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26.09.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

bei der sich täglich verschärfenden Welt- und Wirtschaftslage beschleicht einen ein unangenehmes Gefühl: bisher wie auf einem Strandhügel beobachtet zu haben, wie sich in der Ferne eine Riesenwelle aufbaut, die jetzt das Land erreicht. Bislang redeten wir von Rezession, jetzt ist sie da. Bislang fabulierten wir vom digitalen Wandel, jetzt ist das Smartphone unser Auge zur Welt. Bislang warnten wir vor dem globalen Handelskrieg, jetzt fallen Jobs weg. „Der Weltschmerz ist die Gicht des Geistes“, schrieb Karl Kraus, „aber man spürt es wenigstens, wenn das schlechte Wetter kommt.“

AP

Laut einem Bericht der UN-Tochter Unctad hat es 2019 die schwächste Expansion innerhalb eines Jahrzehnts gegeben.

Was wir da spüren, offenbart ein Bericht der UN-Tochter Unctad, die für Handel und Entwicklung zuständig ist. 2019 habe es die schwächste Expansion innerhalb eines Jahrzehnts gegeben, 2020 sei eine „globale Rezession“ eine ernstzunehmende Gefahr, heißt es da. Handelskriege, Währungsmanipulationen, Brexit, Zinsschwund – alles Herausforderungen, die Regierungen hilflos aussehen lassen. Der UN-Report empfiehlt den Finanzministerien und Notenbanken, ihre „Obsession“ auf Börsenkurse, Quartalsgewinne und Investorenvertrauen ruhen zu lassen und sich lieber auf Stellenaufbau, Lohnsteigerungen und öffentliche Investitionen zu konzentrieren. Die Weltwirtschaft wächst 2019 im Übrigen nur noch um 2,3 Prozent (2018: 3,0 Prozent), der schwächste Wert seit der Baisse in der Finanzkrise 2009.

Was aber hält eine Gesellschaft zusammen, in der ein Dax-Konzern wie Conti plötzlich ankündigt, bis zu 20.000 Arbeitsplätze zu streichen? In der die deutsche Tochter von Thomas Cook ebenfalls pleite ist? In der die Deutsche Bank, der Stolz alter, schöner Tage, wieder einmal eine Razzia erlebt, weil sie womöglich bei den Geldwäsche-Spezialisten der Korrespondenzbank Danske nicht genau hingeschaut hat? In der Sabine Lautenschläger, deutsche Vertreterin im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), Knall auf Fall aussteigt, vermutlich aus Frust über eine lockere bis völlig losgelöste Geldpolitik? In der Harald Christ, Mittelstandsbeauftragter der SPD, hinwirft, weil er den Linksschwenk der Führung nicht aushalten kann? Alles aktuelle News größeren Ausmaßes, innerhalb weniger Stunden aufgekommen.

Die Antwort ist Orientierung, ist Wertebekenntnis. Und ist auch die Suche nach einer besseren Wirtschaft. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) – ein erprobter Wertkonservativer, kein deutscher Jean Ziegler – beschied jetzt vielen Unternehmen, sie hätten auf gravierende Veränderungen wie Globalisierung „bislang nur unzulängliche Antworten“. Womöglich hätten sie sich zu sehr in „selbstgefälliger Genügsamkeit“ eingerichtet, räsoniert der Elder Statesman und befindet: „Es braucht wieder mehr Anstand.“ Die versagenden Eliten hätten den moralischen Kompass verloren. Als Beweis brauche er nur zwei Stichworte zu nennen: Diesel und Cum-Ex. Schäuble hat seine Morallehre nicht in einem Essay untergebracht, sondern gestern Abend in seiner Rede auf dem Herbstempfang der Spitzenverbände. So kam zur Güte der Gedanken die Größe der Geste.

Was die Vermögensschmelze bei Thyssen-Krupp mit Schäubles Minima Moralia zu tun hat, ist noch die Frage. Anlässlich des Absprungs von CEO Guido Kerkhoff von offener Bühne wird ein Plan des Großaktionärs Cevian deutlich: Nach dem Komplett-Verkauf der lukrativen Aufzugssparte (Wert: schätzungsweise 18 Milliarden Euro) soll die Hälfte des Erlöses den Teilhabern als Sonderdividende zugehen. Auch die Krupp-Stiftung, größter Aktionär, stützt den Vorschlag, wie unsere Titelstory mit feinem Pinsel aufmalt. So viel Geldabfluss aber könnte den Konzern mittelfristig bedrohen – weshalb Betriebsräte, aber auch die Nachfahren von Alfried Krupp, heftig opponieren.

Frank Beer für Handelsblatt

Eckbert von Bohlen und Halbach, Diana Friz, Friedrich von Bohlen und Halbach (r.): Die Thyssen-Krupp-Gründerfamilie kritisiert die Krupp-Stiftung.

In der aktuellen Handelsblatt-Ausgabe klagt die Gründerfamilie an. Die Stiftung habe sich zum wiederholten Male „blamiert“, befinden Diana Fiz sowie Friedrich und Eckbert von Bohlen und Halbach. Und sie habe ihren testamentarisch hinterlegten Auftrag, die Einheit des Unternehmens zu bewahren, „nicht in diesem Sinne ehrlich verfolgt“, sagt Friedrich von Bohlen und Halbach unserem Autor Peter Brors, das alles sei schon „ungeheuerlich genug“. Noch schlimmer aber sei, dass die Stiftung „die Zerschlagung des Unternehmens aktiv gefördert hat“ und derzeit stillschweigend duldet, indem sie zur möglichen Sonderdividende keine klare Stellung bezieht. Womöglich kontaktiert die Dynastie bald die Stiftungsaufsicht.

Ganz auf Krawall gebürstet war Boris Johnson bei seiner Rückkehr ins britische Parlament, nachdem das Oberste Gericht seine Idee von einer Zwangspause für die Abgeordneten kassiert hat. Der Premier forderte die Opposition auf, einen Misstrauensantrag zu stellen („Kommt schon! Kommt schon!“), um so zu Neuwahlen zu gelangen. Das sei ja nur ein „Zombie-Parlament“, dessen Mitglieder sich durch „Feigheit“ auszeichnen würden, polterte Johnson. Ein paar Ungereimtheiten über den Poltergeist dürften in der Biografie stehen, die der Investigativ-Journalist Tom Bower 2020 herausbringt. Er ist spezialisiert auf Personen, die etwas zu verbergen haben.

AFP

US-Präsident Donald Trump hat einem kürzlich veröffentlichten Protokolls zufolge im Telefonat mit seinem ukrainischen Präsidentenkollegen Untersuchungen zur Rolle seines amerikanischen Rivalen Joe Biden und dessen Sohn Hunter gefordert.

In den USA zeigt die Veröffentlichung eines Protokolls tatsächlich, dass Donald Trump im Telefonat mit seinem ukrainischen Präsidentenkollegen Untersuchungen zur Rolle seines amerikanischen Rivalen Joe Biden und dessen Sohn Hunter gefordert hat. O-Ton: „Ich möchte, dass Sie uns einen Gefallen tun.“ Von Druck und Einfluss auf Entscheidungen in Kiew will Trump aber dennoch nichts wissen. Und lenkt so den Blick auf die Zeit seines Vorgängers Barack Obama, als Joe Biden für die Beziehungen zur Ukraine zuständig war und sein Filius gegen 50.000 Dollar monatlich dem ukrainischen Gaskonzern Burisma zu Diensten war, von 2014 an als Aufsichtsrat. Im Wahlkampf dürfte der Erwerbssinn der Bidens mindestens eine so große Rolle spielen wie Trumps Ranküne.

Wann immer in Deutschland über die Zukunft diskutiert wird, kommt die Rede rasch auf das schnelle Internet und Social Media. Illustre Gäste werden am kommenden Samstag diesen Themen nachgehen – bei „Building My Tomorrow“ in Köln, dem Festival unseres jungen Wirtschaftsportals Orange by Handelsblatt. Es kommen zum Beispiel Hannes Ametsreiter, Deutschland-Chef von Vodafone, zwei Social-Media-Stars, der Gründer eines Limonaden-Reichs sowie Jung-Politiker der Parteien. Es ist mir gelungen, zehn Tickets zu reservieren, schicken Sie mir bitte eine Mail ([email protected]).

Und dann sind da noch die modischen E-Zigaretten, die als Alternative zum schädlichen Rauchen von Tabakkonzernen beworben werden. Doch weil es in den USA nach dem Konsum von E-Zigaretten zu Todesfällen und Krankheiten kam, hat jetzt Massachusetts als erster US-Bundesstaat den Verkauf von E-Zigaretten vollständig verboten. Vom „Gesundheitsnotstand“ spricht der Gouverneur und das Weiße Haus avisiert „sehr strenge Vorschriften“. Die Unruhe in diesem vermuteten Zukunftsmarkt ist so groß, dass der E-Zigaretten-Produzent Juul seine Führung auswechselt: Für den bisherigen CEO Kevin Burns kommt K.C. Crosthwaite vom Tabak-Giganten Altria, der 35 Prozent an Juul hält. Erledigt hat sich erst mal die geplante Fusion von Altria mit Philip Morris („Marlboro“).

Ich wünsche Ihnen einen innovativen, rauchfreien Tag.

Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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