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25.09.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

„Impeachment“ ist ein großes Wort. Zweimal gab es solche Amtsenthebungsverfahren in den USA, beide scheiterten (Andrew Johnson 1868 und Bill Clinton 1999). Und Richard Nixon, bisher größter Gauner unter den US-Präsidenten, verhinderte im eingeleiteten Impeachment Schlimmeres durch den eigenen Rücktritt. Nancy Pelosi, demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, hat in der Nacht den Grundstein für ein solches Verfahren gegen Donald Trump gelegt. Er soll den ukrainischen Präsidenten zu grundlosen Ermittlungen gegen Hunter Biden, den Sohn des demokratischen Gegenkandidaten Joe Biden, angestachelt und zuvor Millionen Dollar Militärhilfe zurückgehalten haben. Das Ganze wirkt wie ein aus dem Balkan finanzierter Mafiafilm, in dem Trump nun mit der Veröffentlichung des Mitschnitts vom Ukraine-Telefonat kontert – um dann vermutlich auf weitere Eskalation und somit neue Profilbildung zu bauen. Es ist, als ob bei „Macbeth“ der Schlachtenrauch über die Felder zieht und Hexen rufen: „Doppelt plagt euch, mengt und mischt! / Kessel brodelt, Feuer zischt.“

AP

Thyssen-Krupp: Präsidium und Personalausschuss des Aufsichtsrats empfehlen eine „zeitnahe“ Trennung von Konzernchef Guido Kerkhoff.

In den vielen Chaostagen von Thyssen-Krupp hatte Guido Kerkhoff – einst Finanzchef, dann CEO – noch jede Wendung mitgemacht. Stahlverkauf, Zweiteilung, Aufzugsparte-Verkauf, alles schön mitgetragen, alles schön sauber argumentiert. Die neue Volte in Essen aber wird Mister Wendehals nicht mittragen. Präsidium und Personalausschuss des Aufsichtsrats empfehlen eine „zeitnahe“ Trennung vom Konzernchef, sprich: sofort. Die operative Macht als CEO übernimmt für ein Jahr die bisherige Aufsichtsratschefin Martina Merz, deren alter Posten in dieser Zeit Siegfried Russwurm bekleidet. Irgendwie scheint eine solche Rochade im Trend zu liegen: Bei Vapiano wurde jüngst die Aufsichtsratschefin ebenfalls Interims-CEO.

Kein Superlativ ist Saudi-Arabien zu klein, und so soll natürlich auch der IPO des staatlichen Erdölproduzenten Saudi Aramco der größte Börsengang der Welt werden. Die erzielten Gelder sind für einen Staatsfonds eingeplant, zwecks großer Beteiligungen und Übernahmen. Angeblich kamen das Königshaus in Riad und seine eigenen Berater jetzt überein, eventuell zehn Prozent von Aramco statt wie bisher fünf Prozent an große Investoren zu geben. Die Verdoppelung ist wohl praktische Motivationshilfe nach dem Drohnenangriff auf saudische Öl-Anlagen.

Die Spitzen des größten deutschen Konzerns stehen unter Anklage, womöglich bald auch im Gerichtssaal – VW leistet sich ein Novum, das für brisante Verhältnisse sorgt. Trotz der juristischen Attacken in Sachen „Dieselgate“ wollen CEO Herbert Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch einfach weitermachen, Soldatenmentalität macht sich breit. Der Aufsichtsrat wird den lädierten Führungsfiguren heute sogar einen Freifahrtschein ausstellen. Diess werde für all die neuen E-Autos gebraucht und Pötsch als Stimmungsbrücke zum Porsche-Clan, dem Hauptaktionär, heißt es in unserer Titelstory. Was zählt da schon, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig auf 636 Seiten aufführt, wie die Top-Leute im September 2015 zu spät über das Milliardenrisiko der manipulierten Abgasmessungen informiert hätten? Die VW-Gähn-Strategie, bei dieser Geschichte auf Zeit zu spielen, ist gründlich danebengegangen. In Deutschland beginnt die Affäre erst.

An solchen Tagen wird aus der Mitteilung, dass Daimler wegen der „Dieselgate“-Verfehlungen 870 Millionen Euro Bußgeld zahlt, eine eher kleine Meldung. Der Stuttgarter Konzern preist den „Rechtsfrieden“ und verzichtet auf Rechtsmittel, hat aber Rechtschaffenheit verloren. Nicht wenige erinnern sich, wie Daimler Monat für Monat als Saubermann der Industrie auftrat, bis das Kraftfahrzeug-Bundesamt dem Treiben ein Ende setzte.

Älteren Menschen werden an der Haustüre gerne windige Abonnements oder Rentenversicherungsverträge angedreht. In Großbritannien unterschrieb die 93-jährige Elisabeth II. jüngst sogar eine Anordnung zu Zwangsferien des Parlaments, die der Supreme Court gestern als „illegal“ verwarf. Das macht Premier Boris Johnson zur königlichen Last – auf seinen Rat hin hatte die Queen gehandelt. Und alle fragen sich, ob dies Prinz Charles oder Prinz William auch passiert wäre. Johnsons Empfehlung sei „ungesetzlich, nichtig und wirkungslos“ gewesen, sagt Lady Hale, die Richterin. Der britische Regierungschef musste nach der Blamage seinen Trip nach New York abbrechen. Vor den Abgeordneten, die heute wieder der Demokratie nachgehen dürfen, wird er wie ein Zocker erscheinen, dem ein Ass aus dem Ärmel gerutscht ist.

dpa

Condor soll einen Überbrückungskredit über 380 Millionen Euro erhalten.

Nach der Pleite des britischen Tourismuskonzerns Thomas Cook übt sich der deutsche Staat in der Rolle des Animateurs. Mit 380 Millionen Euro Überbrückungskredit der KfW, abgesichert durch eine Bürgschaft des Bundes, soll die deutsche Konzerntochter Condor mit ihren 50 Jets auf Stimmung gebracht werden. 5000 Jobs würden erhalten, 240.000 Passagiere könnten zu annehmbaren Bedingungen zurück vom Ferienort kommen, wirbt CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier für das Modell „Staatsknete“. Fraglich ist jetzt nur, wer Condor auf Vermittlung von KPMG und Alix Partners kauft: Tuifly, Lufthansa oder jemand ganz anderes?

Bei den Grünen ist Cem Özdemir ein Star der Medien, kein Star der Partei. Der Schwabe patzte bei der Wahl zum Fraktionschef und kann es höchstens als schalen Triumph auskosten, dass Amtsinhaber Anton Hofreiter kümmerliche 58 Prozent erreichte. Katrin Göring-Eckardt kam bei ihrer Wiederwahl auch nur auf 61 Prozent. Özdemir muss sich jetzt auf die Leitung des Verkehrsausschusses im Bundestag konzentrieren sowie auf die richtige Form von Tauziehen. „Gemeinsam an einem Strang ziehen – das macht uns stark“, twittert Parteichefin Annalena Baerbock.

Göppingen ist bekannt für seine „Frisch-auf“-Mentalität: So heißt dort der Handball-Traditionsverein und so schickt sich auch eine örtliche Tech-Firma an, heute einen der größten Börsengänge der letzten Jahre hinzulegen. Die Emission von Teamviewer, einem Spezialisten für Computer-Fernwartung, ist bei einem Preis von 26,25 Euro mehrfach überzeichnet, der Firmenwert liegt bei 5,25 Milliarden Euro. Als Meister aller Klassen darf sich dabei die Private-Equity-Firma Permira fühlen, die vor fünf Jahren mit 870 Millionen eingestiegen war – und nun gut 2,2 Milliarden kassiert. Seneca wusste für solche Fälle: „Nicht wer wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.“

AP

Placido Domingo verlässt die New Yorker Met-Oper.

Mehr als 50 Jahre war Plácido Domingo an der Met in New York – aber nun steigt er dort helter-skelter aus, einen Tag vor der Aufführung von Verdis Oper „Macbeth“. Der in „MeToo“-Skandale verwickelte spanische Opernsänger will nie mehr zur Spielstätte seiner Triumphe zurückkehren. In den USA hatten schon die Oper von San Francisco und das Philadelphia Orchestra geplante Konzerte mit dem 78-Jährigen abgesagt, die Verleihung des Europäischen Kulturpreises wird um ein Jahr verschoben. Zuletzt hatten sich die Belästigungs-Vorwürfe von Frauen gehäuft.

Und dann ist da noch der französische Spitzenkoch Marc Veyrat, der den Michelin-Führer verklagt. Die Organisation hatte ihm den dritten Stern entzogen, offenbar weil dem Speisenprüfer ein Käse-Soufflé nicht behagte. Veyrat spricht davon, ohne Warnung entehrt worden zu sein, er sehe immer noch das weinende Team in der Küche vor sich. Dabei habe er dem ominösen Soufflé nur Safran beigefügt, der Tester aber habe gedacht, es handele sich um englischen Cheddar und nicht um französischen Reblochon, was in diesen Kreisen ein Sakrileg gewesen wäre. Der 69-jährige Top-Koch will vor Gericht erreichen, dass der Guide Michelin anhand von Dokumenten die genauen Gründe für die Sterne-Degradierung erläutert. Da können schon mal Meinungen in sich zusammenfallen – wie ein Soufflé im Ofen.

Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Tag, der jedenfalls ungewöhnlich viele starke Nachrichtengeschichten bringt.

Es grüßt Sie wie immer herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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