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22.05.2019

06:09

FILE PHOTO: Britain's Prime Minister Theresa May leaves after giving a news briefing in Brussels, Belgium, March 22, 2019. REUTERS/Toby Melville/File Photo Reuters

Theresa May

FILE PHOTO: Britain's Prime Minister Theresa May leaves after giving a news briefing in Brussels, Belgium, March 22, 2019. REUTERS/Toby Melville/File Photo

Morning Briefing

Mays letzter Trick

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

keine Sorge, Theresa May ist noch im Amt, auch wenn von ihr zuletzt ziemlich wenig zu hören war. Nun versucht die britische Premierministerin sogar zum vierten Mal, im Parlament ihren bislang verunglückten Brexit-Deal durchzubringen. Ein letzter Trick. Dafür gesteht sie der Labour-Opposition ein zweites, „bestätigendes“ Referendum zu. Bis 2022 könne das Land, falls die Abgeordneten zustimmen, in einer Zollunion mit der EU bleiben. Jeremy Corbyn, Chef der umworbenen Labour Party, macht aber schon klar, nicht einfach nur einer neu verpackten Version des alten Deals zustimmen zu wollen. Wo May von einem kühnen Vorschlag redet, sehen andere „hodge podge“ – ein großes Kuddelmuddel.

Stefan Thomas Kroeger für Handelsblatt

Berlin hat den Wechsel zur E-Mobilität nur bruchstückhaft vorbereitet. IG-Metall-Chef Hofmann und Conti-Vorständin Reinhart beklagen massive Versäumnisse.

In der derzeit misslichen Lage der deutschen Autoindustrie löst ein Wort geradezu fiebrige Heilserwartungen aus: „Elektromobilität“. Doch als Buzzword taugt es nur für Kongresse, nicht für sozialen Wandel – hierfür ist eine genau abgestimmte Politik für Verkehr, Energie und Bildung nötig. Darauf verweisen Continental-Vorständin Ariane Reinhart und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann im Handelsblatt-Doppelinterview. Einerseits würden der Industrie Ziele vorgegeben, andererseits könne der Energiesektor „nicht ausreichend grünen Strom produzieren und bereitstellen“, klagt Hofmann. Und was Bildung angeht, sei „durchaus eine gewisse Radikalität nötig“, erklärt Reinhart. Radikales ist von dieser Bundesregierung in ihrem Zustand der eloquenten Agonie jedoch nicht zu erwarten.

Geradezu symbolisch wirkt dazu die Irrfahrt des E-Autobauers Tesla. Der Aktienkurs hat mit nunmehr unter 200 Euro innerhalb von zwei Jahren die Hälfte des Werts eingebüßt. Und Gründer Elon Musk soll seine Belegschaft bereits informiert haben, falls nichts Entscheidendes passiere, würden die Barmittel nur noch zehn Monate reichen. Per Rundmail verordnet der Hip-Economy-Star den Mitarbeitern sogar ein ziemlich ordinäres „Hardcore“-Sparen, ganz à la Gemeinkostenwertanalyse von McKinsey. Alles müsse auf den Prüfstand: Ersatzteile, Gehälter, Reisekosten, Mieten. Was hier brennt, sind keine Batterien, sondern Bilanzen.

Heute wird Österreichs gerupfter Kanzler Sebastian Kurz jene Experten präsentieren, die als Ersatz für die ausgebüxten Minister der Skandalpartei FPÖ seine Regierung im Betriebsmodus halten sollen. Offenbar wird der einstige Gerichtspräsident Eckart Ratz Innenminister und Vizekanzler, SPÖ-Mitglied Walter Pöltner avanciert zum Sozialminister, Offizier Johann Luif bekommt das Verteidigungsressort. Bundespräsident Alexander Van der Bellen will jeden Kandidaten genau prüfen und warnt vor einem Misstrauensvotum. Fragt sich nur, warum nach der „Ibiza-Falle“ die parteilose, von der FPÖ nominierte Außenministerin Karin Kneissl noch dabei ist. Es kann ja nicht nur an Kontakten zu Wladimir Putin liegen, vor dem sie im August 2018 anlässlich ihrer Hochzeit einen Kniefall hinlegte.

Was kann es für eine umstrittene Hedgefonds-Größe Schöneres geben, als mit einem Kunst-Coup jene Feuerkraft zu beweisen, die Deals erst schafft? Steve Cohen von SAC gelingt dieses Kunststück. Er ist der Käufer einer Stahlhasen-Skulptur von Jeff Koons auf einer jüngsten Auktion von Christie's. Sie kostete – trotz einer gewissen Nähe zur „Kaufhauskunst“ – stolze 91,1 Millionen Dollar. Doch hier ist der Preis die Botschaft, nicht das Werkstück. Und wer erinnert sich bei diesem Hasen-Event noch daran, dass Cohen wegen einer 2012 aufgedeckten Finanzaffäre eine Rekordstrafe zahlen musste und erst einmal nur bei seinem Family-Office Point 72 arbeiten durfte?

Die in der Großen Koalition umkämpfte Grundrente will Finanzminister Olaf Scholz (SPD) aus Steuermitteln heraus finanzieren. Er rechnet dafür mit Geldern aus der europäischen Finanztransaktionssteuer sowie aus der Rückabwicklung der „Mövenpicksteuer“. Die gewährt seit 2009 Hoteliers wie Mövenpick-Eigner August von Finck den reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent – eine Wohltat made by FDP. Bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen am Sonntag dürfte die neue Anti-Mövenpick-Idee jedoch wenig bringen. Die SPD wird mit nur 23 Prozent gehandelt, die CDU kommt auf 28 Prozent. „Es gibt nichts Stilleres als eine geladene Kanone“, kann SPD-Chefin Andrea Nahles von Heinrich Heine lernen.

Embrace Europe“ hieß unsere Veranstaltung im Düsseldorfer-Handelsblatthaus am Montag. Ihre Botschaft: Europa gestalten und deshalb am Sonntag wählen gehen. Telekom-Vorstandsfrau Claudia Nemat warnte aber auch, der Kontinent müsse aufpassen, im „Technologiekrieg zwischen den USA und China“ nicht abgehängt zu werden. Das weltpolitische Schachbrett verschiebe sich in Richtung „G2“, bestätigte Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, also hin zu Washington und Peking. Den Podcast zur Debatte können Sie in Ruhe hören.

dpa

Die Restaurantkette von Jamie Oliver ist insolvent.

Und dann ist da noch Jamie Oliver, 43, Punk-Star unter Köchen, der mit seinen Kochbüchern, TV-Shows und Restaurants Mut zum Kochen machte und sich für gesundes Schulessen engagierte. Doch wo jemand wie Alfons Schuhbeck im Regionalen Platzlhirsch bleibt, verlor sich der Brite als Globalisierer der Herdplatte im Markt. Und nur weil jemand in zwei Jahrzehnten Verdienste erwirbt, verdient er deshalb noch nicht gut genug. Jamies Imperium ist in der Insolvenz, 1300 Jobs sind in Gefahr, mehr als 20 Restaurants müssen schließen (die meisten gehören zur Kette „Jamie's Italian“). Zur Würdigung empfiehlt sich einfach, sein Carbonara-Rezept (mit Zitrone und Pancetta) nachzukochen.

Die Zeitungen heute sind ge- und erfüllt mit langen Nachrufen auf Niki Lauda, den Mann, der die Formel 1 und das Fluggeschäft bereichert hat. Einer, der nicht aufgab. Er war ein „street fighting man“, dessen anderer Name „Disturbance“ war, ganz so wie in einem Rolling-Stones-Hit. Diesen kreativen Störer liebten die Leute.

Ich wünsche Ihnen einen einfallsreichen Tag. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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