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21.01.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wenn „Bild“ lobt, dann richtig. Also hieß es am 20. April 2005: „Wir sind Papst!“ Joseph Kardinal Ratzinger war gerade zum Oberhaupt der katholischen Kirche gekürt worden. Aber was titeln wir zum emeritierten Benedikt XVI.? „Wir sind peinlich!“ vielleicht, so wie die „taz“ es vorformuliert hat? Oder doch: „Wir sind Pinocchio!“?

Das Kreuz hängt schief, nachdem eine neue Studie zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising für die Zeit von 1945 bis 2019 vorliegt: 235 mutmaßliche Täter, mindestens 497 junge Opfer. Und Benedikt XVI. sei als damaliger Münchner Erzbischof in vier Fällen nicht gegen beschuldigte Kleriker eingeschritten, obwohl er davon gewusst haben müsste. Das sagen die Juristen der ermittelnden Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl.

Die Gutachter sind sicher, dass Ratzinger von der Verurteilung des aus Essen gekommenen Priesters Peter H. als Pädophiler wusste. Der amtierende Münchener Kardinal Reinhard Marx, selbst beschuldigt, entschuldigt sich: „Ich bin erschüttert und beschämt.“ Und der 94-jährige Benedikt XVI.? Weist alle Vorwürfe von sich und betet für die Opfer.

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    Das achte Gebot lautet: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Deshalb redet der abgetretene, greise Papst lieber gar nicht. Vielleicht hilft in diesem Fall eine ökumenische Anleihe bei Martin Luther: „Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“

    Wladimir Putin: Internationale Beziehungen und der globale Frieden hängen von den Entscheidungen des russischen Präsidenten ab. (Foto: Mona Eing & Michael Meissner)


    In der Ukraine-Krise läuft die Kommunikation wie gewohnt weiter. Man droht (Sanktionen) und lockt (Dialog). So warnt US-Außenminister Antony Blinken vor seinem heutigen Genfer Treffen mit dem russischen Kollegen Sergej Lawrow vor einem Einmarsch in die Ukraine: „Es ist ein reales Risiko und es ist ein hohes Risiko.“

    Gestern hatte Blinken wiederholt, eine Betriebsgenehmigung für die Erdgaspipeline Nord Stream 2 komme nur in Frage, wenn Wladimir Putin seine Soldaten von der ukrainischen Grenze abziehe. So wird Nord Stream 2 zum Faustpfand des geopolitischen Kampfs, auch wenn es eigentlich nur um sichere Energievorsorge gehen soll.

    Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, bedankte sich deshalb beim Ostausschuss der deutschen Wirtschaft, der ebenfalls darauf dringt, dass bald Gas durch die Ostseepipeline nach Deutschland fließt.

    Im Wochenendreport beschäftigen wir uns auf vielen Seiten mit dem „Weltrisiko Putin“ – und mit seinen Erfolgschancen bei der Herausforderung des Westens. Die sind nicht gering, finden die Autoren. Die Schwäche des US-Präsidenten, die innere Zerrissenheit der USA und Europas, die Angst des Westens vor den wirtschaftlichen Folgen eines Osteuropa-Kriegs, die Abhängigkeit Deutschlands vom Staatskonzern Gazprom – das alles helfe Russlands Staatspräsident beim Versuch, eine neue regionale Ordnung über die Köpfe der Europäer hinweg zu erzwingen.

    Grafik

    Putin ist derzeit lauter, als es seine lahmende Wirtschaft eigentlich erlaubt. Russlands Volkswirtschaft ist kleiner als die italienische. Und „den Westen“ gibt es für den früheren KGB-Agenten nicht mehr, nur Amerika und seine eigenen politischen Vasallen und Claqueure.

    „Putin hat im Moment sehr viel mehr Optionen als der Westen“, erklärt der Berliner Politikwissenschaftler und Buchautor Herfried Münkler im Interview. Im Einzelnen sagt er über…

    • den deutschen Einfluss auf Putin: „Wir haben es bei Nord Stream 2 mit einer deutschen Scheindebatte zu tun, in der es mehr um Symbolpolitik als um eine tatsächliche Unterstützung der Ukraine geht. Das ist durchaus in der Tradition der deutschen Außenpolitik zu finden.“
    • ein mögliches Angebot des Westens: „Der Westen könnte zusagen, dass weder die Ukraine noch Georgien in den nächsten zehn Jahren Mitglied der Nato werden. Voraussetzung müsste sein, dass der Donbass befriedet wird und Russland die Separatisten nicht mehr unterstützt.“
    • Machtpolitik: „Die Großmächte sagen es zwar nicht, aber sie begreifen die Lage so, dass eben nicht jedes Land bestimmen kann, welchem Bündnis es angehören will. Die Europäer sind vermutlich die Einzigen, die das nicht so sehen.“

    Stuttgart liegt in Schwaben, aber Daimler Technikvorstand Markus Schäfer, 56, wähnt die Stadt offenbar in der Galaxie. „Die Mondfähre ist gelandet“, sagt er: „Wir sind Pioniere.“ Der Dax-Konzern hat die weltweit erste amtliche Freigabe für hochautomatisiertes Fahren (Level 3) erhalten. Man nähert sich dem Roboterauto von Level 5 an.

    Wer beispielsweise eine neue S-Klasse kauft, kann sich vom Sommer an bei Stau oder stockendem Verkehr bei maximal erlaubten 60 Stundenkilometern über die Autobahn chauffieren lassen. Ab 2024 sind Daimler Kleinautos wie die A-Klasse dran – auch hier soll es dann keinen Fahrer mehr geben, der das Lenkrad bedient, sondern nur noch „power napper“, die die Fahrt zum Kurzschlaf nutzen.

    Ein kleiner Ländervergleich: Österreich führt im Februar eine umfassende Impfpflicht ein, Deutschland doktert weiter mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) und dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am Grundproblem herum. In unserem Nachbarland soll die Impfquote von aktuell 75 Prozent schon bald auf 85 bis 90 Prozent steigen.

    Das soll unter anderem mit einer Impf-Lotterie gehen: Jeder zehnte Stich werde dabei mit 500 Euro belohnt. „Je mehr Menschen eine Corona-Schutzimpfung haben, desto weniger sterben an den Folgen einer Corona-Pandemie“, sagt Österreichs Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein.

    dpa

    Gesundheitsminister Karl Lauterbach befürchtet schon bald sechsstellige Infektionszahlen.

    Sein deutsches Pendant Karl Lauterbach hat da andere Sorgen. Er befürchtet schon bald mehrere hunderttausend Infizierte am Tag und akzeptiert ein paar gravierende Änderungen. So sollen nunmehr Menschen nach überstandener Corona-Infektion nur noch drei Monate (bisher sechs Monate) als genesen gelten – die Kommunikation darüber fiel Corona-bedingt weitgehend aus. Dabei hatte Lauterbach verkündet: „Wir informieren Sie, sodass Sie sich nicht regelmäßig die Seiten (des RKI und PEI) anschauen und prüfen müssen, ob sich etwas verändert hat.“

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Die Wannseekonferenz“ von Matti Geschonneck im ZDF – Montag, 20.15 Uhr, und in der Mediathek. Filmisches Glanzstück des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf der Basis des Protokolls des Prozesses gegen Adolf Eichmann, das tatsächlich alle Elogen der Feuilletons bestätigt. Regie, Drehbuch, Schauspieler – alles eindrucksvoll.

    Das Kammerspiel zeigt, wie 15 Personen aus NSDAP, SS und Ministerialbürokratie an einem Januarmorgen 1942 bei leichtem Frühstück in einer Wannsee-Villa die Ermordung von elf Millionen Juden verhandeln. Und zwar als Wettstreit um Kompetenz, Eitelkeit, Rechthaben, Drohwirkung. Gegen Ende der Dienstkonferenz fällt auf, dass man mehr als 400 Tage bräuchte, um jeden zu erschießen. Da wird „Zyklon-B“ wird genannt. Es war diese Tötungsindustrie, die Paul Celan dichten ließ: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

    Und dann ist da noch Klaus Schwab, 83, Schöpfer des „Davos Man“, des im Namen des Guten tatkräftigen Kosmopoliten, der natürlich alljährlich das „World Economic Forum“ besucht, wenn nicht gerade Corona ist. Der deutsche Ökonom Schwab wird bewundert, weil er jedes Jahr einen neuen schwafeligen Titel für die immer gleiche Weltrettungsshow der Reicheren erfindet. Im Handelsblatt-Gastkommentar entwickelt er seine wohltönende Theorie von einer „Governance 4.0“, mit einem modernen Stakeholder-Kapitalismus, wobei er so klingt wie Blackrock-Chef Larry Fink, der vielleicht mächtigste „Davos Man“.

    „Governance 1.0“ sei die Periode der Macht eines Chefs gewesen. „Governance 2.0“ dagegen: Milton Friedman, Shareholder-Mythos, globale Finanzialisierung. Und die aktuelle „Governance 3.0“ sei operatives Krisenmanagement, bedingt durch Corona. Klingt wie eine Theorie, ist aber vermutlich eine Einladung, 2023 darüber zu diskutieren. Schließlich gilt ja: Davos darf nicht sterben.
    Ich wünsche Ihnen einen blumenreichen Tag.

    Herzliche Grüße
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs

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