Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.08.2022

09:05

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Die China-Falle: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Der Umgang mit China wird die Zukunft der Weltwirtschaft bestimmen. Die Taiwan-Krise zeigt: Ökonomisches Denken kann nicht der einzige Maßstab sein.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Frage nach dem Umgang mit dem chinesischen Markt dürfte für viele europäische CEOs derzeit die schwierigste aller Zukunftsfragen sein. „In meiner Industrie ist China der am schnellsten wachsende Markt“, sagte neulich der Chef eines Dax-Konzerns bei einem gemeinsamen Mittagessen: „Es wäre fahrlässig, dort nicht zu investieren.“ Viele argumentieren so und transferieren immer mehr Geld und Wissen in die Volksrepublik – allen Warnungen zum Trotz.

Wie heikel das ist, zeigte sich diese Woche. Zunächst hielt China tagelang mit scharfer Munition Militärübungen rund um Taiwan ab. Dann veröffentlichte Peking ein Weißbuch, mit dem es einmal mehr unmissverständlich klar machte, was das Regime plant: „Taiwan hat seit uralten Zeiten zu China gehört“, hieß es darin. Um die „Wiedervereinigung“ zu erreichen, so betonte Peking, werde man auch nicht vor dem Einsatz von Gewalt zurückschrecken.

Die Frage lautet also nicht mehr, ob China nach dem Inselstaat greifen wird, sondern nur noch: wann. Spätestens nach der Veröffentlichung des neuen Weißbuchs kann niemand mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Für europäische Firmen ist es an der Zeit, ihre China-Strategien der Realität anzupassen. Sich nur auf das Wachstum des Marktes zu berufen, ist ebenso naiv, wie es das Mantra von Wandel durch Handel war. Wir leben in einer Welt mit zunehmender systemischer Rivalität, in der es gefährlich geworden ist, Entscheidungen nur noch auf Grundlage ökonomischer Erwägungen zu treffen.

    Grafik

    Deutschland, das gehört zur Wahrheit dazu, ist hier besonders gefährdet: Die Volksrepublik ist der größte Handelspartner der Bundesrepublik. Bundeskanzler Olaf Scholz warnte deutsche Firmen daher vor wenigen Tagen zu Recht, sich wirtschaftlich nicht zu stark von China abhängig zu machen.

    Natürlich fordert niemand die vollständige Entkopplung von China. Die Antwort auf die aktuelle Lage aber muss eine strategische Diversifizierung sein und, ja, auch das Undenkbare zu denken. Denn China, das muss Ende dieser Woche spätestens allen klar sein, kann über Nacht zur Falle werden.

    Grafik

    Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat

    1. Die Razzia in Trumps Privatresidenz Mar-a-Lago ist nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte der erschütternden Krise des politischen Systems der USA: Ein Land mit nur noch einer großen Partei, die die Ergebnisse von Wahlen friedlich akzeptiert, bietet seinen Bürgern keine echte Wahl mehr, schreibt mein Kollege Frank Wiebe in einem sehr lesenswerten Essay.

    AP

    Donald Trump steht im Mittelpunkt von Untersuchungen zu Top-Secret-Dokumenten in seinem Anwesen

    2. Es war eine Meldung, die vergangenen Freitag für großes Aufsehen sorgte: Julian Olk berichtete exklusiv, dass der Kreis der Wirtschaftsweisen nach langer Hängepartie endlich wieder komplett ist. Die Bundesregierung entsandte die Ökonomin Ulrike Malmendier aus Berkeley und den Bochumer Wirtschaftswissenschaftler Martin Werding in das wichtigste ökonomische Beratergremium des Landes. Logisch, dass die beiden kurz darauf auch als erstes im Handelsblatt darüber sprachen, was ihre Pläne sind. Malmendier fordert Reformen: Der Rat sollte „sein Selbstverständnis weiterentwickeln, mehr zu einer Art Inkubator“. Werding wiederum will die Sozialversicherungen reformieren.

    dpa

    Ulrike Malmendier komplettiert das Quintett der Wirtschaftsweisen – und macht im Interview bereits erste Vorschläge

    3. Es gab diese Woche vor allem einen Satz, der aus meiner Sicht in Erinnerung bleiben wird: „Ich hatte halt viel zu tun.“ Mit diesen Worten versuchte sich der Angeklagte Steueranwalt Hanno Berger vor dem Landgericht Bonn aus der größten Steuerhinterziehung der Nachkriegsgeschichte herauszureden. Neun Jahre lang beschimpfte der flüchtige Berger Staatsanwälte und Richter als „Idioten“, „Schwachmaten“ und „sozialistische Bande“. Jetzt, da ihm 15 Jahre Haft drohen, kommt ihm nicht einmal eine Entschuldigung über die Lippen. Das Investigativteam des Handelsblattes verfolgt den Fall seit Jahren und hat diese Woche auch live aus dem Gerichtssaal berichtet. Kurz nach Bergers Geständnis haben meine Kollegen von dort auch eine neue Folge des Podcasts Handelsblatt Crime aufgenommen, die ich Ihnen für dieses Wochenende wärmstens empfehlen kann.

    dpa

    Windet sich vor Gericht: Hanno Berge im Cum-ex-Prozess

    4. Um die Steuerpläne von Christian Lindner herrschte in Berlin diese Woche vor allem im linken Lager große Aufregung. Dabei geht es nur um eine längst überfällige Reform, nämlich den Abbau der sogenannten kalten Progression – also dem Effekt, dass Gehaltserhöhungen durch die Inflation aufgefressen werden, aber dennoch zu einer höheren Besteuerung führen. Was das für Sie bedeutet? Diese fünf Berechnungen zeigen es.

    5. Es ist ein Rückschlag für den Klimaschutz: Exklusive Handelsblatt-Auswertungen zeigen, dass Dax-Unternehmen ihre CO2-Emissionen 2021 im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent gesteigert haben. Gründe dafür gibt es viele, und klar ist auch, dass es dieses Jahr nicht viel besser wird. „Jetzt ist Kompromisslosigkeit gefragt – auf allen Seiten“, vor allem im Hinblick auf den Ausbau erneuerbarer Energien.

    6. Die vielfältigen, sich überlagernden Krisen erzeugen bei Anlegerinnen und Anlegern eine neue Sehnsucht nach Sicherheit, das zeigen uns die vielen Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern. In einem großen Report zum Wochenende beschreibt das Handelsblatt-Märkte-Team deshalb die krisentauglichen Anlagestrategien für Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien. Außerdem hat das Team analysiert, welche Aktien besonders krisenfest sind.

    IMAGO/Jochen Tack

    Steigende Preise, kaum Material: Die Baubranche steht unter Druck

    7. Der Bauboom steht vor dem Ende. Rohstoffe sind kaum noch zu haben, die hohen Energiepreise treiben die Preise und der Fachkräftemangel sorgt für steigende Löhne. Die Stimmung am Bau kippt. Eine Erfahrung, die jeder gerade macht, der ein Bauprojekt zu Ende bringen will – wie ich zum Beispiel.

    8. Bevor Sie jetzt das Smartphone weglegen, um vielleicht kurz abzuschalten, möchte ich Ihnen noch einen letzten Text empfehlen: Psychologen beschäftigen sich immer wieder mit dem Phänomen „Overthinking“, bei dem die Gedanken ewig um das gleiche Thema kreisen, eine schwierige Entscheidung zum Beispiel. Das kennen Sie? Damit sind Sie nicht allein. Wir haben mit Managerinnen und Unternehmern gesprochen, wie sie mit dem Gedankenkarussell fertig werden.

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende,
    Ihr

    Sebastian Matthes
    Chefredakteur Handelsblatt

    Das Morning Briefing plus können Sie im Rahmen Ihres Handelsblatt-Digitalabonnements kostenfrei erhalten oder hier separat abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×