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01.08.2022

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

an diesen Tagen der Sticheleien zwischen Grünen und FDP möchte man ihnen zurufen wie der Bundessänger Udo Lindenberg seiner einstigen Geliebten im Lied „Cello“: „Komm, pack das Ding doch nochmal aus / Und spiel so schön wie früher.“ Man erinnere sich also an die schönen Vierer-Selfies aus den Vorsondierungen der Ampelkoalition, den Charme des politischen Start-ups und an die Sprüche von der „historisch besonderen Situation“ (Robert Habeck) und dem „neuen Aufbruch“ (Christian Lindner). Das alles war wohlgemerkt vor Wladimir Putins Kriegserklärung.

Statt eine möglichst starke einheitliche Antwort zu geben, verliert man sich im Fegefeuer der Eitelkeiten. Aktuell fordert der FDP-Chef den früheren Grünen-Chef auf, endlich die Verstromung aus Gas zu beenden und Atommeiler länger laufen zu lassen, während Habecks Wirtschaftsministerium kontert, ein völliger Verzicht auf Gas im Stromsektor führe zur Stromkrise und zu Blackouts.

So geht das fast täglich. Übrigens kann völliger Verzicht auf Regierungskunst in politischen Notlagen auch zu Blackouts führen, zum Beispiel im Verhältnis zu den Wählern.

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    Gas- und Strompreise sind auf Rekordhöhe, so hoch, dass sich manche Firma dieses Marktes in dieser Sondersituation ein schönes Sondergeschäft wünscht. Übergewinne kann man nicht nur im Verkauf von Produkten, sondern gleich mit dem der ganzen Firma machen. Das sagen sich die Stadtwerke der Ruhrkommunen Dortmund, Duisburg, Bochum, Essen, Oberhausen und Dinslaken und bieten ihren Besitz Steag an, wie wir exklusiv erfuhren.

    Es handelt sich um den fünftgrößten Energiekonzern des Landes, der aber fast eine halbe Milliarde Euro Nettoschulden sowie 1,23 Milliarden Euro an Pensionsrückstellungen schultern muss. Für den grünen Sektor – Wind- und Solarparks, Biogas, Geothermie, Müllheizkraftwerke – scheint es etliche Interessenten zu geben, jedenfalls mehr als für den „schwarzen“ Teil, das Kohlegeschäft. Im Herbst soll die Investmentbank Morgan Stanley, vielleicht auch Macquarie, einen Deal betreuen. Aus den Stadtwerken sollen Finanzkraftwerke werden.

    Grafik

    Das größte Interesse der Deutschen galt gestern Abend mal nicht dem Gas-Chaos, sondern den Fußballnationalspielerinnen, die nach bravourösem Spiel im Finale der Europameisterschaft 1:2 nach Verlängerung gegen England verloren haben. Es entschied eine Unachtsamkeit das Match zweier gleich guter Mannschaften, die verdient ins Endspiel in Wembley kamen.

    Was soll man sagen: Beeindruckend, bei den Deutschen eine teambezogene, faire, äußerst positive Spiel- und Gesprächskultur zu erleben, die sich deutlich abhob vom arroganten Verhalten mancher männlicher Kollegen, denen die Gageninflation eines deformierten Fußballkapitalismus erkennbar zu Kopf gestiegen ist. Heute Nachmittag dürfte dem Team der Trainerin Martina Voss-Tecklenburg auf dem Frankfurter Römer ein lautstarker Empfang bereitet werden.

    Auf dem Arbeitsmarkt ist die Coronakrise überwunden, nicht aber in der Arbeitsverwaltung. Zur Bewältigung der Pandemie hat die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg immerhin 52 Milliarden Euro ausgegeben. Die einst für Kurzarbeit in einem Jahr eingeplanten 157 Millionen waren 2020 zeitweise an einem Tag weg. Leere Kassen sind das Hauptproblem für Andrea Nahles, die am heutigen Montag als Vorstandschefin antritt und Detlef Scheele ersetzt.

    Die einstige Bundesarbeitsministerin kennt die Behörde gut. Sie müsste im neuen Job auf mehr Geld für Qualifizierung und Weiterbildung von Arbeitskräften drängen, wo sich Konflikte mit dem auf Spareffekte bauenden Finanzminister Lindner abzeichnen. „Ich hab ja gar nichts dagegen, mal Bundeskanzlerin zu werden“, sagte die Sozialdemokratin einst – jetzt darf sie nichts dagegen haben, auf Geld vom Bundeskanzler zu hoffen.

    Reuters

    Andrea Nahles: Die frühere SPD-Chefin und Arbeitsministerin tritt ein schweres Amt an.

    Steueranwalt Hanno Berger, 71, ist so etwas wie die Schlüsselfigur der Cum-Ex-Affäre. Der einstige Beamte, der mal Hessens höchster Bankenprüfer war, förderte maßgeblich ein System, bei dem sich die Profiteure offenkundig Kapitalertragssteuern vom Staat erstatten ließen, die sie gar nicht gezahlt hatten. Nach neun Jahren auf der Flucht sitzt der Mann seit drei Monaten auf der Anklagebank – und will nun die Phase dickschädeliger Renitenz womöglich zugunsten eines Teilgeständnisses und des Einräumens von Schuld beenden.

    Nach unseren Informationen gab es in den vergangenen Tagen abseits der Hauptverhandlung einen ersten Termin in kleiner Runde. Dabei sagte Bergers Hauptverteidiger, man könne eine „geständnisgleiche Einlassung“ und eine Entschuldigung für das Verhalten nach den Taten erwägen. Mr. Cum-Ex hatte Staatsanwälte als „Arschgeigen in Köln“, einen Richter als „Schweinerichter“ und andere Beamte als „Idioten, Schwachmaten und sozialistische Bande“ diffamiert. Wie hoch Bergers Vermögen noch ist, weiß niemand – nur dass er einmal, bei Geschäften rund um das in SPD-Kreisen gut eingeführte Hamburger Bankhaus M.M. Warburg, mindestens 13,6 Millionen Euro verdient haben soll. Da schluchzen die Geigen und alle „Arschgeigen“ wundern sich.

    Und dann ist da noch Boris Johnson, 58, britischer Premier auf Abruf, der theoretisch seine dritte Hochzeit auch auf seinem offiziellen Landsitz Chequers hätte feiern können, nach heftiger Kritik daran aber lieber das Landhaus Daylesford House wählte. Das Anwesen in den malerischen Cotswolds gehört dem Unternehmer Anthony Bamford, über dessen Großspenden sich die konservative Partei des Bräutigams immer wieder erfreut.

    Seit 2001 flossen insgesamt 16,7 Millionen Euro und es gab auch ideelle Hilfen der brachialen Art. So durchbrach Johnson mit einem Bagger von Bamfords Baumaschinenladen JCB symbolisch eine Styropormauer, auf der Schaufel war „Get Brexit Done“ zu lesen. Der Big Spender soll auch einen Teil der Politiker-Hochzeit mit Carrie, 34, bezahlt haben. Sicher ist, dass den 200 Gästen diese Menüfolge gereicht wurde: Braai-Boerewors-Röllchen aus grasgefüttertem britischem Rindfleisch, Masa-Maistortilla-Tacos, geräuchertes Barbacoa-Lamm, Getreidesalat.

    Als Hochzeitsredner wäre William Shakespeare so schön gewesen: „Je höher du wirst aufwärts gehn / dein Blick wird immer allgemeiner / stets einen größeren Teil / wirst du vom Ganzen sehn / doch alles Einzelne wird immer kleiner.“

    Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start mit Durchblick in diese Feriensommerwoche.

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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