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27.07.2022

06:18

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Lufthansa wird zur Bodenhansa. Hatte Deutschlands Flugmonopolist zuletzt schon durch Flugabsagen und krassen Personalmangel seine Klientel verschreckt, so potenziert sich das Chaos jetzt noch einmal.

Bis Donnerstag sind insgesamt 1000 Flüge gestrichen. 134.000 Passagiere müssen aufgrund solcher Verhältnisse aufpassen, dass sie wegen des permanenten Ärgers über das Unternehmen nicht in die Luft gehen.

Die deutschen Drehkreuze Frankfurt am Main und München sind jetzt quasi außer Betrieb gesetzt, da die Gewerkschaft Verdi rund 20.000 Beschäftigte der Bodencrews zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen hat. Sie will bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gehalt erreichen.

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    Dieser Streik ist summa summarum genauso unnötig wie die überdimensionalen Sparrunden der Lufthanseaten, gerne am Publikum vorbei beschlossen. Unser Experte Jens Koenen kommentiert den „Abstieg aus der Weltliga“.

    Gilles ROLLE/REA/laif

    Reicht das Gas in Europa für den Winter?

    Der Bezug von russischem Gas ähnelt immer mehr einer Lotterie. Und zwar einer, in der die hoffnungsvollen Loskäufer mit lauter Nieten wieder abziehen müssen. 20 Prozent der sonst üblichen Ladung will der russische Staatspräsident Wladimir Putin nun über sein Erpressungsvehikel Gazprom durch die Nord-Stream-Pipeline jagen, was die vier führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute sogleich zu größeren Rechenaufgaben bewog. Demnach könnte es im Winter knapp für die Deutschen reichen, ohne Kältezittern ins Frühjahr zu kommen.

    Ein Restrisiko aber bleibt – vor allem jenes, dass Putin erst auf zehn, dann auf null Prozent reduziert. Noch profitiert er vom steil steigenden Gaspreis, der gestern zeitweise um knapp elf Prozent auf 196 Euro je Megawattstunde zulegte.

    In Brüssel haben sich die EU-Energieminister unterdessen auf einen Gasnotfallplan geeinigt, wonach jedes Land den Verbrauch bis Ende März um 15 Prozent senken soll. Aber wie heißt es so schön bei Johann Wolfgang von Goethe: „Leben ist ein großes Fest, / wenn sich's nicht berechnen lässt.“

    Grafik

    Manchmal kommen Angebot und Nachfrage einfach nicht zusammen. Beispiel Berufsausbildung: Da suchen deutsche Betriebe mit größer werdender Verzweiflung nach Auszubildenden. Zehntausende Lehrstellen sind frei.

    Jede fünfte Lehrstelle blieb zuletzt unbesetzt, 600.000 neuen Lehrverträgen in 2008 steht die aktuelle Niedrigzahl von 473.000 für 2021 entgegen. Andererseits mangelt es nicht an potenziellen Interessenten, die auch nicht im letzten Augenblick zurückziehen – und dennoch gibt es kein „matching“.

    Die Gründe für dieses Arbeitskräfteproblem analysieren wir in einem Schwerpunkt. Eine Wahrheit ist, dass viele Schulabgänger einfach keinen Durchblick hinsichtlich der Chancen im Markt haben. Fazit: Es fehlt an Informationen – manchmal auch an realistischen Erwartungen.

    In den vergangenen Monaten schossen sich in den USA Politiker der Republikanischen Partei auf Blackrock ein, die mächtigste Finanzfirma der Welt. Ihr Vorwurf: Man überziehe mit Klimaschutzforderungen und betreibe einen „Woke“-Kapitalismus gegen die Unternehmen.

    Für diese Kritik gab es 2022 allerdings wenig Anlass. Der weltgrößte Vermögensverwalter (verwaltetes Vermögen: knapp zehn Billionen Dollar) unterstützte Aktionäre bei ökologischen und sozialen Vorstößen in den Hauptversammlungen nur noch in 24 Prozent der Fälle. Im Jahr zuvor lag die Quote bei 43 Prozent.

    In der Branche war der Rückgang bei der Unterstützung solcher Öko-Positionen insgesamt bescheidener – es ging von 36 auf 27 Prozent herunter. Die Initiativen seien zu bindend gewesen, zudem habe die russische Invasion in der Ukraine die Methodik der Investments geändert, argumentiert Blackrock:

    „Viele klimabezogene Vorschläge versuchten, das Tempo des Energieumbaus von Firmen zu diktieren, mit geringer Berücksichtigung der Disruption in der finanzwirtschaftlichen Stärke. Andere versagten, den gemachten Fortschritt zu erkennen.“ Man wird Blackrock-Chef Larry Fink kaum mehr, wie geschehen, des „Greenwashings“ beschuldigen, sondern eher des „Greenbashings“.

    Reuters

    Der Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein muss seinen Posten offenbar räumen.

    Die Schweizer Großbank Credit Suisse hat in den vergangenen Jahren noch jedes Fettnäpfchen gut getroffen. Reihenweise desertierten Manager, Affären legten eine desolate Führungskultur frei, die Zusammenbrüche von Greensill Capital und Archegos Capital Management im Jahr 2021 schädigten die Bilanz.

    Am heutigen Mittwoch, bei der Verkündung der wohl desaströsen Quartalsbilanzzahlen, ist reichlich Trauer zu erwarten – auch über den Abgang des CEOs Thomas Gottstein, 58, nach nur zweieinhalb Jahren. Er dachte, man suchte einen Sanierer, aber sie suchten in Zürich am Paradeplatz einen Gott.

    Auf Gottstein soll Ulrich Körner folgen, meldete am Dienstagabend die „Financial Times“, gestützt auf vier Quellen. Der Restrukturierungsspezialist Körner ist gegenwärtig Asset Management-Chef der Credit Suisse. Zuvor waren auch die Namen von Chef-Investmentbanker Christian Meissner sowie dem obersten Vermögensverwalter Francesco de Ferrari gefallen.

    Das Wörtchen „wenn“ benutzte Bertelsmann-Chef Thomas Rabe zuletzt strategisch. Wenn also in Frankreich der TV-Marktführer TF1 des Bauunternehmers Martin Bouygues durch den geplanten Mehrheitskauf des bisherigen Bertelsmann-Senders M6 zum nationalen Champion gegen Netflix, Amazon & Co aufsteigen würde, dann könnte die eigene RTL-Gruppe in Deutschland irgendwann vielleicht auch den Rivalen ProSieben Sat1 übernehmen.

    Allerdings macht die französische Kartellbehörde einen Strich durch solche Wunschrechnungen. Sie äußert in einem Report starke Bedenken wegen der drohenden Fernsehwerbedominanz.

    Harte Auflagen drohen, womöglich auch eine Untersagung. Dass in der ganzen Deal-Manie der Konzerne auch mal das Postulat eines lebendigen Wettbewerbs eine Rolle spielt, darf als positives Zeichen gesehen werden.

    Und dann ist da noch Kate McCann, Moderatorin bei Talk TV, dem neuen Sender des Medienmoguls Rupert Murdoch, 91, der glaubt, die britischen Zuschauer mit einem Klon seiner rechtsorientierten US-Krawallbude Fox News beglücken zu müssen.

    Die Quoten waren zum Start so unterirdisch, dass Talk TV erst jetzt ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt – durch einen medizinischen Notfall. Während eines munteren TV-Duells der beiden Aspiranten für das Erbe des scheidenden Premiers Boris Johnson wurde Gesprächsleiterin McCann nach gut 30 Minuten ohnmächtig.

    Die Zuschauer hörten ein lautes Geräusch, Außenministerin Liz Truss sagte die OMG-Formel („Oh my god“). Die Debatte zwischen ihr und Ex-Finanzminister Rishi Sunak wurde nicht wieder aufgenommen, auch wenn sich die Moderatorin bald erholte.

    Vielleicht war der Einzeljob im Murdoch-Reich einfach zu viel für sie: Der als Co-Moderator vorgesehene „The Sun“-Korrespondent Harry Cole hatte kurzfristig wegen Corona abgesagt. Zum Schluss hilft uns ein Rat von Theodor W. Adorno: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

    Ich wünsche Ihnen einen durch und durch erkenntnisreichen Tag.

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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