen ausbricht: „Ich will die Krim nicht verlassen.“ Gerade hatte sie sich daran gewöhnt, hier zu leben, „es fühlt sich wie zu Hause an“. Das Video zeigt auch einen offenbar kilometerlangen Stau. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski, erster Diener seines Volkes, macht eine Ansage: „Die Schwarzmeerregion kann nicht sicher sein, solange die Krim besetzt ist. Dieser russische Krieg gegen die Ukraine, gegen das ganze freie Europa, hat mit der Krim begonnen und muss mit der Krim enden, mit ihrer Befreiung.“

    dpa

    Ilse Aigner kritisiert den Widerstand der CSU gegen den Bau neuer Stromtrassen.

    Wenn der zur Breitbeinigkeit neigende bayerische Ministerpräsident Markus Söder demnächst wieder einmal alle abkanzelt, die Zweifel an seiner Energiepolitik haben, muss man ihn nur an ein Interview mit seiner Parteifreundin Ilse Aigner auf „Zeit Online“ erinnern. Der Widerstand der CSU gegen den Bau neuer Stromtrassen war nach Ansicht der Landtagspräsidentin ein schwerer Fehler. Auch deswegen sei Bayern „beim Strom abhängiger als andere von Atomkraftwerken und es gibt Engpässe bei den Leitungen von Nord nach Süd“.

    2015 habe sie als bayerische Energieministerin beim damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und beim seinerzeitigen Heimatminister Söder, beide auch CSU, für die Trassen geworben, sei aber gescheitert. „Mit den Fakten bin ich leider nicht immer durchgedrungen“, so Aigner. Dem in der CSU obligatorischen Obrigkeitslob kommt sie mit dem Hinweis nach, „beim Ausbau von Solarenergie, Wasserkraft und Biomasse sind wir deutlich an der Spitze“.

    Und dann ist da noch das große Fußballland Katar, energiepolitisch aktuell eine deutsche Naherholungszone. Aus dem Emirat am Golf dringt nun die Kunde, dass die Weltmeisterschaft dort schon am 20. November 2022 beginnen soll und nicht erst am 21. November. Es wird dann hierzulande Totensonntag sein, wenn die Heimmannschaft das Eröffnungsspiel gegen Ecuador bestreiten wird – und zwar in der Wüste, weit außerhalb der Hauptstadt Doha, im zweitgrößten Stadion (60.000 Zuschauer).

    Katar soll unbedingt den ersten Anstoß machen, so der Regieplan. Den Wunsch wird man den spendablen Gastgebern nicht abschlagen können und sich an Dieter Hildebrandt erinnern: „Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen.“

    Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, an dem es nichts zu klagen gibt.
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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