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13.05.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen fanden sich die beiden Spitzenkandidaten im WDR gestern Abend zu ihrem einzigen TV-Duell und persönlichen Showdown zusammen: Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und Herausforderer Thomas Kutschaty (SPD). Gegen Kriminalität wollen beide mit mehr Polizei angehen, gegen die Bildungsmisere mit mehr Lehrerinnen und Lehrern.

Lustig wurde es nur, als die beiden Moderatorinnen den Duellanten Sätze aus einem der beiden Programme vorlasen – zum Tippen, welche Partei wohl der Urheber des Gehörten sei. Tja, und wie das so ist, mit den blank geputzten Sätzen aus Parteiprogrammen, die keiner liest – sie sind sich verdammt ähnlich.

Und so tippten beide immer jeweils auf das eigene Wahlprogramm, doch die Sätze kamen mal von der SPD, mal von der CDU. Der Unterschied liegt in der Persönlichkeit, und da liegt Hendrik Wüst vermutlich ein paar Meter vorn.

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    Die Allmacht der Kommunistischen Partei steht über dem Wohlstand für alle, absolute Unterordnung über dem bürgerlichen Konsumglück. Das ist der stillschweigende Deal, der die Volksrepublik China bisher geprägt hat. Dieses Agreement ist in Gefahr, die Wachstumsmaschine gerät ins Stottern. Das hängt augenscheinlich mit dem neuen Absolutismus des Staatenherrschers Xi Jinping zusammen, der sich gottgleich entgegen bisherigen Regularien zum neomaoistischen Dauerregenten erheben will.

    Eine Null-Covid-Politik, der auch hierzulande viele Prominente das Wort geredet haben, bringt das Land derzeit völlig aus der Spur. Was passiert, wenn man eine ganze Metropole wie Schanghai zur Isolierstation erklärt, schildert unser großer Wochenendreport: „Der China-Crash“.

    Xi teilt eine Menge mit Wladimir Putin, dem russischen Waffenbruder, der souveräne Staaten niederwalzen will: die Angst alter Männer, von der Macht lassen zu müssen; die Überzeugung, mit eigenen Rohstoffen die Welt abhängig machen zu können; die Ablehnung des westlichen Liberalismus als „dekadent“; der gezielte Einsatz der Drohung als politisches Stilmittel; der Bezug auf eine irgendwie als glorreich verklärte Vergangenheit, sei es die alte Sowjetunion, sei es das innovative chinesische Weltreich des Mittelalters.

    Dass selbst ein Moskau-freundlicher Konzern wie Siemens, der im 19. Jahrhundert einmal 80 Prozent des Umsatzes mit Russland gemacht hat, nun nach 170 Jahren das Weite sucht, zeigt die ganze Dramatik der Lage. Die staatsmännischen Diener des Joe Kaeser, der sich dafür im ZDF grillen lassen musste, haben sich am Ende nicht gelohnt.

    Andrea Ucini für Handelsblatt

    Der China-Crash: Die Volksrepublik liegt lahm.

    Die einen wollen raus, die anderen rein – in einen Schutzraum gegen den waffenstarrenden Putinismus. In Finnland haben sich der Präsident Sauli Niinistö und die Ministerpräsidentin Sanna Marin für einen „unverzüglichen“ Beitritt zur Nato ausgesprochen. Der Staat, der eine 1343 Kilometer lange Grenze mit Russland hat, fühlt sich nach dem Überfall auf die Ukraine nicht mehr sicher. Die fortgesetzte Aggression des Nachbarn rührt an ein finnisches Trauma, bedingt durch den „Winterkrieg“ 1939 und 1940. Damals überfiel Putins Vorbild und Hitlers zeitweiliger Partner Josef Stalin Finnland – und erzwang am Ende Gebietsabtretungen, ein vertrautes Muster.

    2014, im Jahr der Krim-Annexion, waren nur 20 Prozent der Finnen für einen Nato-Beitritt, heute sind es 70 Prozent. Das gemeinsame Statement von Präsident und Ministerpräsidentin ist eindeutig: „Es brauchte Zeit, damit das Parlament und die gesamte Gesellschaft ihre Meinung in dieser Frage entwickeln kann.“

    imago images/Lehtikuva

    Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin und der finnische Präsident Sauli Niinistö sprechen sich für einen Nato-Beitritt aus.

    Es gilt, von zwei Ökonomen und ihren Karrieren zu berichten. Die erstaunlichste ist die des Arbeitsmarktökonomen Simon Jäger, 36. Er wurde 2016 an der Harvard-Universität promoviert und lehrt derzeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Mit Forschungsarbeiten, etwa über die Effekte der Mitbestimmung auf Löhne und Investitionen, erregte er Aufmerksamkeit. Im September übernimmt Jäger die Leitung des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn, zu dessen Forscher-Netzwerk er seit 2009 gehört.

    Die zweite Personalie betrifft den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, also die „Wirtschaftsweisen“. Hier hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände den Bochumer Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Martin Werding nominiert. Er folgt auf Volker Wieland. In den vergangenen Jahren schon hatte Werding als Berater der Politik gewirkt – und etwa zusammen mit dem Ifo-Institut für das Bundesfinanzministerium Langfristprojektionen zur Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen erstellt.

    Eine fünfte Weisen-Stelle bleibt noch vakant: die des Freiburger Ökonomen Lars Feld, der in das intrigenpolitische Häckselwerk der letzten schwarz-roten Koalition geraten war.

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Eine Liebe in Kairo“ von Amir Hassan Cheheltan. Ein historischer Roman, nicht über Ägypten, sondern über den Iran – das Land, das einmal Persien war. In Kairo am Nil sitzt 1947 der iranische Botschafter und soll Königin Fausia aus ihrem ägyptischen Heimatland wieder zu Ehemann Reza Pahlavi nach Teheran zurückbringen. Zudem soll er die in Kairo lagernde Leiche des Vaters von Schah Pahlavi überführen lassen. Kunstvoll beschreibt Cheheltan, der mit dem Buch „Der Kalligraph von Isfahan“ ein Meisterwerk hinterlassen hat, die ersten Jahre nach der Thronbesteigung des Schahs.

    Die Geschichte ist aktueller, als es auf den ersten Blick scheint. Sie handelt vom Verhältnis der arabischen Staaten und des Iran zu Palästina/Israel, aber auch zum Westen. Da wird irgendwann ein indischer Philosoph so zitiert: „Der Europäer ist ein Wilder, ein Dieb, der sich aufführt, als sei er die Krone der Schöpfung, das Beste, was das Universum zu bieten hat.“

    Weniger in der Fußballbundesliga als vielmehr in den eigenen Geschäftsräumen sorgt der ruhmreiche FC Bayern München für Spannung. Sein Rekordtorschütze Robert Lewandowski, 33, mit schätzungsweise 24 Millionen Euro per annum Bestverdiener, wird einem „Bild“-Bericht zufolge angeblich seinen bis 2023 laufenden Vertrag nicht verlängern. Geld – viel Geld – bekäme der Klub in diesem Fall nur, wenn der polnische Stürmer schon in diesem Sommer zum FC Barcelona wechselt, der ihn partout verpflichten will. Falls es so kommt, müsste Sportvorstand Hasan Salihamidžić passenden Ersatz finden. Keine ganz einfache Lage. Zitiert wird er mit den Worten: „Jetzt haben wir Zeit, darüber zu reden, was nach dem 30. Juni 2023 ist.“ Die Zeit läuft gerade aus.

    Und dann ist da noch Verkehrsminister Volker Wissing, der auch für Digitalisierung zuständig ist, und sich folglich Gedanken über Datenverkehr macht. Öffentlich äußerte er Zweifel an der verbreiteten Lust, mit dem Smartphone das zu verspeisende Essen mehrmals zu fotografieren und durch die Welt zu schicken. „Wenn man sich die Zahl der Fotos von Essen anschaut weltweit, kommt man auf einen enormen Energieverbrauch“, so der FDP-Politiker. Ob das denn sein müsse? Das Netz diskutierte und kritisierte. Und prompt fanden sich in den sozialen Medien alte Wissing-Fotos mit Essen, etwa mit belgischer Waffel oder Pizza. Von „Food Porn“ will der Minister jedoch nichts wissen. Er hält es nun mit der Parole, jeder solle das Netz wie gehabt frei nutzen – anders gesagt, jeder wird nach seiner Façon satt. Von Mark Twain jedenfalls ist auch Wissing weit entfernt: „Der Hunger ist das Dienstmädchen des Genies.“
    Ich wünsche Ihnen ein gastronomisch wertvolles, erholsames Wochenende.

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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