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18.06.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

eine Parallelgesellschaft hat sich in Deutschland breitgemacht. Äußerlich Biedermann, innerlich Brandstifter. Für die Nachbarn brave Bürger, für die rechtsextremen Gesinnungsfreunde Täter. So wie Stephan E., 45, aus dem Osten Kassels, der den Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) per Kopfschuss ermordet haben soll, weil der sich für Migration aussprach. Der mutmaßliche Täter, gegen den inzwischen der Generalbundesanwalt ermittelt, soll über die militante Formation „Combat 18“ und das Umfeld der NPD Kontakt zu Neonazis gehabt haben. Wir ahnen, dass hinter der Hetze im Netz zuweilen auch tödliche Gewalt lauert, nach dem Muster der Terrororganisation NSU. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Wo die Sprache verroht, ist die Straftat nicht weit.“

AFP

Der Bahn-Chef hat seine Vision für den Staatskonzern vorgelegt.

Was haben wir nicht alles in den vergangenen Jahren von der Deutschen Bahn gehört! Sie ist so etwas wie der deutsche Ankündigungs-Champion. Nun sollen 260 Millionen statt wie bisher 148 Millionen Fahrgäste den Fernverkehr nutzen. Der notleidende Gütertransport könnte um 70 Prozent steigen und von 2038 an will der Zugbetrieb ausschließlich mit Ökostrom unterwegs sein. Auf der Aufsichtsratstagung muss Vorstandschef Richard Lutz heute nur noch mit seinem Tableau der schönen Zahlen überzeugen. Deutschland erreiche seine Klimaziele nur, wenn „es im kommenden Jahrzehnt gelingt, massiv Verkehr auf die Schiene zu verlagern“, schreibt er im 170-Seiten-Strategiepapier. Dass sein öko-bewegtes Projekt „Starke Schiene“ ohne Politik eine Vorstellung im Illusionstheater bleibt, zeigt unsere Titelgeschichte.

Es war einmal ein Bundesfinanzminister, der wollte Immobilien marktgerecht besteuern, so wie es das Bundesverfassungsgericht angemahnt hat. Doch weil er bis Jahresende die Reform vollendet haben muss, seine SPD aber nur Juniorpartner in der unionsgeführten Bundesregierung ist, muss er größte Zugeständnisse machen. Und so erhält CSU-Chef Markus Söder nun für sein Bayernland das Recht, alles ganz anders machen zu können: „Nur einer freut sich über das neue Gesetz“, schreiben wir im Blatt. Was etliche Genossen wiederum so sehr stört, dass sie an Olaf Scholz zweifeln. Dem Mann, der von Hamburg nach Berlin zog, um das Fürchten zu lernen.

Frankreichs Milliardäre mögen für Notre-Dame anders als angekündigt bisher kaum etwas gespendet haben, aber für die großen Deals der Kulturwelt ist ihr Kreis immer gut. Hier fällt der Hammer. Nachdem vor Jahren schon Mode-Napoleon François-Henri Pinault das Auktionshaus Christie‘s kaufte, ersteht Telekommunikations-Unternehmer Patrick Drahi („Altice“) nun den Rivalen Sotheby‘s (275 Jahre alt). Ein Hauch Noblesse macht sich gut in der New New Economy und so will Drahi 3,7 Milliarden Dollar in bar zahlen und dann die Traditionsfirma von der Börse verschwinden lassen. „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht“, schrieb Theodor Fontane.

dpa

Heute verkündet der EuGH seine Entscheidung, ob die geplante deutsche Pkw-Maut europarechtskonform ist.

Zu den Ohrwürmern, mit denen die CSU ganz Deutschland traktierte, gehört die Pkw-Maut. Gedacht als Gerechtigkeitspeitsche für alle, die mal ebenso gratis durch die Republik kurven, ist der Darling der Christsozialen inzwischen ein Fall fürs Gericht. Heute entscheidet der Europäische Gerichtshof, ob das deutsche Autofahrerabkassiermodell überhaupt dem Europarecht entspricht. Österreich hat gegen den Maut-Plan geklagt, der ökonomisch unabhängig vom EuGH-Spruch zum Fiasko werden könnte. Die Einnahmen pro Jahr werden aktuell auf nur 400 Millionen Euro geschätzt, die Zahlungsausfälle dagegen auf bis zu 155 Millionen Euro. An dieser Stelle gönnen wir uns Aufbauendes von Karl Valentin: „Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.“

Ihr Name erinnerte an die vergoldete Zeit der amerikanischen Industrie, als Eisenbahnen das Land durchzogen und der Ur-Ur-Großvater Cornelius Vanderbilt sein Imperium aufbaute. In diese Dynastie – und zugleich in unstete Familienverhältnisse – wurde sie 1924 hineingeboren, eine Suchende, die sich zur Malerin, Designerin und Mode-Unternehmerin entwickelte, deren nach ihr benannte Damenjeans zunächst florierten. Gloria Vanderbilt war eine Frau, deren Abenteuerlust Zeitungsseiten füllte, und die noch mit Mitte 80 ein Erotikbuch („Die Bienenkönigin“) herausbrachte. Nun ist die New Yorkerin, die in den Nachrufen wahlweise als „It-Girl“ oder „Grande Dame“ auftaucht, im Alter von 95 Jahren gestorben.

Und dann ist da noch Heinz Hermann Thiele, 78, Patriarch des Münchener Familienkonzerns Knorr-Bremse, der sich heute auf eine unruhige Hauptversammlung gefasst machen muss. Erstmals nach dem Börsengang vor acht Monaten kommt es zur Direktbegegnung mit den Aktionären, die sich dabei sehr für Personalien interessieren dürften. Ende April hatte der so machtbewusste wie emotionale Thiele den erfolgreichen CEO Klaus Deller geschasst. Man stritt sich um Boni und den Ruhm, und in solchen Fragen kann es schon mal leicht herzlos werden. Nun führt bei Knorr-Bremse erst einmal eine Troika – wie bei der SPD – interimsmäßig die Geschäfte.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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Kommentare (1)

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Frau Ch. Griebsch

18.06.2019, 10:22 Uhr

Von wegen Parallelgesellschaft.
Nennen sie mir bitte eine (1!!!) konservative, religionsfreie politische Richtung/Partei noch in Deutschland, bitte!
In Berlin/West, wo ich aufgewachsen bin mussten meine Eltern in meiner Schule antreten: Politikcheck auf Kommunisten. In Westberlin/kalter Krieg.
Mich hatte als Schüler die reine Lehre begeistert (s. Sonnenfinsterniss/Köstler).
Heute, nach etlichen Jahrzehnten Reifung, bin ich konservativ. Ungewöhnlich?
WO IST diese politische Richtung, bitte H. Jakobs/Herausgeber?
Das gibt also Sinn mit der Parallelgesellschaft. Das weiß doch jeder.
Und das ist gut so.

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