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12.08.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es geht ins Wochenende, spätsommerlich und ohne Gedanken an die Gasrechnung, und ich will Ihnen nicht mit der neuesten Beschusslage in der Ukraine inklusive Krim die Stimmung verderben. Auch nicht mit der Erörterung darüber, wer Johannes Kahrs eigentlich noch mal ganz dicht neben Olaf Scholz in der hanseatischen SPD war, auch wenn der langjährige Geldsammler für den Kanzler heute den Status einer lästigen Fliege zu haben scheint. Und auch die Bitte des US-Justizministers an die Gerichte, sie mögen doch bitte den von ihm persönlich genehmigten Durchsuchungsbeschluss für Donald Trumps Florida-Disneyland „Mar-a-lago“ publizieren, soll nicht weiter analysiert werden.

Lassen Sie uns lieber zur Abwechslung einmal praktisch werden und uns dem Phänomen des „Overthinking“ zuwenden. Gemeint ist das Gefangensein im Gedankenkarussell, weil eben all die Probleme der Welt (Klima, Putin, Preise) zuzüglich persönlicher Entscheidungen auf Hypothalamus und Synapsen drücken. Wir haben führende Wirtschaftsleute gefragt, wie sie denn mit „Overthinking“ zurechtkommen und aufschlussreiche Antworten erhalten:

  • Da ist die Fraktion der „Mentalen“, die so wie Personio-Gründer Hanno Renner auf Meditation setzen. Jürgen Dawo, Gründer des Fertighausunternehmens Town & Country, atmet ein paar Minuten bewusst auf der Büroliege und lauscht einmal pro Woche den Vogelstimmen im Nationalpark.
  • Da sind die Kommunikativen wie Katy Roewer, Personalchefin der Otto Group, die einfach nur reden, reden, reden – mit Kollegen, Freunden und der Familie.
  • Da gibt es die Strukturierten, die wie beispielsweise die Agenturgründerin und heutige Edding-Managerin Fränzi Kühne auf Rituale setzen – und sei es auf das tägliche Anschauen von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL) über 20 Jahre hinweg.
  • Und da existieren schließlich die Bewegungskünstler wie VW-Digitalkraft Anja Hendel, die „Walking Calls“ schätzt (Telefonate beim Spaziergehen) oder natürlich die gut gewählte Laufstrecke.
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    Man könnte es übrigens auch mit Kurt Tucholsky halten: „Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.“

    dpa

    Deutschlands Bevölkerung altert doppelt: Zum einen sind die Geburtenraten stark gesunken, zum anderen steigt die Lebenserwartung der Individuen weiter an.

    Eine schonungslose, famose Abrechnung mit der Rentenpolitik der amtierenden Ampelkoalition nimmt Handelsblatt-Ökonom Bert Rürup vor. Das Riesenproblem der Überalterung, das 2024 mit der Verrentung der „Baby-Boomer“ beginnt, schaffte es bekanntlich nicht in den Koalitionsvertrag. Wohl aber kam es zum Versprechen, das Mindestrentenniveau dauerhaft auf 48 Prozent und den Beitragssatz in dieser Legislaturperiode auf maximal 20 Prozent zu begrenzen.

    Wenn Olaf Scholz das ernst gemeint hat – und aus taktischen Gründen der Wählerberuhigung kann daran kein Zweifel bestehen – müsste der Beitragssatz für die Rente ceteris paribus von heute 18,6 Prozent bis 2070 auf 29 Prozent steigen. Rürup: „Diese Kosten kann man nicht wegdiskutieren, sondern über Reformen nur umverteilen.“

    Der Mann, den sie „Rentenpapst“ nennen, rät knapp und bündig dazu, mehr „Münte“ zu wagen. Sozialminister Franz Müntefering (SPD) hatte 2007 schrittweise die „Rente mit 67“ eingeführt. Dieser Sozialdemokrat alten Schlags hatte zu Fragen der Altersvorsorge erklärt, man müsse kein Mathematiker sein, sondern es reiche „Volksschule Sauerland“, um zu wissen: „Wir müssen irgendetwas machen“.

    Was die Deutschen am besten mit ihrem Geld machen und wie sie es vor Wertverfall schützen (Inflation!), das breiten wir in unserem großen Wochenendreport aus. Ukrainekrieg, Lieferketten-Rupturen, Protektionismus und Energieschock zwingen zum Umorientieren – eine „Polykrise“ laut Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.

    Zur Antwort per Portfolio gehören, bei aller Vorsicht, resiliente Einzelaktien wie Coca-Cola, Linde, Allianz oder Apple, aber auch mehr Anleihen und natürlich eine stärkere Cash-Position. Wenn die Börsen demnächst wieder Fallsucht haben, wird Bargeld „King“ für den Erwerb verbilligter Wertpapiere sein.

    Grafik

    Immobilien gehören wie Gold ebenfalls in jede Betrachtung über Finanzanlagen. Nicht zuletzt raunen viele ja vom „Betongold“, als handele es sich um den berühmten „Nibelungenhort“. Leider ist der Markt derzeit aufgrund der explodierenden Preise für Energie und Baumaterial „in tatters“, wie unsere englischen Freunde sagen – er zerlegt, zerfetzt sich gerade.

    So haben im zweiten Quartal die Preise für Wohn-, Büro- und Betriebsgebäude im Vergleich zum Vorjahr um 17,6 bis 19,4 Prozent zugelegt. Und just diese Brancheninflation wird sich fortsetzen, weshalb der Auftragseingang im Baugewerbe zuletzt um 7,5 Prozent schwand. Der Bauboom der letzten Jahre hat ein jähes Ende gefunden, die Gerüste werden abgebaut.

    Am vorigen Montag hatte ich mit einem kleinen Team im Handelsblatt-Hauptquartier an der Toulouser Allee in Düsseldorf nachmittags vier Stunden Schwerstarbeit zu verrichten. Es ging darum, für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2022 aus 70 von den Verlagen eingereichten Büchern genau zehn auszuwählen – die Shortlist dieses Jahres.

    Die Top Ten beinhalten Massimo Bognannis Cum-Ex-Report, die Analyse der großen „Arbeiterlosigkeit“ von Sebastian Dettmers, Katja Diehls „Autokorrektur“, die Antworten des Verhaltensökonomen Armin Falk, zehn Zukunftsvisionen von Kai-Fu Lee, Alexander Hagelükens „Wirtschaft für Kids“, Katrine Marcals Abhandlungen über den Faktor Frau bei Erfindungen, Thomas Mayer und sein „Inflationsgespenst“, Thomas Pikettys „kurze Geschichte der Gleichheit“ sowie die „Wasserstoffwende“ von Monika Rößinger.

    In den nächsten Freitagsausgaben des Morning Briefings werden wir jeweils die Kurzrezension eines Buchs veröffentlichen. Sie sollen am Ende mit den anderen Leserinnen und Lesern über das beste Werk abstimmen – für einen undotierten Publikumspreis.

    The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Erika Ede

    Louise Bourgeois "Spider": Die über sechs Meter hohe Skulptur setzt sich aus Stahl, Wandteppich, Holz, Glas, Stoff, Gummi, Silber, Gold und Knochen zusammen.

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: die bis zum 23. Oktober laufende Ausstellung „The Woven Child“ im Berliner Gropiusbau von Louise Bourgeois (1911 bis 2010). Im Mittelpunkt stehen textile Arbeiten aus der späten Schaffensphase der französischen Künstlerin, die Erotik und Ausstrahlung des weiblichen Körpers zeigen. Die Exponate verdeutlichen ihren Kampf mit Traumata und Lebenserfahrungen. Hier spielen auch die Auseinandersetzungen mit den Eltern eine Rolle, die in Paris eine Galerie für alte Tapisserien hatten. Bourgeois führte in ihr Oeuvre die durch sie berühmt gewordene „Spinne“ als Ode an die Mutter ein, sowie Käfige („Cells“), die Fetische des Lebens einschließen.

    Und dann ist da noch Milliardär Klaus-Michael Kühne, 85, mit dem Portemonnaie und dem Steuerkonto in der Schweiz, mit dem Herzen in seiner Heimatstadt Hamburg. Und da insbesondere beim Fußball-Zweitligisten HSV, einem aktuell verblassten Mythos. Der Senior bietet dem klammen Klub (70 Millionen Euro Schulden) nun 120 Millionen Euro. Etliches davon ist für die Namensrechte der Spielstätte vorgesehen, die „Uwe-Seeler-Stadion“ heißen soll.

    Doch ein Mäzen ist der Geldscheinwedler aus dem Alpenländischen nicht, sondern knallharter Kaufmann. Kühne will seinen Anteil an der Fußball AG von 15 auf knapp 40 Prozent erhöhen und zwei Personen seines Vertrauens in den Aufsichtsrat expedieren. Die HSV-Mitglieder dürften von dem Coup wenig halten. Und Medizinunternehmer Thomas Wüstefeld will die Kühne Holding sogar verklagen, weil sie ihn beim Verkauf von 5,11 Prozent der HSV-Aktien nicht vollständig über das Finanzdrama informiert hätte. Zum Chaos im „Uns-Uwe“-Verein gehört, dass es wiederum im Aufsichtsrat einen Abwahlantrag gegen den renitenten Vorstand Wüstefeld gibt.

    In dieser Lage erinnern wir uns unweigerlich an den kürzlich verstorbenen HSV-Heros Uwe Seeler: „Wir stehen mit dem Rücken nicht mehr an der Wand, sondern in der Wand.“

    Ich wünsche Ihnen ein entspanntes, erholsames Wochenende.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Morning Briefing: Alexa

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