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18.08.2022

06:15

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es war nun also der Regierungssprecher. Steffen Hebestreit hat demnach einfach die Pressekonferenz zu früh beendet, sodass der geballte Unsinn des Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas unkommentiert im Raum stehen blieb: Israel habe seit 1947 „50 Massaker, 50 Holocausts“ an Palästinensern begangen. Wer das Video sieht, weiß, dass ein schnelles Handzeichen des danebenstehenden Bundeskanzlers Olaf Scholz genügt hätte, ein kleines Sätzchen: „Das möchte ich nicht so stehenlassen.“ Allein, er schwieg, sah etwas bedröppelt aus und ging von der Bühne.

Hebestreit trägt zur Ehrenrettung des Chefs vor, der habe ihn „kurz angeraunzt“ und ausgeführt, „dass ich das etwas schnell gemacht habe und er gerne noch etwas entgegnet hätte“. Der sprachlose Scholz fand dann seine Stimme bei Twitter und in „Bild“ wieder. Den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat er damit aber nicht überzeugt: „Dass eine Relativierung des Holocaust, gerade in Deutschland, bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt, unwidersprochen bleibt, halte ich für skandalös.“

IMAGO/Fotostand

Olaf Scholz: Der Kanzler macht eine finstere Miene bei den Ausführungen des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas.

Wir lernen aus dem Abbas-Skandal, dass Kommunikation wohl tatsächlich das größte Problem des amtierenden, wenig geliebten Kanzlers ist. Frei nach dem Kabarettisten Werner Finck: „Eine Pressekonferenz ist eine Sitzung, bei der viele hineingehen und wenig herauskommt.“

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    Wenn von der neuen deutschen „Fortschrittskoalition“ unter Olaf Scholz die Rede war, durfte man auch Hoffnung auf die „Aktienrente“ haben, eine Ergänzung des überlasteten Renten-Umlagesystems. Doch man hörte lange nichts mehr von dem Plan. Nun packt ihn der Wissenschaftliche Beirat des Finanzministeriums in einem Gutachten aus – und empfiehlt, eine kapitalgedeckte Rente aufzubauen. In dem Papier heißt es: „Der Beirat ermutigt die Politik, die anstehenden Gespräche zur Reform der Altersvorsorge als Chance für langfristige Weichenstellungen in Deutschland wahrzunehmen.“

    Ressortchef Christian Lindner kann die Schützenhilfe der 32 Ökonomen im Beirat gut gebrauchen, die FDP hatte im Wahlkampf stark für die Aktienrente geworben. Der liberale Finanzstaatssekretär Florian Toncar vermerkt denn auch, die Ergebnisse der Beiratsstudie deckten sich „ausgezeichnet mit dem Vorhaben des Koalitionsvertrages“.

    Anders gewendet: Nach vielen Defensivthemen hat Lindner nun ein Offensivthema.

    Bislang wurde meist über unsere Abhängigkeit von Gas, Öl und Kohle aus Russland geredet. Das ist schon alles trist genug. In der Atomwirtschaft aber sieht es beim Uran und bei aufbereiteten Brennstäben fast noch schlimmer aus. Die USA wollen sich von dem russischen Teufelszeug für ihre Meiler trennen, allerdings werden die speziellen Uranstäbe, die die neue Generation von Nuklearreaktoren braucht, ausschließlich in Wladimir Putins Reich des Bösen hergestellt.

    Grafik

    Putin erpresst die Welt mit seinen Staatsmonopolen, wobei der Kreml freudig registriert, dass Rosatom inzwischen fast die Hälfte der globalen Kapazitäten für die Anreicherung von Uran kontrolliert. Die USA wollen jetzt eine eigene Uran-Strategie entwickeln – sie kommt 20 Jahre zu spät.

    Gelegentlich hat es mit dem Plan der ARD geklappt, Talente für den großen Aufschlag im Ersten in ihren Dritten Programmen reifen zu lassen. Bei Frank Plasberg, Geschöpf des WDR in Köln, war es so, beim selbst ernannten „Mister Hard Talk“ des deutschen Fernsehens. Bald schon aber macht der 65-Jährige bei seiner Talkshow „Hart aber fair“ nach 22 Jahren und fast 750 Sendungen Platz für den wesentlich jüngeren Nachfrager und Nachfolger, für Louis Klamroth, 32. „Wenn man so lange mit einer Sendung gereist ist, will man auch, dass sie sich weiterentwickelt. Und dafür ist jetzt der richtige Zeitpunkt“, erklärt Plasberg.

    Talk-Erbe Klamroth war bisher bei n-tv im Talk-Format „Klamroths Konter“ zu erleben sowie bei Pro Sieben: Dort interviewte er bei der letzten Bundestagswahl zusammen mit Linda Zervakis die drei Kanzlerkandidaten – aber das hat Plasberg auch schon erlebt, im Jahr 2009. Drei Jahre zuvor hatte er bei sich selbst einen Mangel diagnostiziert, der immer Programm war: „Mir fehlt ein Gen für Milde.“

    Schaut man in diesen Tagen einmal ruhig auf den Medienkonzern Bertelsmann und sein wichtigstes Geschäft RTL, so entdeckt man: Der Chef des Chefs des Chefs ist eine Person. Bei dem Dreimal-CEO handelt es sich um Thomas Rabe, 57, Ober-Bertelsmann seit elf Jahren und seit 2019 Vorsitzender der börsennotierten RTL Group, der nun auch noch direkt das deutsche Fernsehgeschäft als Vorsitzender der Geschäftsführung leitet. Co-CEO Stephan Schäfer, einst als Rabes Wanderfreund verortet, muss nach noch nicht einmal einem Jahr gehen.

    dpa

    Stephan Schäfer: Als Co-Chef war Schäfer bis jetzt für die inhaltliche Ausrichtung von RTL verantwortlich.

    • Der werbefinanzierte TV-Sender RTL, einst Deutschlands Superstar, war beim Gesamtpublikum 2021 nur noch Nummer drei hinter ZDF und ARD. Ein konjunkturell abschwächendes Werbeklima und der Einstieg von Netflix (mit Microsoft) ins Werbegeschäft trübt die Perspektive ein.
    • Die komplizierte Integration des Bertelsmann-Zeitschriftenhauses Gruner+Jahr (G+J), auch mal ein Superstar, in RTL Deutschland hinein kostet alle Kraft. Televisionäre Angebote der G+J-Marken „Gala“ und „Chefkoch“ zogen nicht richtig.
    • Die Platzierung von RTL plus im Streaminggeschäft gegen die übermächtigen US-Giganten Netflix, Amazon und Disney bringt bisher nur Erfolge auf Sparflamme. Aus einer angekündigten Super-App mit vielen Medienangeboten wurde zunächst eine Musik-App.

    Fazit: Ziemlich viele Herausforderungen auf einmal, die hohen Finanzaufwand erfordern. Ziel der One-Man-Show des einstigen Finanzchefs Rabe dürfte es daher sein, bei allem Zukunftsrausch stärker auf die Kosten zu achten.

    Und dann ist da noch der britische Milliardär Jim Ratcliffe, 69, ein glühender Brexit-Befürworter, der auf der Insel für alle möglichen Geschäfte gut ist. Der neueste Spin: Er will wohl beim Traditionsfußballklub Manchester United einsteigen, der in seiner Bilanz offenbar Nostalgie aktivieren könnte, sportlich aber nichts mehr zustande bringt und den Ex-Weltfußballer Cristiano Ronaldo als maulenden Ersatzkicker führt. „Sollte der Klub zum Verkauf stehen, wäre Jim definitiv ein potenzieller Käufer“, sagt ein Sprecher seines Chemiekonzerns Ineos. Die amerikanische Eigentümerfamilie Glazer, die bei Fans im Verruf ist, überlegt offenbar tatsächlich, einen kleineren Anteil abzustoßen.

    Ratcliffe kann sich an Landsmann Winston Churchill halten: „Es ist sinnlos zu sagen: Wir tun unser Bestes. Es muss dir gelingen, das zu tun, was erforderlich ist.“

    Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag, an dem das Erforderliche selbstverständlich nicht liegen bleibt.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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