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05.08.2022

06:00

Morning Briefing

Imageangst: Der denkwürdige Abgang der ARD-Chefin

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Vorsitzende der ARD – normalerweise ein Job für mindestens zwei Jahre – gibt es seit 1950. Noch nie kam es zum vorzeitigen Rücktritt – bis gestern. Da hörte Patricia Schlesinger, 61, Intendantin von Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), nach etwas mehr als sieben Monaten auf. Es existierte wohl die Idee, dass sie pro forma bis Jahresende im Amt bleibt, es aber nicht mehr wahrnimmt. Das hässliche Wort „Rücktritt“ wäre so zu vermeiden gewesen. In einer Schalte sollen die anderen acht Intendanten und Intendantinnen der ARD (Bürgereinnahmen 2021: 5,9 Milliarden Euro) aber auf ein Ende mit Schrecken gedrängt haben.

Sie selbst erklärt, sich ganz auf die Aufklärung der diversen Vorwürfe, zum Beispiel wegen dubioser Beraterverträge, konzentrieren zu wollen. Bei Konfuzius hätte sie lesen können: „Wird man gebraucht, erfüllt man seine Pflicht. Wird man nicht mehr gebraucht, so zieht man sich zurück.“

Immer neue Interna über mögliche Mauscheleien und Günstlingswirtschaft in Berlin sind ein Imagedesaster fürs gesamte öffentlich-rechtliche System. Und dies angesichts der für ARD und ZDF anstehenden Debatten in den Landtagen von Sachsen und Sachsen-Anhalt über die Rundfunkbeiträge. Und auch angesichts der Entwicklung in Frankreich, wo die Bürger künftig keine Gebühren mehr für Radio und TV zahlen und die Sender aus dem Steuertopf finanziert werden.

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    In Berlin fällt zudem auf, dass Whistleblower immer mehr erzählen, zum Beispiel, dass sich die Geschäftsleitung des RBB 2021 angeblich einen Jahresbonus zahlen ließ. Nicht wenige wetten deshalb darauf, dass Schlesinger auch an der Spitze des RBB nicht zu halten ist. Übergangsmäßig übernimmt WDR-Chef Tom Buhrow, 63, den ARD-Vorsitz, ehe im September Kai Gniffke, 61, vom Südwestrundfunk gewählt wird. Die Frage, wie man diesen organisatorischen Wanderzirkus effizienter gestalten kann, ist an anderer Stelle zu entscheiden.

    Mit einer anderen Form von Sprengstoff haben es die Deutschen im Berliner Grunewald zu tun. Ausgerechnet mitten im Naherholungsgebiet der Hauptstadt liegt seit 1950 ein Sprengplatz mit Waffen, Bomben, Blindgängern, Munition aus dem Zweiten Weltkrieg sowie auch Feuerwerkskörpern. Ein Risiko im Wald, und dies bei dieser Trockenheit. Womöglich durch die große Hitze haben sich Materialien erhitzt.

    dpa

    Patricia Schlesinger war seit Jahresanfang die Vorsitzende der öffentlich-rechtlichen ARD-Gemeinschaft RBB und vertrat diese als wichtigste Repräsentantin nach außen.

    Seit dem frühen Donnerstagmorgen brennt der Wald rund ums Gelände, es gab laufend neue Detonationen. Die Autobahn Avus wurde gesperrt. Drohnen, Spezialroboter und Panzer der Bundeswehr sollen helfen, Berlin selbst zeigte sich in der Bewältigung der Großkatastrophe – wie gehabt – limitiert. Die CDU verweist auf ihren alten Antrag aus 2004 zur Schließung des Standortes, damals abgelehnt.

    Fazit: Die immer wieder gescheiterten Verhandlungen mit Brandenburg über einen Ersatzstandort müssen wohl bald dringend Erfolg haben.

    Wie viel mehr die Deutschen schon bald für Gas zahlen müssen, steht noch nicht fest. Es wird irgendetwas zwischen 1,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde sein. Die rechtliche Basis hat die Bundesregierung gestern Abend mit der Verordnung zur staatlichen Gasumlage geschaffen. Sie soll ab Anfang Oktober wirken und ist eine weitere Hilfe für Groß-Gasversorger Uniper, mit 160 Milliarden Euro Umsatz die Nummer zwei in Deutschlands Konzernwelt. Er muss zu hohen Preisen Gas für die ausbleibenden Billigmengen des russischen Monopols Gazprom einkaufen, stand fast am Rand der Pleite und kann nun Mehrkosten an Verbraucher weitergeben (die als Steuerzahler auch den Einstieg des Staates bei Uniper bezahlen).

    Die Sozialisierung von Verlusten läuft auf vollen Touren. Die befristete Umlage sei „kein leichter Schritt“, sagt Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), aber sie sei nötig, „um die Wärme- und Energieversorgung in den privaten Haushalten und in der Wirtschaft zu sichern“.

    dpa

    Robert Habeck: Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz will die Abhängigkeit Deutschland von Russland überwinden.

    Unter den Giganten des Digital-Kapitalismus ist Amazon eine besondere Nummer. Der 470-Milliarden-Dollar-Umsatzkoloss aus Seattle, 1994 noch ein kleines Start-up für den Onlinevertrieb von Büchern, ist vielleicht die größte Herausforderung für die etablierte Wirtschaftswelt, die „Old Economy“.

    Wo es steil nach oben geht, kann es auch steil nach unten gehen, merken die Strategen des US-Konzerns derzeit, der in vielen westlichen Ländern rund die Hälfte des E-Commerce abwickelt. Politik und Kartellämter beäugen das Milliarden-Monster genau, das seit Jahresanfang im Zuge der allgemeinen Tech-Ermüdung ein Drittel des gehypten Börsenwerts verloren hat: 550 Milliarden Euro. Von den „Grenzen des Gigantismus“ handelt unsere Wochenend-Geschichte.

    Andererseits: Betrachtet man beispielsweise die internationale Dominanz von Amazon im Cloud-Zukunftsgeschäft, könnte man zum Schluss kommen, dass die Sache mit dem Gigantismus gerade erst richtig in Fahrt kommt.

    Die erfolgreichste deutsche Amazon-Kopie vertreibt Mode im Internet, heißt Zalando und ist geläutert. Zuletzt musste man nach langer Börseneuphorie – bei der man schreien musste vor lauter Glück – innerhalb von zwölf Monaten 75 Prozent Kursrückgang hinnehmen (siehe Amazon). Co-CEO Robert Gentz sagt im Handelsblatt-Interview, was viele seiner „Peers“ auch sagen und Investoren hören wollen. Man habe in der Vergangenheit alles priorisiert, was Wachstum bringt, „jetzt rücken andere Projekte in den Fokus“.

    Als da sind: mehr Effizienz und Cash, mehr Nachhaltigkeit, mehr Profit. Dem soll die Einführung eines Mindestbestellwerts sowie der Aufbau einer Logistiksparte auch für Drittkunden dienen. Klar, auf den „Mount Everest“ will man weiterhin und in die USA sowieso, wahrscheinlich um Amazon in die Schranken zu weisen.

    Grafik

    Wer ein Deal-Projekt „Montmartre“ nennt, mag entweder Paris oder Nostalgie, denn auf einem der sieben Hügel der französischen Hauptstadt revolutionierten einst Van Gogh, Picasso, Braque oder wie sie alle hießen, die Malerei. GMX und Web.de waren mal Pioniere im Anthropozän des Internets, frühe Marken der 1990er-Jahre.

    Schon bald aber sollen sie dem bodenständigen Westerwälder Ralph Dommermuth und seinem Konzern United Internet vielleicht 1,5 Milliarden Euro einbringen. Die Montmartre-Ware ist über die US-Investmentbank Perella Weinberg zum Verkauf gestellt, Dommermuth braucht viel Geld für sein eigenes, ultraschnelles 5G-Mobilfunknetz. Es soll ihn glücklich, weil unabhängig von der Deutschen Telekom, Vodafone und Telefónica machen, n’est-ce pas?

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Science for Future“, ARD, Mediathek und samstags, 16 Uhr, im Ersten. Als YouTuber bekannt geworden, versucht Jung-Wissenschaftsjournalist Jacob Beautemps, geboren 1993, positive Zukunftslösungen für drängende Zukunftsprobleme wie Plastikmüll, Klimawandel oder Ernährungssicherheit aufzuzeigen. Es geht also nicht um die Beschreibung der drohenden Apokalypse, als vielmehr um konstruktive Ideen dagegen. Technologie ist hier der Star.

    Und dann ist da noch Politroutinier Wolfgang Schäuble (CDU), 79, der in seiner Laufbahn schon so vieles war, aber noch nie bürgerlicher Repräsentant beim Krisengipfel mit Punks. Sylt macht’s möglich. Mit Basecap und rosa Polohemd diskutierte der auf der Insel urlaubende Bundestagsabgeordnete jetzt mit Punker „Nimbus“ aus dem Protestcamp. 75 Menschen hörten in Westerland zu, wie sich die beiden über die Vermögensverteilung in Deutschland oder über Krieg, Hunger und Dürre unterhielten. Punker Nimbus nannte Schäuble danach einen „Profi für unbequeme Gespräche“, der aber nicht global und vorausschauend genug denke. Das Punker-Publikum soll gleichwohl, so die „Sylter Rundschau“, donnernd applaudiert und „Wolle, Wolle, Wolle!“ gerufen haben.

    Angesichts solcher Geschichten und der aktuellen Hitzewelle (ist es wirklich erst die dritte?) enden wir mit der Band „Die Ärzte“ und ihrem Lied über einen Ort, der zwar etwas teurer sei, an dem man aber unter sich bleibe: „Oh ich hab' solche Sehnsucht / Ich verliere den Verstand / Ich will wieder an die Nordsee / Ich will zurück nach Westerland.“

    Ich wünsche Ihnen ein kühlendes, entspannendes Wochenende.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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