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12.11.2022

08:30

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Das Problem mit der Zuversicht: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Ein Großteil der Deutschen blickt nicht mehr zuversichtlich in die Zukunft. Es ist eine Zeit der sich überlagernden Krisen. Doch neben dem Untergang könnten wir über Lösungen sprechen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

mich hat diese Woche eine Zahl erschüttert. Laut einer Umfrage der Meinungsforscher von Civey geben nur noch 25 Prozent der Deutschen an, dass sie zuversichtlich in die Zukunft blicken. Vor eineinhalb Jahren waren es noch 46 Prozent. Daran schließen sich gleich mehrere Fragen an: Was ist das für eine Gesellschaft, in der nur noch jeder Vierte zuversichtlich in die Zukunft schaut? Wie reagieren diese Menschen auf die weiteren Krisen, die zweifellos vor uns liegen? Wie entscheiden sie politisch? Vor allem aber: Wie können in einer solchen Gesellschaft Ideen und Innovationen entstehen, ohne die sich diese Krisen nicht bewältigen lassen?

Nach einem goldenen Jahrzehnt beginnt eine Zeit sich überlagernder Krisen. Da sind die akuten Krisen, der Krieg in der Ukraine, die Inflation. Aber auch langfristige, wie die Klimakrise, die Energieknappheit oder der Fachkräftemangel. Es ist eine ungewohnte Zeit für die Deutschen, in der wir uns verändern müssen.

„Die Menschheit steuert auf den Abgrund zu.“ IMAGO/Christian Spicker

Annalena Baerbock

„Die Menschheit steuert auf den Abgrund zu.“

Zu viele Debatten dieser Tage sind nichts als apokalyptische Überbietungswettbewerbe, wie sich zuletzt auf der Klimakonferenz COP27 in Ägypten gezeigt hat: „Die Menschheit steuert auf den Abgrund zu“, sagte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock dort vor wenigen Tagen. Kurz darauf warnte UN-Generalsekretär António Guterres in düsteren Worten: „Wir sind auf dem Highway zur Klimahölle - mit dem Fuß auf dem Gaspedal“.

Die Lage ist schwierig, keine Frage. Doch allein schon aus psychologischen Gründen ist das Verbreiten von Untergangsszenarien keine nachhaltige Strategie. Denn die sorgen selten für positive Veränderungen und Aufbruch, sondern führen erst in eine Schockstarre und dann in die Resignation. Kein Wunder, dass jeder dritte Deutsche in der Civey-Umfrage angibt, dass „Kontrollverlust und Machtlosigkeit“ ihre derzeitige Gefühlslage am besten beschreibt.

Dabei gäbe es neben Untergang so viel, über das wir sprechen könnten, Lösungen zum Beispiel, Technologien, die im Kampf gegen viele Krisen dieser Welt helfen können. Wissenschaftlerinnen und Forscher machen beeindruckende Fortschritte bei erneuerbaren Energien, Start-ups entwickeln Künstliche Intelligenz, die Weltkonzernen hilft, ihre Logistikketten effizienter zu organisieren, 3-D-Druck wiederum hilft dabei, wertvolle Rohstoffe einzusparen, Algorithmen automatisieren Jobs, für die Unternehmen heute schon keine Mitarbeiter mehr finden – und da haben wir noch gar nicht über den Solar-Boom gesprochen, ausgelöst durch die aktuelle Energiekrise.

Das Problem ist nur: Umfragen zeigen immer wieder, dass gerade in Deutschland die Skepsis gegenüber neuen Technologien groß ist, anders als zum Beispiel in den USA oder in China. Aber vielleicht ist das auch kein Wunder in einem Land, in dem viele Kinder noch Schulen besuchen, die immer noch aussehen wie zu Zeiten unserer Großeltern.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1: Die wichtigste Recherche der Woche kam von Michael Verfürden und Roman Tyborski. Sie deckten auf, wie der Dax-Konzern Continental durch einen Cyber-Angriff eine schier unfassbare Menge an Daten verlor. Die Erpresser fordern 50 Millionen Euro Lösegeld – oder wollen die Daten zum Verkauf stellen. Glauben Sie mir: Die Geschichte ist noch nicht auserzählt. Und sie zeigt: Es kann jeden treffen, vom Start-up bis zum Dax-Konzern.

2: Die Midterms in den USA haben, das steht Ende dieser Woche fest, zwei feiernde Verlierer produziert: Donald Trump, der die rote Welle nicht auslösen konnte. Und Joe Biden, der wohl die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren wird, möglicherweise sogar im Senat. Beide versuchten, die Lage zu einem Erfolg umzudeuten. Höchste Zeit, sich nach möglichen Nachfolgern für das Duo der alten Männer umzusehen.

In Florida sehen viele ihren Gouverneur schon als nächsten US-Präsidenten. dpa

Ron DeSantis mit seiner Familie

In Florida sehen viele ihren Gouverneur schon als nächsten US-Präsidenten.

3: Seit Wochen recherchiert mein Kollege Julian Olk zu geplanten Übernahmen chinesischer Unternehmen in Deutschland. Vor einigen Wochen schrieb er als erster über die geplante Übernahme der Dortmunder Chipfabrik Elmos, die nun von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck untersagt wurde. Diese Woche erfuhr er, dass Habeck auch weitere Übernahmen untersagt, darunter auch den Verkauf der bayerischen Firma ERS Electronic.

4: Es droht ein erbitterter Streit zwischen den USA und Europa. Konkret geht es um die milliardenschweren Subventionen für die US-Industrie. Im Handelsblatt-Interview sagt der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire: „Wir müssen schnell reagieren“. Er fordert, „eine koordinierte, vereinte und starke Antwort gegenüber unseren amerikanischen Verbündeten.“ Selbst eine Klage vor der WTO sei eine Option.

5: Ermutigende Signale kamen derweil von dem weltbekannten Ökonomen Oliver Blanchard. Er meint, die Inflation werde schon in wenigen Monaten nachlassen – ebenso die Rezession. Sein Wort hat Gewicht, immerhin warnte er früher als viele andere vor der Inflation.

6: Monatelang bangten Energiemanager um die Gasversorgung in Europa. Nun aber stauen sich Dutzende Flüssiggas-Tanker vor europäischen Küsten. Der Grund: Sie warten darauf, bis die Preise wieder steigen. Die LNG-Flotte auf See vor Westeuropas Häfen ist ein schwimmendes Offshore-Gaslager in einer riesigen Dimension: Das derzeit zurückgehaltene LNG in den Schiffen könnte rund 2,7 Millionen Haushalte ein ganzes Jahr lang mit Energie versorgen.

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7: Kurz vor Beginn der WM in Katar schlagen die moralischen Wellen hoch: Sponsorings werden infrage gestellt, Public-Viewing kritisch diskutiert – und Unternehmen geraten in die Schlagzeilen, die an der Weltmeisterschaft in Katar Geld verdienen. Sicher gibt es gute Gründe, das Regime zu kritisieren, für die unwürdigen Bedingungen, unter denen Gastarbeiter dort schuften müssen zum Beispiel. Doch die aktuelle Kritik grenzt an Populismus. Denn schon seit Jahren rückt Katar immer enger an die europäischen Volkswirtschaften heran, investiert in Sportclubs, Autohersteller und Luxusmarken, wie Katar-Kenner und Handelsblatt-Korrespondent Mathias Brüggmann in einem höchst lesenswerten Report beschreibt. Nur: Bislang hat sich kaum jemand für diese immer engere Verbindung interessiert. Wenn Sie gut informiert in den hitzigen Debatten bestehen wollen, lesen Sie diesen Text über den unheimlichen Freund Katar.

8: Henkel ist ja nicht unbedingt ein Unternehmen, das für breaking news bekannt ist. Doch was meine Kollegen Michael Scheppe und Martin Murphy hier aufgedeckt haben, ist schon eher ungewöhnlich: Weil zwischen Henkel-Chef Carsten Knobel und seinem Vorstandskollegen Jan-Dirk Auris hinter den Kulissen ein Machtkampf ausgebrochen war, muss Auris nun das Unternehmen verlassen. Bekannt war das bislang nicht. Erst als das Handelsblatt Henkel mit der Recherche konfrontierte, wurde der Abgang hektisch kommuniziert.

9: Und dann hatte ich diese Woche noch ein bemerkenswertes Gespräch mit dem US-Psychologen Adam Grant: Auf der Innovationskonferenz Giga Gipfel des Handelsblatts haben wir eine Stunde lang darüber gesprochen, wie es Menschen gelingen kann, dauerhaft neugierig zu bleiben, warum es erfolgreichen Unternehmen oft so schwerfällt, Transformationen zu beginnen – und warum Kommunikation die wichtigste Qualifikation der Zukunft ist. Adam Grant hat mit seinen TED-Talks mehr als 25 Millionen Menschen erreicht, und seine Bücher wurden in 35 Sprachen übersetzt. Nach dem Gespräch dürfte vielen klar sein, warum. Kaum einer kann das menschliche Denken und Handeln so gut erklären, hat so viele konkrete Forschungsergebnisse dazu im Kopf – und kann all das so gut in Worte fassen. Wenn Sie die nächsten Tage also etwas Zeit haben, dann hier entlang.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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