Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

15.10.2022

08:30

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Der China-Stresstest: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Deutsche Konzernchefs üben kaum noch Kritik an China – so groß ist die Abhängigkeit der Unternehmen. Das Handelsblatt porträtiert in dieser Woche das komplizierte Verhältnis.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

während der chinesische Staats- und Parteichef seine Macht beim am Wochenende beginnenden Parteitag wohl auf Jahre hinaus festigt, wagen deutsche Konzernchefs auf offener Bühne kaum noch Kritik an China. Allen ist klar, dass Peking ihre Äußerungen genau verfolgt, erzählte ein deutscher Konzernchef den Autoren unseres großen China-Reports: „Gefällt es denen nicht, wird es unbequem.“ Denn fällt jemand mit kritischen Bemerkungen auf, würden chinesische Behörden Genehmigungen verzögern, Termine mit chinesischen Entscheidungsträgern würden abgesagt.  

Das will niemand riskieren. Zu abhängig sind viele deutsche Unternehmen vom China-Geschäft, das für viele längst zu einem Risiko geworden ist. Dabei gebe es gerade jetzt viel zu besprechen.  
Von der großen Unsicherheit und dem komplizierten Verhältnis zwischen China und dem Westen handelt unser Wochenendtitel. Handelsblatt-Reporterinnen und Autoren gehen darin der Frage nach, in welchem Zustand die chinesische Wirtschaft wirklich ist. Und was die immer größere politische Machtkonzentration für das einst bewunderte chinesische Wirtschaftsmodell bedeutet.

Kritische Worte in Richtung China gibt es in vertraulichen Gesprächen dafür umso mehr. „Der derzeitige Umgang deutscher Unternehmen mit der Volksrepublik kommt mir naiver vor als es der Umgang mit Russland je war“, sagte erst gestern jemand, der in vielen Aufsichtsräten großer Konzerne sitzt. Naiv, weil die Wirtschaft in China vor den größten wirtschaftlichen Problemen seit Jahrzehnten steckt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Naiv, weil das Regime in Peking längst klargemacht hat, Taiwan notfalls auch mit Gewalt einnehmen zu wollen. Und naiv, weil es in so einer Lage gefährlich ist, so abhängig zu sein von einer Region, die in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich zum Zentrum geopolitischer Auseinandersetzungen wird.

    Der chinesische Staatschef wird am Wochenende möglicherweise auf Lebenszeit als Generalsekretär bestätigt. Damit weitet er seine Macht aus – obwohl China schwächelt. Mona Eing & Michael Meissner

    Xi Jinping

    Der chinesische Staatschef wird am Wochenende möglicherweise auf Lebenszeit als Generalsekretär bestätigt. Damit weitet er seine Macht aus – obwohl China schwächelt.

    Immerhin führen erste Unternehmen derzeit eine Art China-Stresstest durch, um herauszufinden, ob sie im Fall eines kompletten Verlustes des Chinageschäfts, etwa nach einem Krieg in Taiwan, noch überlebensfähig wären. Für Volkswagen etwa, das zeigen unsere Recherchen, würde ein eigenständiges Überleben dann schwer: Rund 40 Prozent des Konzerngewinns stammen aus China.

    Die Konzerne kritisieren die Machthaber in Peking zwar nicht lautstark, ziehen aber im Stillen ihre Konsequenzen: Seit Monaten investieren deutsche Unternehmen nur noch ihre Vor-Ort-Gewinne in China. Das heißt übersetzt: Es fließt seit einiger Zeit kein Geld mehr aus Deutschland nach China.

    Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat: 

    1. Das Bundeswirtschaftsministerium hat diese Woche einen bemerkenswerten Kurswechsel eingeleitet: Die Ampel-Koalition werde sich nicht mehr gegen neue Gasbohrungen in der Nord- und Ostsee sperren. Nun muss Wirtschaftsminister Robert Habeck nur noch seine Parteifreunde in Niedersachsen überzeugen, denn die Landes-Grünen, die womöglich bald Teil der Regierung in Hannover sein werden, sind strikt dagegen.

    Grafik

    2. Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine versuchen Hersteller von Elektroautos, ihre Lieferketten neu auszurichten. Davon profitiert vor allem ein Land in Südostasien: Indonesien. Nirgends liegt mehr des begehrten Rohstoffs Nickel – und das will der indonesische Präsident Joko Widodo für sich nutzen, wie er im Interview mit unserem Südostasienkorrespondent Mathias Peer erzählte.

    Er will das Nickel allerdings nicht exportieren, sondern die Hersteller dazu bringen, in Indonesien zu produzieren. „Wenn wir mit Deutschland zusammenarbeiten, können wir ein großes Ökosystem aufbauen und die komplette Lieferkette abdecken: von den Nickelschmelzanlagen über die Batteriefertigung bis zum fertigen Auto.“ Und dann sagte er noch einen Satz, der so wichtig ist mit Blick auf Asien: „Europa darf Südostasien nicht nur als Absatzmarkt sehen. Die Zusammenarbeit muss für beide Seiten vorteilhaft sein.“

    3. Die nukleare Gefahr ist so groß wie seit der Kubakrise nicht mehr. Aber was lässt sich von damals lernen, als es gelang, den Konflikt zu deeskalieren? Dieser Frage ist Moritz Koch nachgegangen.

    4. Es ist die wichtigste Recherche der Woche: Fünf Jahre nach der großen #MeToo-Debatte zeigt sich, dass die Aufarbeitung sexueller Belästigung in vielen deutschen Firmen immer noch nicht funktioniert. Meine Kolleginnen Mareike Müller, Hannah Steinharter und Teresa Stiens haben monatelang recherchiert, mit Betroffenen gesprochen – und erschütternde neue Fälle aufgedeckt. Ihr Fazit: Zwar nimmt das Bewusstsein für das Thema in Unternehmen zu. Doch in vielen Fällen schützen Compliance-Verfahren die Täter besser als die Opfer. Und allzu oft werden die Vorfälle verschwiegen, ignoriert und nicht hinreichend untersucht.

    Grafik

    5In den USA floriert das Geschäftsmodell mit der Apokalypse, beschreibt unsere Kolumnistin Miriam Meckel diese Woche im Handelsblatt. Immobilienfirmen bieten katastrophensichere Apartments und unterirdische Wohneinheiten an, Sicherheitsfirmen wollen Militäreinheiten aufbauen, um den Privatbunker vor Angriffen verarmter Bevölkerungsgruppen zu schützen. Am größten ist die Nachfrage übrigens bei Tech-Milliardären aus dem Silicon Valley. Über die Gründe für das zynische Geschäft spreche ich mit Miriam Meckel diese Woche übrigens auch in meinem Podcast Handelsblatt Disrupt.

    6. Das mit dem Weltuntergang gehört auch zu den Lieblingsthemen der Deutschen, zumindest auf dem Energiemarkt. Seit Wochen überbieten sich mehr oder weniger qualifizierte Experten mit Warnungen vor einem totalen Blackout. Unsere Energie-Reporterin Kathrin Witsch, die einige von Ihnen vielleicht schon aus TV-Talkshows kennen, ist der Frage nachgegangen, wie wahrscheinlich so ein Szenario wirklich ist – und beschreibt in einem spannenden Artikel, wie sich Kommunen und Energieversorger auf den Ernstfall vorbereiten. Spoiler: Der flächendeckende Blackout ist auch diesen Winter extrem unwahrscheinlich. Einzelne Engpässe aber kann es sehr wohl geben.

    7. Deutschland ist wieder der kranke Mann Europas, kommentiert mein Kollege Martin Greive diese Woche sehr treffend. Wichtig ist dabei sein Fazit: „Die Bundesrepublik war seit ihrer Gründung immer auch ein stark wirtschaftliches Projekt. Die Deutschen ziehen ihr Nationalbewusstsein wegen ihrer Geschichte nicht aus einem Nationalstolz, sondern ganz zentral aus der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Ist diese Stärke bedroht, kratzt dies am Urversprechen einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Die aktuelle Stärke der AfD speist sich auch aus dieser Besonderheit.“

    Burkhard Mohr

    Deutschland als kranker Mann Europas.

    8. Die Probleme des Warenhauskonzerns Galeria sind offenbar weit größer als angenommen, beschreiben mein Kollegen Florian Kolf und Martin Greive. Von einem „Thema von existenzieller Bedeutung“ spricht selbst die Geschäftsführung. Und schon bittet der Konzern in Berlin um Staatshilfen. Wieder einmal. Und wieder einmal stellt sich die Frage, wann sich endlich herumspricht, dass die Warenhäuser, in denen vielfach noch der Muff der Achtziger hängt, in dieser Form keine Zukunft haben. Auch nicht mit weiteren Staatsmilliarden oder Garantien.

    9. Seit Wochen gehören Handelsblatt-Texte über die neue Grundsteuer zu den meistgelesenen Artikeln. Vorgestern nun die Entscheidung: Die Frist für die Abgabe der Grundsteuererklärung wird bis zum 31.12. verlängert. Doch das ändert wenig an dem bürokratischen Wahnsinn, der durch die neue Steuer entsteht: So zählt eine Sauna im Erdgeschoss zur Wohnfläche, eine Sauna im Keller dagegen nicht. Unbeheizbare Wintergärten und Schwimmbäder wiederum werden nur zur Hälfte angerechnet. Bleibt die Frage: Wie ist das mit der Eisenbahn auf dem Dachboden geregelt? Meine Kollegin Laure de la Motte lässt sich von alledem nicht aus der Ruhe bringen, und erklärt, wie Sie die Wohnflächen richtig berechnen.

    Ihnen allen ein erholsames Wochenende. 

    P.S.:  Kennen Sie schon unser neues Format „Handelsblatt Live plus“? Jeden Mittwoch sprechen Kolleginnen und Kollegen vom Handelsblatt über aktuelle Alltagsfragen. In der Auftaktsendung haben Thorsten Firlus und Hannah Krolle über Energie und Immobilien gesprochen. Den Link zum Livestream und Podcast finden Sie hier: Im Livestream: Photovoltaik-Anlage auf dem eigenen Dach – wenn nicht jetzt, wann dann?

    Herzlichst

    Ihr

    Sebastian Matthes

    Chefredakteur Handelsblatt

    PS: Das Morning Briefing plus können Sie im Rahmen Ihres Handelsblatt-Digitalabonnements kostenfrei erhalten oder hier separat abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×