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05.12.2018

06:00

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Morning Briefing

Königsmacher Wolfgang Schäuble

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Rolle des Elder Statesman hat er für ein paar Momente aufgegeben und bläst nun so kräftig ins Horn, dass es im letzten Winkel der Union zu hören ist: Wolfgang Schäuble, 76, wirbt offen für Friedrich Merz, 63, als neuen CDU-Chef („das Beste für das Land“). Der verhinderte König, dem Helmut Kohl einst die Kanzlerkandidatur aussaß, will einmal noch Königsmacher werden. Dafür würgt der Bundestagspräsident sogar seinen Langzeit-Schützling Jens Spahn ab. Es sei jetzt wichtig, „jemanden mit einem so klaren Kompass an der Spitze zu haben“, trompetet Schäuble in der „Frankfurter Allgemeinen“. Den Einsatz kann man als alten Freundschaftsdienst werten – oder als letzte Kraftanstrengung, die für die Wahl am Freitag leicht favorisierte Annegret Kramp-Karrenbauer abzufangen.

Reuters

VW-Chef Herbert Diess spricht nach einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump vor Journalisten.

Die USA-Freundschaftsreise der Autokonzerne VW, Daimler und BMW durfte nicht wie eine Idee von Kartellbrüdern wirken, schließlich ermittelt die EU-Kommission ja zu möglichen Absprachen der drei. Also sangen die Emissäre der Dax-Konzerne gestern einzeln im Weißen Haus vor und hatten doch einen gemeinsamen Refrain: „We Love America.“ In den Strophen steht etwas von mehr Fabriken und weniger Zöllen. VW zum Beispiel strebt nun offiziell eine enge Allianz mit Ford in Detroit an. Fazit: Ein Stimmungsaufheller Made in Germany. Schließlich wurde sogar die deutsche Botschafterin – nachdem die USA das zuerst abgelehnt hatten – dazu geladen und Donald Trump empfing die deutsche Delegation persönlich. Das war kein Kartell, nur eine Koalition der demonstrativ guten Laune.

Was Trump wirklich will, das erzählte jetzt sein Außenminister Mike Pompeo in Brüssel. Sein Chef arbeite an einer neuen Weltordnung. Die USA würden die „noblen Nationen“ zusammenbringen, um Krieg zu verhindern und mehr Wohlstand zu erreichen. China, Russland und Iran seien für Instabilität verantwortlich. Institutionen wie die EU, die Uno und der Internationale Gerichtshof sollten nur überleben, wenn sie Werte und Interessen der „freien Welt“ verträten. Gestern war wieder ein Tag, an dem die Börse den „America-First-Sermon“ der US-Administration einfach nicht glaubte. Der Dow Jones rauschte zwischenzeitlich um 800 Punkte nach unten, einer der größten Rückgänge dieses Jahres.

Reuters

Nachdem CIA-Chefin Gina Haspel einige US-Senatoren über den Mordfall Jamal Khashoggi aufklärte, zeigten sich einige der Politiker überzeugt, dass Kronprinz Mohammed bin Salman die Tötung anordnete.

Für eine konsequente Haltung Trumps gegenüber Saudi-Arabien reicht es trotz aller „Freie-Welt“-Moralia nicht. Am Dienstag klärte CIA-Chefin Gina Haspel einige Senatoren im Detail über den Istanbuler Mordfall Jamal Khashoggi auf. Danach sagte zum Beispiel der Republikaner Bob Corker aus Tennessee, es sei sicher, dass Kronprinz Mohammed bin Salman die Tötung anordnete und folgerte: „Vor Gericht würde er innerhalb von 30 Minuten schuldig gesprochen.“ Trump dagegen sieht keinen Beweis. Die Ignoranz auf höchster Ebene erinnert an Georg Christoph Lichtenberg: „Wie geht's, sagt ein Blinder zu einem Lahmen. Wie Sie sehen, antwortet der Lahme.“

Er läuft und läuft und läuft... Der alte „Käfer“-Spruch gilt für Diesel und Benziner in Wolfsburg nicht mehr. Was VW-Strategiechef Michael Jost auf unserem Auto-Gipfel in der Autostadt verkündete, ist eine Sensation: „Im Jahr 2026 beginnt der letzte Produktstart auf einer Verbrennerplattform.“ Oder anders gesagt: Die Zukunft ist schon bald voll elektrisch. Die Dekarbonisierung soll für VW im Jahr 2050 kommen – was der Greenpeace-Deutschland-Chefin Sweelin Heuss jedoch noch viel zu lax ist. Schon 2035 soll es so weit sein, forderte sie auf dem Gipfel. Ungeduld begleitet wahre Leiden, heißt es.

Über eine gefährliche Liebschaft schreiben wir heute in unserer Titelgeschichte: Europas Banken können nicht genug bekommen von Staatsanleihen ihrer Heimatländer. Die „Verflechtung zwischen dem Ausfallrisiko von Staaten und Banken ist größer geworden“, warnt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie. Allein die italienischen Geldhäuser halten demnach heimische Staatsanleihen im Wert von 364 Milliarden Euro. Leider ist es nicht ganz so einfach wie bei Pierre Choderlos de Laclos, dem Autoren von „Les Liaisons dangereuses“, der frohgemut erklärte: „Guter Rat kommt über Nacht.“

Und dann ist da noch Stefan Effenberg, Fußballstar a.D., der zuletzt als Trainer des SC Paderborn auf der Bank saß – und nun in der Bank arbeitet. Der Mann, der vor Peer Steinbrück den Stinkefinger als strategisches Kommunikationsmittel eingesetzt hat, wird tatsächlich Mitarbeiter der Volksbank-Raiffeisenbank Bad Salzungen Schmalkalden. Wie er da hinkommt? Nun, die Thüringer haben Fußballfirmenkunden und etwa Atlético Madrid Kredit gegeben sowie Spielertransfers finanziert. Den FC Bayern aber kann der Neo-Banker für Geschäfte à la Schmalkalden komplett vergessen: Sein Ex-Klub hat nach wie vor ein pralles Festgeldkonto.


Ich wünsche Ihnen einen Tag, der auch ihrem Konto guttut. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor


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