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27.09.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

der Handelskrieg ist auch ein Systemkrieg. Hier stehen vis-à-vis: das Modell des westlichen Finanzkapitalismus gegen den chinesischen Staatskapitalismus, die Anarchie des Marktes gegen den Plan der Partei, Individualismus gegen Kollektivismus, demokratische Kakophonie gegen kommunistische Eintönigkeit. In diesem Duopol der Macht ist nichts so, wie es das Lehrbuch beschreibt. Mitnichten hat sich die Volksrepublik mit steigendem Wohlstand zu den asiatischen USA weiterentwickelt. Im Gegenteil, der kommunistische Machtanspruch ist zementiert. Und die Massen werden am 1. Oktober zum 70. Geburtstag der Republik dem großen Xi Jinping – Staats-, Partei-, Armeechef – zujubeln. Längst ist er auf Lebenszeit installiert, ein neuer Mao mit dessen alter Devise: „Wo der Besen nicht hinkommt, wird der Staub nicht von selbst verschwinden.“

Das alles ist, zugegebenermaßen, etwas verwirrend. Ein Riesenreich mit 1,4 Milliarden Menschen, das sich in 40 Jahren vom Agrarstaat zur postmodernen Informationsgesellschaft katapultierte, das 700 Millionen aus der Armut brachte, das die Staatsgebiete mit Bahngleisen, Häfen und Airports vernetzt, das in E-Mobilität und Datenwirtschaft Furore macht, das aber andererseits Andersdenkende verfolgt, im Zustand der Paranoia vor Bedrohungen lebt und ein schwächeres Wachstum produziert. In unserem großen Wochenendkomplex haben wir die ganze Kalamität „Peking-Paradox“ genannt. Unser Fazit: „Die Marktwirtschaft dort produziert erstaunliche Ergebnisse, obwohl sie im Grunde nur gespielt wird.“

dpa

Peking eröffnet seinen neuen Mega-Flughafen.

Zum Sino-Output-Kapitalismus gehört zum Beispiel der neue spektakuläre Großflughafen Daxing, 50 Kilometer südlich von Peking. Mit dem Bau wurde erst 2015 begonnen – da hätte „Willy Brandt“ in Berlin schon drei Jahre laufen sollen. Nun glauben die vom BER dauergefrusteten Deutschen selbst nicht mehr an die offizielle Eröffnung im Herbst 2020, nach dann 14 Jahren. China sei in seiner bisherigen Wirtschaftsentwicklung ein gutes Modell für andere Staaten, lobt Takehiko Nakao, Chef der Asiatischen Entwicklungsbank ADB, im Handelsblatt-Interview. Aber nun empfiehlt er dort ein besseres Sozialsystem und eine progressive Einkommenssteuer. Grund: „In einem sozialistischen Staat sollte die Gleichheit hoch sein – ist sie aber nicht.“

Der Typus des „Whistleblower“ macht in diesen Tagen Karriere. Es ist einer dieser in moralische Not geratenen Informanten, der aktuell Donald Trump zu schaffen macht. Der Mann hat intern auf neun Seiten detailliert festgehalten, wie Trumps Handlungen ein schweres „Problem, einen Missbrauch oder eine Verletzung“ von Gesetzen darstellen – und wie das Protokoll des Präsidenten-Telefonats mit dem ukrainischen Regierungschef Wolodimir Selenski vom „Weißen Haus“ unbedingt unter Verschluss gehalten werden sollte. Trump hatte darin Ermittlungen gegen seinen Rivalen Joe Biden und dessen Sohn angeregt. Nun sprechen die Republikaner vom „Informationskrieg“, Trump vom Whistleblower als „Spion“ und ein Dramatiker wie Friedrich Dürrenmatt davon, dass die Herrschenden bewacht werden müssen, nicht die Beherrschten.

Nachbarschaftsstreit kommt in allerbesten Kreisen vor, aber weil zwei Top-Leute der Credit Suisse (CS) darin aufs Ärgste verwickelt sind, hat die Schweiz einen Skandal. Da hatte es die Freundin des CEO Tidjane Thiam tatsächlich gewagt, Bäume zu pflanzen, die dem langjährigen Private-Banking-Chef Iqbal Khan nebenan an der „Goldküste“ die Sicht auf den schönen Zürichsee versperrten. Im Januar kam es auf einer Cocktailparty zwischen den Kontrahenten fast zur Schlägerei, das Klima an der Spitze der Bank war kontaminiert – Khan wechselte zur UBS. Doch weil er angeblich Mitarbeiter abwarb, ließ Credit Suisse den Abtrünnigen durch den Sicherheitsdienst Investigo überwachen. Aktionäre wittern nun Geldverschwendung. Eine Untersuchung muss klären, ob sich Thiam nur rächen wollte – und vielleicht demnächst mehr Zeit für den Garten und die „Goldküste“ hat.

Am 1. November ist für Sigmar Gabriel nach 14 Jahren Schluss im Bundestag. Der Sozialdemokrat benennt nach seinem 60. Geburtstag „sehr persönliche Gründe“, er beschäftigt sich jetzt mehr mit Lehraufträgen, Reden und dem Ehrenamt als Chef der Atlantik-Brücke. Bei uns können Sie den einstigen Außenminister live erleben: Er analysiert in acht Webcast-Briefings die aktuelle Geopolitik, die 45-Minuten-Auftritte werden moderiert von Auslandsressortleiterin Nicole Bastian. Sie können gerne Fragen stellen oder sich Themen wünschen. Melden Sie sich bis zum 02.10. an. E-Mail bitte an: [email protected]

Vom Unterhaus in London berichten wir heute, nach all den Injurien und Intrigen, nur indirekt über das Verständigungsmittel Kunst. Es geht um das Bild „Devolved Parliament“, also um ein total-transferiertes Parlament, in dem Schimpansen sitzen, gelangweilt oder debattierend. Das Bild des mit allen marktwirtschaftlichen Schlichen vertrauten Provo-Künstlers Banksy wird morgen bei Sotheby‘s in London gezeigt und am 3. Oktober während der „Frieze“ versteigert. Ein richtiges Affentheater also, bei dem angesichts der Aktualität ein Verkaufspreis von bis zu zwei Millionen Pfund herauskommen könnte. Komisch nur, dass das Werk schon mal 2009 in Bristol ausgestellt wurde. Damals verbreiteten die Deckenlampen noch goldenen Glanz – jetzt nur Düsternis.

AP

Angela Merkel will nach ihrer Karriere in der Politik erst einmal alle Stätten besuchen, an denen sie Ehrendoktorin wurde.

Und dann ist da noch Angela Merkel, deren Humor oft bei Festveranstaltungen aufblitzt. Als die „Frankfurter Allgemeine“ gestern den 70. Geburtstag mit ihrem ersten „Leserkongress“ feierte, musste die Kanzlerin wie immer die Frage nach ihrer Anschlussverwendung 2021 beantworten. Ob sie wie einst Helmut Schmidt bei der „Zeit“ eine publizistische Tätigkeit anstrebe? „Wollen Sie hier Angst und Schrecken verbreiten?“, konterte der hohe Gast, ehe sie dann verriet, nach dem Exit aus der Politik als erstes alle Stätten besuchen zu wollen, an denen sie Ehrendoktorin wurde. Da es sich um 17 Doktor-Titel und um Orte wie Harvard, Jerusalem, Nimwegen oder Breslau handelt, reden wir hier wohl über eine Weltreise. Merkel im Humor-Modus: „Ansonsten halte ich mir alles frei.“

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins Wochenende, das ihnen hoffentlich die gewünschte Form der Freiheit bringt.

Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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