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14.05.2022

09:27

Morning Briefing Plus – Die Woche

Der China-Crash: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Wenn man heute nach China blickt sieht man ein Land mit einer zunehmend frustrierten Bevölkerung. Immer mehr Menschen denken darüber nach, wie sie dem Lockdown-Wahn entkommen können.

Guten Tag liebe Leserinnen und Leser,

wenn es um China ging, erzählte man sich lange die Geschichte von einem straff organisierten Land, das mit großer Weitsicht generalstabsmäßig seinen Aufstieg plante. Wenn wir heute nach China blicken, dann sehen wir ein anderes Land. Eines mit zwangsabgeriegelten Millionenstädten, einem kollabierenden Immobiliensektor, einer zunehmend frustrierten Bevölkerung.  
Chinas Wirtschaft ist seit Jahrzehnten nicht in so einer schlechten Verfassung gewesen wie heute: Westliche Expats wollen nur noch raus – und auch immer mehr junge, gut ausgebildete Chinesinnen und Chinesen denken darüber nach, wie sie dem Lockdown-Wahn entkommen können. Von diesem drastischen Stimmungsumschwung handelt der große Report unserer China-Korrespondentinnen Sabine Gusbeth und Dana Heide. 

Kaum waren die Recherchen zu unserer Titelgeschichte abgeschlossen, gab es auch in Peking erneut Lockdown-Alarm. Es verbreiteten sich Gerüchte über drohende Ausgangssperren in der Hauptstadt. Sofort bildeten sich Schlangen vor den Supermärkten.

Auch Kollegin Gusbeth radelte los, um ihre Vorräte aufzustocken. Während sie sich Nudeln, Dosentomaten und Tiefkühlerbsen sicherte, kauften ihre chinesischen Nachbarn vor allem frisches Gemüse, Fleisch und Eier. Am Abend dementierten die Behörden die Gerüchte zwar. Ein ganz ähnliches Dementi gab es allerdings auch am Tag vor dem Lockdown in Shanghai Ende März. Dort weiß bis heute niemand, wann der Lockdown endet.  

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    Handelsblatt-Korrespondentinnen Dana Heide und Sabine Gusbeth.

    Statt die Bevölkerung zu informieren, reagiert das Regime in Peking extrem dünnhäutig auf jede Form der Kritik an der Null-Covid-Politik. Warum die Staatsführung so eisern an der Strategie festhält, darüber gibt es nur Spekulationen:

    • Die Impfquote sei in Wahrheit noch viel niedriger als offiziell angegeben – und daher würde es sehr lange dauern, die Bevölkerung ausreichend zu immunisieren. 
    • Eine andere Erklärung lautet, dass es der Führung um Xi Jinping in Wahrheit gar nicht um den Schutz der Bevölkerung gehe, sondern darum, an der in den Augen der Kommunistischen Partei allzu liberalen und westlichen Metropole Schanghai ein Exempel zu statuieren. 
    • Wieder andere glauben, dass Xi die Krise künstlich verlängere, um eine Grundlage für noch mehr Kontrolle über die Gesellschaft zu bekommen.

    Was auch immer der Grund sein mag, klar werden gerade zwei Dinge: Erstens stellt Chinas Staatsführung nicht mehr den wachsenden Wohlstand der Menschen ins Zentrum ihres Handelns. Zweitens wird immer deutlicher, dass das chinesische Erfolgsmodell in einigen durchaus entscheidenden Punkten überschätzt wurde. 

    Was uns die Woche sonst noch beschäftigt hat

    1. Für das Finanzmärkte-Team war es eine turbulente Woche. Nicht nur Aktienkurse brachen weltweit ein, auch Anleihen, Gold und Kryptowährungen verloren massiv an Wert. Ein derart breiter Ausverkauf über alle Anlageklassen hinweg ist ungewöhnlich – und aus Sicht einiger Investoren durchaus Grund zur Sorge. Besonders heftig erwischte es Tech-Werte. Für zusätzliche Brisanz sorgte der Crash an den Kryptomärkten. Der Bitcoin, die älteste und wichtigste Kryptowährung, stürzte von 36.000 Dollar auf bis zu 26.000 Dollar ab. Im November lag der Kurs noch bei fast 69.000 Dollar. Was wir an den Finanzmärkten erleben, ist eine schmerzhafte Transformation, schreibt mein Kollege Frank Wiebe.

    Grafik

    2. Der erfahrene Volker Wissing hatte schon bessere Wochen. Da erklärt er am Dienstag als Bundesdigitalminister beim G7-Treffen, wir alle sollten mal lieber weniger Essen fotografieren und durchs Netz schicken, um Energie zu sparen. Der Vorschlag der Kategorie „Veggie-Day“ sorgte für einen Shitstorm digital – und auch analog bei den Liberalen. Dann wollte der FDP-Politiker alles wieder gut machen und schlug am Donnerstag vor, die Maske, wenn schon im Flugzeug, dann auch in Bus und Bahn fallen zu lassen. Doch Kanzler Olaf Scholz kassierte die Idee über seinen Regierungssprecher. Liberal war der Vorschlag – aber offenkundig nicht mit den Koalitionspartnern abgestimmt.

    3. Den Vogel für jeden Liberalen hatte Wissing aber schon Anfang der Woche abgeschossen. Da hatte das Handelsblatt über E-Auto-Überlegungen aus seinem Ministerium berichtet: Statt derzeit 6000 Euro soll der Staat künftig – inklusive einer Verschrottungsprämie – bis zu 10.800 Euro zuschießen. Da war der Jubel bei den Schnäppchenjägern groß, nicht aber bei den Marktliberalen. Schließlich hat allen voran Parteichef Christian Lindner eine Kaufprämie seit Jahren als des Teufels abgelehnt. Und auch als Finanzminister dürfte er vom Stuhl gefallen sein: Bis zu 73 Milliarden würde der Spaß bis 2027 kosten. 

    Die hohe Inflation in Deutschland hat viele Verlierer – und einen Gewinner: den Staat. Die Bundesregierung kann bis 2026 mit Steuermehreinnahmen in Höhe von rund 220 Milliarden Euro rechnen. Das verkündete Finanzminister Christian Lindner am Donnerstag. Handelsblatt-Leser wussten es da bereits: Die Größenordnung der steigenden Einnahmen hatte unser Hauptstadtbüro schon am Montag erfahren.

    4. Sie heißt auch die „kleine Bundestagswahl“: Am Sonntag wählt das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen einen neuen Ministerpräsidenten. Zur Abstimmung steht dabei die Politik der schwarz-gelben Koalition von Hendrik Wüst. Wie das Land wirtschaftlich wirklich dasteht, zeigt die große Handelsblatt-Analyse „NRW vor der Wahl im Wirtschafts-Check“.

    Jo Holz / VISUM

    Düsseldorf: NRW wählt am Sonntag einen neuen Landtag.

    5. Das „Ja“ der Finnen zum Nato-Beitritt ihres Landes ist eine historische Zäsur – mit womöglich enormen Konsequenzen. „Wir rechnen mit drei Arten von Bedrohungen oder Einschüchterungen von Russland: Cyberbedrohungen, Bedrohungen in Form von Desinformationen und hybride Bedrohungen, also eine Mischung aus beidem“, sagte der Ex-Ministerpräsident Alexander Stubb im Handelsblatt-Interview.

    6. Er ist Milliardär, 30 Jahre alt, mischt die Wall Street auf – und will sein gesamtes Vermögen spenden. Die Rede ist von Sam Bankman-Fried, dem Gründer der Kryptobörse FTX, die bereits wertvoller ist als die Deutsche Bank. Als Astrid Dörner und Felix Holtermann den 30-Jährigen auf den Bahamas zum Gespräch trafen, erschien er in Tennissocken, Shorts und T-Shirt mit Firmenlogo. Und das war nicht einmal etwas Besonderes: In diesem Outfit trifft er auch Menschen wie Bill Clinton und Tony Blair. 

    7. Eins der vielen übersehenen Probleme der Energiewende ist ausgerechnet die schnell wachsende Zahl privater Ladepunkte für Elektroautos. Viele Immobilienbesitzer lassen sie installieren, melden sie aber nicht an – mit möglicherweise weitreichenden Folgen: Der Netzbetreiber EWE warnt bereits vor lokalen Blackouts.

    8. Es klingt so einfach. Die Solaranlagen sind fertig gebaut, sie müssen nur noch ans Netz. Doch genau das ist das Problem: Über 1000 installierten Anlagen fehlt die Zertifizierung – und damit die Erlaubnis, sie in Betrieb zu nehmen. In der Uckermark liegen die Pläne seit mittlerweile 17 Jahren. Catiana Krapp und Anna Gauto beschreiben, wie Deutschlands Bürokratie-Wahnsinn die Energiewende bremst – allen Plänen zum Trotz, die das ändern wollen.

    9. Was macht eigentlich glücklich? Schon die Frage sei falsch, sagt der Soziologe Martin Schröder im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auch sonst hat der streitbare Wissenschaftler einige Beobachtungen parat: Der Job sei zwar neben der Gesundheit der wichtigste Zufriedenheitsfaktor, Geld aber eher nicht so. Und aus seiner Sicht sei es nicht immer ratsam, „besser als andere sein zu wollen“. Steile Thesen, die er allerdings vielfach mit Daten belegen kann. 

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr Sebastian Matthes

    Chefredakteur Handelsblatt

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