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20.01.2022

06:21

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

dieser Weckdienst handelt von Erfolgreichen, die es geschafft haben – und die auf einmal Kratzer im Lack haben. Ein kleines Stück über Krisen, die plötzlich kommen.

Beginnen wir mit dem Mann, dessen Jobbeschreibung in früheren Zeiten hieß, „Führer der freien Welt“ zu sein. Zur Jahresfeier seiner Präsidentschaft nutzte Joe Biden die Gelegenheit zu einer Pressekonferenz. Das sollte all die Kritiker überzeugen, die an der Flucht aus Afghanistan genauso mäkeln wie an der Inflation oder den intern von Mitgliedern seiner demokratischen Partei gestoppten Ausgabeprogrammen.

Von „enormen Fortschritten“ sprach Biden in seiner Bilanz, von hohen Impfraten, sechs Millionen neuen Jobs, höheren Gehältern. Von schwindenden Zustimmungswerten redete er nicht, nur davon, „dass es im Land eine Menge Frust gibt“. Er hätte auch, wie einst Bill Clinton in seinem Wahlkampfslogan, sagen können: „It‘s the economy, stupid.“ Aber auch damit wäre der Frust im Land nicht kleiner geworden.

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    In Frankreich hat Emmanuel Macron nicht mehr, wie Kollege Joe, noch drei Jahre, sondern nur drei Monate Zeit, Stimmungen zu drehen. Der einstige Investmentbanker will seine Wiederwahl als Staatspräsident mit europäischem Furor schaffen. Also redete er zum Auftakt der französischen EU-Ratspräsidentschaft im europäischen Parlament. Aber: Der Schwung der Sorbonne-Rede von 2017 ist weg, diese jupiterhafte Lust, Europa ganz neu aufzustellen. Nun geht es um die Werte-Trias von Demokratie, Frieden und Fortschritt: „Die Erschütterungen, die wir derzeit erleben, haben diese Werte ins Wanken gebracht.“

    Konkret schlägt Macron vor, den Umweltschutz und das Recht auf Abtreibung in die europäische Grundrechtecharta aufzunehmen. Die EU als „Macht der Zukunft“, von der Macron sprach, einem Powerhouse für Forschung und Entwicklung, ist jedoch derzeit Projektion. Erst einmal muss er in der Heimat seine Gegenspielerinnen von rechts schlagen: Marine Le Pen und Valérie Pécresse.

    Grafik

    Wenn wir auf Großbritannien schauen, auf den treuesten Donald-Trump-Adepten, den Europa hatte, möchte man am liebsten dreimal hintereinander zur Beruhigung „God save the Queen“ singen. Denn in Westminster gelingt es Premier Boris Johnson selbst mit Anti-BBC-Aktionen, Personalwechsel-Ankündigungen und trotzigen „Ich bleibe“-Statements nicht, die konservative Partei hinter sich zu einigen.

    Der Frust über „Partygate“, über die vielen Alkoholfeten am Amtssitz im Lockdown ist einfach zu groß. Angeblich berieten 20 konservative Abgeordnete klandestin über ein Misstrauensvotum gegen Johnson. Der erste Abgeordnete, Christian Wakeford, ist bereits zur Labour-Opposition übergelaufen. Und in der gestrigen aufgewühlten Debatte im Parlament bemühte der Tory-Abgeordnete David Davis gleich Schützenhilfe von ganz oben: „In the name of God, go.“ Auf gut Deutsch: „Geh mit Gott, aber geh!“

    Auch im Inland schreibt sich das Kapitel Götterdämmerung fast von allein. Wir sehen die grünen Noch-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck, derzeit im heftigen Regierungseinsatz, aber auch von der Berliner Staatsanwaltschaft bedrängt. Sie hat wegen umstrittener Corona-Sonderzahlungen – nach einige Anzeigen von Privatleuten – Ermittlungen gegen das Führungsduo und die vier anderen Mitglieder des Bundesvorstands der Grünen eingeleitet. Grund: „Anfangsverdacht der Untreue“.

    Wie in einer Öko-Bananenrepublik hatte sich das Gremium 2020 selbst einen „Corona-Bonus“ von je 1500 Euro aus dem Parteivermögen genehmigt. Das Extra-Cash hatten dann intern die grünen Rechnungsprüfer kritisiert – nach den eigenen Regeln hätten die Vorstände maximal 300 Euro erhalten dürfen.

    Fazit: Zu viel Rücksicht können Habeck & Co. nun nicht erwarten: „Manche Leute drücken nur ein Auge zu, damit sie besser zielen können“, formulierte Regisseur Billy Wilder.

    dpa

    Staatsanwälte ermitteln wegen Corona-Sonderzahlungen gegen den Grünen-Parteivorstand.

    Wo Markus Söder gerade steht, etwa in der Corona-Politik oder in der Behandlung der CDU, weiß man erst nach seinem verlässlich tagesaktuellen Pressestatement. Als Don Quichotte gegen Windmühlen im Freistaat fällt er auf. Offenbar aber findet das Land der Bayern seinen Schlingerkurs unattraktiv. Nach dem neuesten „Bayerntrend“ des Bayerischen Rundfunks sind nur 55 Prozent mit ihrem CSU-Ministerpräsidenten zufrieden – ein Rückgang von acht Punkten gegenüber September 2021 und von 17 Punkten im Vorjahresvergleich.

    Unter den 1171 Befragten sind gerade mal 54 Prozent mit der Staatsregierung zufrieden oder sehr zufrieden – 16 Prozentpunkte weniger als 2020. Und die CSU fährt mit dramatischen 45 Prozent sogar ein Minus von 21 Prozentpunkten ein. Aufwärts geht es nach diesen Zahlen nur für SPD, FDP und AfD, auch die Freien Wähler und die Grünen sacken ab.

    Novak Djokovic: Erste Risse in Beziehungen zu Sponsoren AP

    30 Millionen Dollar brachten Werbeverträge Novak Djokovic 2021 ein.

    Ein letztes Beispiel für Gefallene der Jetzt-Zeit: Novak Djokovic, 34, ungeimpft. Das Image des Tennisstars ist nach seiner Ausweisung aus Australien und vor einem möglichen Bann für die großen Turniere in Paris und Wimbledon im beschleunigten Niedergang. Das bekümmert seine Sponsoren, die für einen Großteil der nichtsportlichen Jahreserlöse von insgesamt 30 Millionen Euro sorgen.

    Befragt von meinen Kollegen gehen viele der Finanziers auf Distanz. „Wir beobachten die aktuelle Situation kritisch“, erklärt die österreichische Bank Raiffeisen International. Wenn der Sponsor den Transfer eines positiven Images auf die eigene Marke dauerhaft nicht mehr gewährleistet sieht, könne eine außerordentliche Kündigung gerechtfertigt sein, erklärt der Düsseldorfer Sportexperte Paul Lambertz zur Lage.

    Das Phänomen der Entzauberung betrifft auch Produkte wie den sagenhaften Thermomix. Das Hightech-Küchengerät zum Zerkleinern, Mixen, Pürieren und Kochen ersetzt quasi Hausfrau, Hausmann und Küchenmamsell, weshalb das neueste Modell auch mehr als 1300 Euro kostet. Ideenklau wirft Hersteller Vorwerk dem Discounter Lidl vor, der seine Allround-Küchenmaschine „Monsieur Cuisine“ erfolgreich zum sehr kleinen Preis verkauft.

    Das mit dem Klauen stimme nicht, entschied nun ein spanisches Berufungsgericht – und wies die Klage von Vorwerk wegen „Diebstahls geistigen Eigentums“ ab. Der auch hierzulande oder in Frankreich umsatzträchtige Monsieur Cuisine unterscheide sich deutlich vom Vorwerk-Produkt. Auch enthalte das Thermomix-Patent, so das Urteil, keine ausreichende „erfinderische Tätigkeit“, die schutzwürdig sei. Ein Keulenschlag. Wem das alles viel zu viel ist, der kann es ja mit der Schauspielerin Jeanne Moreau halten: „Meine liebste Entspannung sind Kochbücher.“

    Und dann ist da noch, zur Erbauung am Schluss, ein lange erwarteter Aufsteiger: der Zins. Nach 141 Wochen hat die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe gestern erstmals wieder die Marke von null Prozent überwunden – sie kam in der Spitze auf 0,02 Prozent. Die Zeit der Minuszinsen geht zu Ende. Der Staat bekommt nicht länger noch etwas zusätzlich, wenn er sich Geld leiht, sondern muss dafür – wie in früheren, „normalen“ Zeiten – etwas bezahlen. „Eine kleine Änderung mit großer Symbolkraft“, kommentiert Ifo-Chef Clemens Fuest.

    Das Zehn-Jahre-Bundespapier hat wie ein Leuchtturm Signalwirkung für die langfristigen Kapitalmarktzinsen in der Euro-Zone. Auch Schuldner, Sparer und Anleger können mit steigenden Zinsen rechnen.

    Fazit: Und so enden wir mit Henri Matisse und Optimismus: „Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“
    Ich wünsche Ihnen einen blumenreichen Tag.

    Herzliche Grüße
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs

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