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24.05.2022

06:16

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Prominente, die zum Weltwirtschaftsforum nach Davos kommen, geben gern zwei Bekenntnisse ab: eines für eine bessere Welt, das zweite für Freihandel. Noch nie aber hat das jemand hier in den Bergen der Weitsicht so elegant verknüpft wie Robert Habeck bei seinem Davos-Debüt.

Der Bundeswirtschaftsminister redete Klartext: „Sowohl die Energiepolitik als auch Teile der Wirtschaft haben sich aus Profitgründen zu oft einseitig abhängig von autoritären Regimen gemacht.“

Und deshalb plädiert der grüne Vizekanzler für eine neue europäische Handelsagenda, inklusive fairer Abkommen zwischen der EU und anderen Regionen – „die viel stärker das Wohl von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Klimaschutz und Nachhaltigkeitsziele in den Blick nehmen“.

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    Die beste Antwort auf die Krisen der Zeit seien offene Märkte, allerdings nicht als Spielplätze „ungezügelter Globalisierung“, sondern mit neuen Regeln. Für eine Partei, die einst TTIP (mit den USA) und Ceta (mit Kanada) eher für Teufelszeug hielt, sind die Freihandelsbotschaften des neuen „Davos Man“ überraschend.

    Wie mit dem Röntgenapparat analysiert die kommunistische Führung Chinas derzeit, wie Europa und die USA – vulgo „der dekadente Westen“ – auf den Überfall Russlands auf die Ukraine reagieren.

    Die Kader in Peking wollen sich eines Tages Taiwan einverleiben, da es sich lediglich um eine abtrünnige Provinz handele, die sich 1949 abgespalten hatte. Sie soll mit dem Festland wiedervereinigt werden. „Niemand sollte die starke Entschlossenheit, den festen Willen und die mächtigen Fähigkeiten des chinesischen Volkes unterschätzen“, trompetet Außenminister Wang Yi in Richtung Joe Biden.

    Der US-Präsident hatte per Pressekonferenz in Tokio zugesichert, die USA würden Taiwan im Falle eines Angriffs militärisch verteidigen. Und Biden hielt der chinesischen Regierung ihre vielen Militärmanöver vor, sie „flirte mit der Gefahr“. Durch eine engere Kooperation mit Japan will der US-Präsident den Systemrivalen China zähmen.

    dpa

    Die Probleme im deutschen Schienennetz werden immer größer, auch weil so viel wie noch nie gebaut wurde. Jetzt erhöht die Industrie den Druck auf den Verkehrsminister.

    Wenn jemand eine Reise tut, dann hat er viel zu erzählen. Meine beiden Münchener Kollegen wissen das nur zu gut, nachdem sie vorige Woche mit der Bahn von Düsseldorf aus am späten Nachmittag nach Hause fuhren.

    Zug eins konnte auf einmal nicht mehr über 150 Stundenkilometer beschleunigen und musste in Montabaur halten, damit sich der dahinter bildende Stau auflösen konnte. Zug zwei stand in Frankfurt-Flughafen auf dem gegenüberliegenden Gleis, also stiegen sie um.

    Doch in Stuttgart kündigte sich das nächste Debakel an, der ICE hatte plötzlich keine Lichtversorgung mehr. Also wieder Wechsel zum Gleis gegenüber, wo zufällig ein Zug nach München stand. Zug drei also brachte die Kollegen tatsächlich nach Hause, wo sie kurz vor Mitternacht eintrafen.

    Warum ich das erzähle? Weil die Deutsche Bahn AG, einst als Börsenkandidat handgestreichelt, inzwischen Deutschlands größtes Krisenprodukt ist. Und ein „grünes Placebo“. Allein am vergangenen Freitag standen bei der Güterverkehrstochter DB Cargo 309 Züge still – dabei soll der Warentransport in Deutschland langsam von der Autobahn auf die Schiene verlagert werden.

    Im April waren im Personenverkehr auch nur noch zwei von drei Fernzügen pünktlich – die anderen standen irgendwo still. Natürlich hat sich die Bahn auch ein respektables Netzwerk aufgebaut, aber immer mehr Baustellen verhindern den Sprung nach vorn.

    Der Druck auf Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Bahnchef Richard Lutz steigt. Unser Report zeigt das gesamte Chaos. Früher endeten solche Betrachtungen übrigens schon mal mit einem kleinen Witz. Frage an Radio Eriwan: „Bringt uns die Bahn eine grüne Zukunft?“ Antwort: „Im Prinzip ja – sie muss nur fahren.“

    Grafik

    Irgendwann, wenn der Irrwitz um Wladimir Putin sich aufgelöst hat, wird die Debatte starten: Wer war Täter, wer war Mitläufer, wer hat den Mund aufgemacht gegen das mörderische Zwangssystem?

    Boris Bondarew, russischer Diplomat am UN-Sitz in Genf, wird zur dritten Kategorie gehören. Seinen freiwilligen Abschied aus dem Dienst garnierte der hochrangige Botschaftsrat mit schärfster Wortmunition. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine sei ein Verbrechen am ukrainischen und am russischen Volk, schrieb er auf der Plattform LinkedIn des US-Konzerns Microsoft: „Ich habe mich noch nie so für mein Land geschämt, wie am 24. Februar dieses Jahres.“

    Diejenigen, die diesen Krieg geplant hätten, wollten ewig an der Macht bleiben, in geschmacklosen Palästen leben und auf Jachten segeln, deren Größe und Kosten mit der gesamten russischen Marine vergleichbar seien: „Dafür sind sie bereit, so viele Leben zu opfern wie nötig.“ Im russischen Außenministerium hätten Desinformation und Propaganda ein Ausmaß wie unter den Sowjets der 1930er-Jahre erreicht, es gehe „um Kriegstreiberei, Lügen und Hass“. Fazit: Bondarew dürfte nun nach Leibwächtern Ausschau halten.

    Sowohl der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock als auch DWS, Fondstochter der Deutschen Bank, sind vor einiger Zeit in den Ruch des „Greenwashings“ gekommen. Es zeigte sich: Die ESG-Kriterien für ökologisches, soziales und unternehmerisches Wohlverhalten sind eine feine Sache, müssen allerdings gelebt und nicht nur behauptet werden. Fake News können hier teuer werden.

    Es gibt nun einen Präzedenzfall. Die amerikanische Börsenaufsicht, die U.S. Securities and Exchange Commission (SEC), teilt mit, dass ein Ableger der Bank BNY Mellon wegen falscher ESG-Angaben 1,5 Millionen Dollar gezahlt habe. Zwischen Juli 2018 und September 2021 warb BNY Mellon Investment Adviser damit, alle Anlagen auf Herz, Nieren und ESG geprüft zu haben – was nicht immer stimmte. Die Bank teilt prompt ihre Freude mit, die Sache bei ihren sechs US-Fonds gütlich gelöst zu haben.

    Und dann ist da noch Sir Richard Dearlove, 77, Ex-Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, der klingt, als habe er seit seiner Pensionierung alle Bände von John Le Carré zweimal gelesen.

    Solche Lektüre regt bekanntlich die Fantasie außerordentlich an. Und so sagte Dearlove in einem Podcast das Ende des Regimes in Russland für spätestens im kommenden Jahr voraus. Putin werde in den nächsten Monaten gewaltlos abgelöst: „Ich denke, er wird bis 2023 weg sein – wahrscheinlich im Sanatorium, aus dem er nicht als Führer Russlands hervorgehen wird.“

    Über Putins Gesundheitszustand wird aktuell noch öfter spekuliert als über den von Queen Elizabeth II. Mal hat der Präsident Krebs, dann wieder Parkinson, immer aber eine Psychose.

    Laut Zukunftsseher Dearlove aus der James-Bond-Welt werde sich Nikolai Patruschew, Sekretär des russischen Sicherheitsrates, in Stellung bringen, wenn Putin erst mal in der Nervenheilanstalt ist. Den Krieg werde der Neue dann jedoch nicht gleich beenden.

    Vielleicht hat die MI6-Legende neben Le Carré auch Norman Mailer gelesen: „Was man heute als Science-Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen.“

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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