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29.11.2022

06:00

Morning Briefing

Diskrepanz: Rekorddividenden trotz Zukunftssorgen

Von: Christian Rickens

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wir schreiben das Jahr 2022. Die deutsche Wirtschaft steht vor gigantischen Herausforderungen. Drastisch gestiegene Gaspreise, der weggebrochene Markt in Russland, die gewaltigen Kosten der Energiewende, die Risiken im China-Geschäft, der grassierende Arbeitskräftemangel. Und da reden wir noch nicht einmal über die ganz normalen unternehmerischen Aufgaben.

Kein Wunder also, dass insbesondere die großen Börsenkonzerne angesichts dieser Zukunftsaufgaben jeden verfügbaren Euro in... Dividenden stecken.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Nicht Investitionen haben oberste Priorität in Deutschlands Vorstandsetagen, sondern Ausschüttungen. Die 40 Dax-Konzerne werden im kommenden Frühjahr vermutlich knapp 54 Milliarden Euro an ihre Aktionäre überweisen – so viel wie noch nie. Das sind noch einmal sechs Prozent mehr als in diesem Jahr, wie die Handelsblatt-Prognose ergibt, bei vergleichbar hohen zugrunde liegenden Gewinnen.

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    Zwar unterbreiten Vorstand und Aufsichtsrat den Hauptversammlungen erst nach Vorlage ihrer Jahreszahlen für das Geschäftsjahr 2022 den Vorschlag, welche Dividenden sie 2023 ausschütten wollen. Doch die Neun-Monats-Bilanzen und die firmeneigene Dividendenpolitik lassen schon jetzt zuverlässige Schätzungen zu. Dabei liegt es im Ermessen eines jeden einzelnen Konzerns, zu welchem Anteil er hohe Gewinne ausschüttet oder das Geld lieber in Zukunft und Wachstum investiert.

    Die klarsten Prioritäten haben hier die drei Autohersteller: BMW, Mercedes und Volkswagen dürften ihre Ausschüttung allesamt erhöhen und zusammen 13,5 Milliarden Euro weiterreichen. Sie schütten damit ein Viertel der gesamten Dax-Dividenden aus.

    Mehr Rendite statt mehr Investitionen in Wachstum plant offenbar auch der neue Chef von Walt Disney, der zugleich der alte ist. Bob Iger hat es zu seiner obersten Priorität erklärt, den Streaming-Dienst Disney Plus profitabel zu machen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sagte Iger bei einer Mitarbeiterversammlung in Kalifornien: „Anstatt mit aggressivem Marketing und aggressiven Ausgaben für Inhalte auf die Jagd zu gehen, müssen wir anfangen, Rentabilität zu jagen.“

    Iger war jüngst zu Walt Disney zurückgekehrt, nachdem sein Nachfolger das Vertrauen des Managements verloren hatte.

    Mit einem Großaufgebot an Sicherheitskräften versucht die chinesische Staatsführung die landesweiten Proteste in den Griff zu bekommen. Offenbar mit Erfolg: Nachdem es am Samstag und Sonntag ungewöhnlich massive Demonstrationen gegeben hatte, blieb es gestern ruhig.

    AP

    Polizeikette in Peking: Die Sicherheitsbehörden gehen mittlerweile verstärkt gegen Protestaktionen vor.

    In Shanghai kam es zu umfassenden Polizeikontrollen. Die Sicherheitskräfte hätten Passanten aufgefordert, ihre Smartphones vorzuzeigen, berichten Augenzeugen. Auf diese Weise prüfen die Behörden, ob ausländische Apps wie Telegram oder Twitter verwendet werden. Darüber verabreden sich die Demonstranten häufig und teilen Fotos und Videos der Proteste.

    Menschen demonstrieren in China friedlich für ihre Freiheit – und die US-Aktienmärkte versetzt das in Alarmbereitschaft. Der technologielastige Nasdaq-Index schloss am Montagabend 1,6 Prozent im Minus. Der breit gefasste S&P 500 büßte 1,5 Prozent ein.

    Investoren fürchten die Folgen der Unruhen und der strikten Null-Covid-Politik auf das chinesische Wirtschaftswachstum und die globalen Lieferketten, erläutert Handelsblatt-Redakteur Andreas Neuhaus in einer Analyse.

    Mit der Energiekrise wächst in Deutschland die Sorge vor einem großflächigen Stromausfall, der allerdings noch immer als sehr unwahrscheinlich gilt. Kliniken sind dabei besonders verwundbar. Die Bundesländer schreiben Krankenhäusern deswegen vor, zumindest einen kürzeren Blackout überbrücken zu können. Bleibt der Strom aber länger weg, wird es für viele Kliniken kritisch. Das zeigt unsere Grafik, die die Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Oktober zusammenfasst.

    Grafik

    Die beruhigende Botschaft: Niemand muss befürchten, gerade narkotisiert auf dem OP-Tisch zu liegen, wenn neben ihm das Beatmungsgerät ausgeht. Tatsächlich sorgt in modernen Kliniken ein mehrstufiges System aus dieselbetriebenen Notstromaggregaten und Batterien dafür, dass überlebenswichtigen Geräten nicht einmal eine Sekunde lang die Energie fehlen kann.

    Allerdings: Nach 72 Stunden ohne Strom ginge in Essen das Öl für die Notstromaggregate zur Neige. Wenn in diesem Zeitraum kein neuer Treibstoff geliefert werden kann, ist auch in der Klinik nur noch ein kurzzeitiger Notbetrieb möglich. Fürs Personal liegen für diesen Fall Stirnlampen bereit. Lebenswichtige Apparate bekämen noch einige Stunden Strom über weitere Notfallbatterien. Danach versagen dann auch die Beatmungsgeräte.

    Mit ein bisschen mehr Fortune hätte Armin Laschet im vergangenen Jahr Bundeskanzler werden können. Nun hat der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen einen anderen neuen Job: Der CDU-Abgeordnete wird Vorsitzender des Kuratoriums der RAG-Stiftung. Die kümmert sich um die Finanzierung der sogenannten Ewigkeitslasten, die nach dem Ausstieg aus dem deutschen Steinkohlebergbau anfallen. Dazu gehört zum Beispiel das Abpumpen des eindringenden Sickerwassers aus den Bergwerksstollen. Laschet, selbst Sohn eines Steigers, tritt als Kuratoriumsvorsitzender die Nachfolge des Unternehmers Jürgen Großmann an.

    Der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat Laschet für diesen Posten vorgeschlagen. Und so atmet die Personalie einen kleinen Hauch jenes Jamaika-Geistes, der Laschet bis ins Kanzleramt hätte tragen können, wäre Kairos ihm nur gewogener gewesen.

    Ich wünsche Ihnen einen Tag ohne eindringendes Sickerwasser.

    Herzliche Grüße

    Ihr

    Christian Rickens

    Textchef Handelsblatt

    PS: Alles, nur nicht Chef – immer weniger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben Lust, Führungskraft zu werden. Laut der Boston Consulting Group sind es nur noch 14 Prozent, die Strategieberatung prophezeit Deutschland einen großen Managermangel. Was vermuten Sie, warum das so ist? Was müsste sich ändern, damit wieder mehr Menschen Lust auf eine Führungsposition haben? Welche Führungskräfte braucht Deutschland, um zukunftsfähig zu sein? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an [email protected]. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

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