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23.12.2021

06:29

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

auf dem Weg zum Lieblingsitaliener, ganz in Weihnachtslaune, ist mir die groß präsentierte Schaufenster-Weisheit eines Architekturbüros aufgefallen. Die Zukunft dieses Gewerbes läge in „emphatischer Flexibilität“, stand da. Was für ein Satz.

So eine Mischung aus Mitgefühl und Mitdenken wünscht man nicht nur Architekten, sondern allen, die in Glaubens- und Richtungskämpfen verstrickt sind. Den Virologen beispielsweise, die über „No Covid“ oder „Mit dem Virus leben“ streiten. Empathie und Flexibiliät also. Aber was sind die anderen Begriffe, die uns durch 2022 tragen können? Die Tugenden, die uns weiterhelfen? Eine Annäherung in sieben Schritten.

I. Hoffnung. Wer symbolisiert das besser als Amanda Gorman, die junge Amerikanerin, die mit ihren Gedichten bei der Inauguration von US-Präsident Joe Biden weltbekannt wurde? Und das auf jenem Capitol Hill in Washington, auf dem zuvor Trump-Radikalisierte die Demokratie gestürmt hatten. In ihrem neuen Lyrikband „Call Us What We Carry“ schreibt sie: „Who are we, if not / what we make of the dark“ – wir sind, was wir aus diesen dunklen Zeiten machen.

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    Gorman erinnert an einen Ausspruch ihres Lehrers: „Du bist nicht Du. Du bist Wir.“ Und sie verkündet den Kriegslüsternen in „War: What, Is It Good?“: „There is no such thing as a gentle war / There is no peace / That can’t be flung aside.“ Es gibt keinen sanften Krieg / Es gibt keinen Frieden / Der einfach so zur Seite geschleudert werden kann.

    imago images/Cavan Images

    Blick auf Nazareth: Die Stadt hat die größte arabische Gemeinschaft im Land.

    II. Innovationslust. Die Stadt Nazareth im Norden Israels fasziniert Christen, sie gilt als Vaterstadt Jesu. Sie lockt aber auch High-Tech-Jünger, weil hier 70 Start-ups ins Leben gerufen wurden. Konzerne wie Microsoft oder Salesforce unterhalten Forschungslabore. Dabei strebt die NGO Tsofen bis 2025 eine Verdreifachung des Anteils arabischer Bürger im israelischen High-Tech-Sektor an – das wäre eine „Revolution“, sagt Tsofen-Chef Ramzi Halabi im Handelsblatt-Report. Noch fehle die kritische Masse an Firmen – weil die Stadtverwaltung zu wenig Verständnis für Digitalisierung habe. Das kennen wir.

    Gleichwohl ist hierzulande erfreulich, dass bis September 12,4 Milliarden Euro an Start-ups flossen – so viel wie nie zuvor. Investor Klaus Hommels sagt aber auch: „Um einen neuen Mittelstand aufzubauen, braucht es 100 Milliarden Euro Wagniskapital im Jahr.“

    III. Großzügigkeit. In diesen Tagen erinnern wir uns an Charles Dickens und seinen Ebenezer Scrooge, einen gierigen Kaufmann, der irgendwann in „A Christmas Carol“ sozusagen nicht mehr erklärt: „Geiz ist geil!“, sondern „Gut ist geil!“ Im Traum wird dieser verknöcherte Scrooge dazu gebracht, an „Tiny Tim“ zu denken, den schwerkranken Sohn seines Angestellten, und schickt ihm schließlich zu Weihnachten einen fetten Truthahn. Der bekehrte Krämer feiert in dieser Weihnachtsgeschichte am Ende das Christenfest selbst.

    Dass Rendite nicht alles ist, haben 2021 die Schwarz-Gruppe („Lidl“) und Würth gezeigt: Sie halfen mit zehn Millionen beziehungsweise fünf Millionen Euro den Hochwasseropfern. Wie ein neuer Scrooge wirkt auch US-Tech-Milliardär Jeff Green. Der verließ die Glaubensgemeinschaft der Mormonen mit der Ansage, 90 Prozent seines Fünf-Milliarden-Dollar-Vermögens für gute Zwecke zu spenden – und begann mit 600.000 Dollar für eine LGBTQ-Gruppe.

    IV. Bildungshunger. Das Aufstiegsversprechen demokratischer Gesellschaften – oft genug missachtet – sind die großen Chancen, die sich allen unabhängig vom Sozialstatus bieten, wenn sie an den Schulen reüssieren. Bulgarien hat diesen Mythos tatsächlich wahrgemacht, und zwar nach zwölf Regierungsjahren der Korruption. Bei den Wahlen stiegen Kiril Petkow, 41, zum Premier und Assen Wassilew, 44, zum Finanzminister auf, zwei Söhne des Balkanlandes, die an der Harvard Business School studiert haben. Die „Harvard Boys“ nennt man die beiden im ärmsten Staat der EU nun, wo sie nach der Rückkehr aus den USA prompt als Unternehmer erfolgreich gewesen waren.

    Zehn Trends aus den Bereichen Technologie, Karriere und Finanzen werden unser Leben grundlegend verändern.

    V. Wandlungsfähigkeit. Es hat sich herumgesprochen, dass selbst Abitur, Studium, Auslandsaufenthalte, MBA und Promotion nicht für die große Karriere reichen. Wir sammeln im Arbeitsleben zwar bis zu 30 Abschlüsse, „Mikro-Zertifikate“ genannt. Entscheidend sei aber etwas ganz anderes, glaubt Business-Coach Barry O’Reilly: die Dinge zu verlernen, die früher vielleicht mal wichtig waren, inzwischen aber im Weg stehen. Auch Verlernen ist eine Kunst, lehrt der Berater von British Airways und Disney. In unserem Wochenendreport ist die Lektion vom Verlernen der vierte von zehn großen Trends. Wir werden schneller und radikaler leben, schreibt Autor Thomas Jahn in seinem Essay, aber auch bessere Pillen nehmen und gesünderes Essen essen.

    „Selbstverstärkungen“ seien das Geheimnis der modernen Welt, findet Philosoph Peter Sloterdijk: „Aus Wissen entsteht immer mehr Wissen, aus Maschinenkunde immer mehr Maschinenkunde, aus Geld immer mehr Geld.“ Und aus Sloterdijk immer mehr Sloterdijk.

    dpa

    Unter Generalmajor Carsten Breuer wurden seit Mitte November mehr als 28 Millionen Impfungen verabreicht.

    VI. Nüchternheit. Gegen all die neuen Lockdown-Fantasien helfen womöglich zwei aktuelle Studien. Die erste, von Forschern der Universität Edinburgh, erklärt, das Risiko wegen Covid-19 ins Krankenhaus zu kommen, sei bei der Omikron-Virusvariante um zwei Drittel geringer als beim Typ Delta.

    Eine zweite Studie aus Südafrika wiederum vermittelt eine um 80 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, hospitalisiert zu werden. Vielleicht ist ja nicht Omikron die größte Gefahr, sondern eine Überreaktion hierauf. Dass unter dem Generalmajor Carsten Breuer seit Mitte November mehr als 28 Millionen Impfungen verabreicht wurden und bis Jahresende das 30-Millionen-Ziel wohl erreicht wird, ist nüchtern betrachtet mehr als eine Randnotiz.

    Im Übrigen stimmen die vielen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten optimistisch, die aus dem digitalen Schub und dem grünen Umbau folgen, der das Land erfasst hat. Es sei schön zu sehen, dass man heute nicht mehr ins Silicon Valley reisen müsse, um bahnbrechende Technologien zu erleben, schreibt Chefredakteur Sebastian Matthes im Editorial zum Wochenendreport: „Heute genügt eine Reise nach München, Berlin oder Paris.“

    VII. Mut. Zur Erledigung der Zukunftsaufgaben werden wir jene Courage brauchen, die Khalida Popal, 34, einst afghanische Nationalspielerin, bewiesen hat. Sie organisierte im Sommer von Dänemark aus die Ausreise von 35 Nachwuchsspielerinnen aus ihrem Heimatland – sie flohen via Pakistan vor den Taliban. Die Spielergewerkschaft und Sponsoren wie die Tzedek Association des Rabbiners Moshe Margaretten halfen dabei. „Wir arbeiteten Tag und Nacht, um die Frauen rauszubekommen. Ich habe die Macht, die Stimme der stimmlosen Frauen zu sein. Und ich werde meine Macht nutzen“, sagt Popal.

    Und nun mein Kulturtipp zum Wochenende: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll, die erste Satire des Literaturnobelpreisträgers. 1952 präsentiert und im Jahr 1947 angesiedelt als Parabel auf eine Gesellschaft, die das Vergangene und Unangenehme im Verhaltenskitsch entsorgt, hier dargestellt in der Person von Tante Milla. Die will auch nach Lichtmess nicht vom Tannenbaum lassen, woraufhin die Familie bis zur absoluten Erschöpfung zwei Jahre Weihnachten weiterspielt, am Ende mit arbeitslosen Schauspielern und Wachspuppen. Die anderen wandern aus, werden Kommunist und gehen fremd oder ins Kloster. Nur für die Tante flüstert der Engel täglich vom Baum: „Frieden, Frieden, Frieden“. Fazit: Unübertroffene Lametta-Literatur.

    Und dann ist da noch das Christkind, 500, das der Wochenpublikation „Die Zeit“ ein Exklusivinterview gab und dabei offenbarte, in der Führungsfrage gegenüber dem Weihnachtsmann das Highlander-Prinzip zu achten: „Es kann nur einen geben.“ Was Weihnachten angeht, zitiert das cineastische Christkind sogar Hollywood-Diva Mae West: „Zuviel des Guten kann wundervoll sein.“ So sehen das auch die Schuldenmacher des Bundes, die das Prinzip Christkind gewissermaßen ganzjährig erleben.

    Schließlich hat der Bund 2021 mit der Ausgabe von Bundeswertpapieren – zur Finanzierung des Etats – dank Minuszinsen sage und schreibe fast 5,9 Milliarden Euro eingenommen. So konnte man sich die Rekordsumme von 483 Milliarden leihen und im Juni fragen: „Ja, is‘ denn heut‘ scho‘ Weihnachten?“

    Ich wünsche Ihnen eine schöne, ruhige Weihnachtszeit. Mein Kollege Christan Rickens wird den Weckdienst „zwischen den Jahren“ und in der ersten Woche des neuen Jahres übernehmen. Wir lesen und hören und sehen uns dann am 10. Januar wieder.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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