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03.12.2022

08:00

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Einwanderungsdebatte: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Offene Stellen und eine riesige Pensionierungswelle: Uns fehlen die Arbeitskräfte. Deutschland ist weit weniger attraktiv für Zuwanderer, als wir es wahrhaben wollen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Aufgeregtheit der politischen Debatte hat sich diese Woche bis in mein Mail-Postfach fortgesetzt: Ich hatte die Kritik der Union an der Einwanderungspolitik der Ampel-Regierung kommentiert. Zur Erinnerung: Die Union schimpfte tagelang über die Ampel-Pläne und unterstellte der Bundesregierung, den deutschen Pass zu „verramschen“. Tatsächlich aber, so mein Fazit, verramscht die Union mit dieser Debatte die Zukunft dieses Landes.

Es gibt nämlich, wie die Zahlen längst zeigen, viel zu wenige Menschen, die sich überhaupt um den deutschen Pass bemühen:

  • Nie zuvor in der deutschen Geschichte gab es so viele offene Stellen. Unternehmen aller Branchen haben Schwierigkeiten, Positionen zu besetzen – trotz drohender Rezession.
  • Die Jobplattform Stepstone hatte im Oktober 2022 rund 70 Prozent mehr Jobs im Angebot als vor Corona 2019.
  • Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird bis 2035 um sieben Millionen sinken, wenn es keine Zuwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt gibt.
  • Deutschland steht vor einer riesigen Pensionierungswelle. Und das Problem sind nicht nur die geringen Geburtenraten, sondern auch die im Vergleich zu anderen Ländern recht große Babyboomer-Generation. Daher trifft uns die demografische Krise schneller als andere Länder.
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    Diese Grafik zeigt, was passiert, wenn die dringend benötigten Einwanderer ausbleiben.

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    Dabei würde sich ein schnellerer Zugang zur Staatsbürgerschaft positiv auf die Arbeitsmarktintegration auswirken, wie der Sachverständigenrat erst gerade wieder dargelegt hat. Und der schnellere Zugang zur Staatsbürgerschaft, so die Wirtschaftsweisen, würde attraktiver, wenn Mehrfachstaatsangehörigkeiten auch in Deutschland erlaubt wären.

    Wie sehr das Thema polarisiert, sah ich dann in meinem Postfach direkt nach unserer morgendlichen News-Konferenz. Zwei Dutzend Mails zum Thema. Darunter Zustimmung, aber auch scharfe Kritik.

    „Danke für die klaren Worte und die starke, für die Wirtschaft so wichtige Haltung“, schrieb jemand. In einer anderen Mail hieß es: Deutschland werde sich durch Zuwanderung unwiederbringlich verändern. Doch diese Tatsache zu debattieren scheue die Politik.“ Selten habe ich Sie so weit neben den Fakten und so sehr in der Diktion der linken und grünen Parteipropaganda argumentieren sehen“, kritisierte ein anderer. Und so ging es den Nachmittag weiter.

    Natürlich suchen jedes Jahr Abertausende Geflüchtete Schutz in Deutschland. Trotzdem müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland weit weniger attraktiv ist für die begehrten Arbeitskräfte, als wir selbst mitunter wahrhaben wollen: Bei internationalen Expats lag Deutschland vor einigen Jahren noch im Mittelfeld, mittlerweile ist die Bundesrepublik auf die hinteren Ränge abgestürzt. Zu unfreundlich und digital zu weit hinterher, so das Urteil der internationalen Community. Hinzu kommt das Sprachproblem und die Bürokratie.

    IMAGO/Frank Ossenbrink

    Von links: Die Integrationsbeauftragte Reem Alabali-Radovan, Bundeskanzler Olaf Scholz und Innenministerin Nancy Faeser.

    Dazu ist mir ein Twitter-Beitrag besonders in Erinnerung geblieben: „Niemand, wirklich niemand, träumt davon, nach Deutschland zu ziehen“, schreibt Chris Pyak darin, der Buchautor und Chef von Immigrant Spirit, einer auf internationale Talente ausgelegten Recruiting-Agentur. Als jemand, der in sieben Ländern gelebt und hunderten internationalen Fachkräften bei der Jobsuche in Deutschland geholfen habe, rät er: „Liebe Mitbürger – ihr müsst mal in der realen Welt ankommen!“

    Fast alle seine Klienten sehen Deutschland als eine von mehreren Karrieremöglichkeiten. „Die Ausländer, die heute kommen, müssen nicht ‚dankbar‘ sein und auch nix beweisen“. Erst vorgestern habe ihm eine indische Fachkraft berichtet, sie sei von einem deutschen Unternehmen abgelehnt worden, mit der Begründung, man stelle nur englischsprachige ein. Und das, obwohl die Frau einen Princeton-Abschluss hat.

    Wir sprechen viel über Integration der Menschen von anderswo, das ist sicher richtig. Mindestens genauso dringend müssen wir darüber sprechen, dass sich auch Deutschland verändern muss. Sonst werden die begehrten Arbeitskräfte auch in Zukunft nicht kommen.

    Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

    1: US-Präsident Joe Biden plant eine industrielle Revolution. Doch für die Europäer sieht diese Revolution eher aus wie ein neuer Handelskonflikt. Im Zentrum dieses Konflikts: die US-Beihilfen für E-Autos, die nur noch für Fahrzeuge fließen sollen, die auch in den USA montiert wurden. In einem großen Report analysieren Handelsblatt-Autoren, welche Folgen ein solcher Handelskonflikt für die deutsche Wirtschaft hätte. Zwar verspricht Biden Änderungen am Anti-Inflationspaket. „Biden und Macron sind allenfalls in ihrer protektionistischen Haltung vereint“, kommentiert Meinungschef Jens Münchrath.

    2: Die Einführung der Schuldenbremse hat zu einem bemerkenswerten Phänomen geführt: Während Bund und Länder immer größere Schattenhaushalte aufbauen, findet auch bei Ländern und Kommunen eine nahezu unbemerkte Flucht aus den Kernhaushalten statt, wie neue Zahlen zeigen. Mit der Einführung der Schuldenbremse ist die Zahl der Staatsunternehmen rasant gestiegen: Gab es 2008 noch 14.704 Unternehmen von Bund, Ländern und Kommunen, waren es 2019 bereits 19.009. Und die Verbindlichkeiten dieser öffentlichen Unternehmen machen fast 35 Prozent der gesamten Staatsverschuldung aus. Wir leben, man kann es nicht anders sagen, in einem Schattenschuldenstaat.

    3: Die Warnungen häufen sich: Droht der Welt eine neue Finanzkrise? Zuletzt hatte die Notenbank in Singapur eine solche Gefahr heraufbeschworen. Was ist dran an solchen Warnungen? Unsere Frankfurter Finanzmarktexperten haben sich auf die Suche gemacht. Großbanken, schreiben sie, sind in einer vergleichsweise guten Verfassung. Das Risiko kommt von anderer Stelle: Den gigantischen Schattenbanken, die im Finanzsystem eine immer wichtigere Rolle spielen.

    Grafik

    4: Deutschland ist in Europa isoliert. Immer wieder hat Olaf Scholz seine europäischen Verbündeten mit Alleingängen brüskiert, mit der katastrophalen Kommunikation des 200-Milliarden-Hilfspakets zum Beispiel. „Deutschland beschwört die Solidarität in der EU, wirft sie aber in den Papierkorb, wenn sie nicht in den Kram passt“, sagt Evangelos Mytilineos, Chef des gleichnamigen griechischen Industriekonzerns. Wie tief der Riss in Europa mittlerweile ist, haben Handelsblatt-Korrespondenten in europäischen Hauptstädten recherchiert.

    5: Es war eine aufwendige Recherche: Monatelang hat das Handelsblatt-Investigativteam zusammen mit Journalisten aus ganz Europa an der Frage gearbeitet, wie schmutzig die vermeintlich grünen Fonds wirklich sind. Sie haben Abertausende Datensätze analysiert, mit Insidern gesprochen und grüne Versprechen geprüft. Das Ergebnis sorgte Anfang dieser Woche für Aufsehen: Denn die Recherche ergab, dass 48 Prozent der als besonders nachhaltig deklarierten Fonds auch in schmutzige Branchen investieren – darunter Luftfahrt, Kohle und Aluminium.

    Brauerei Rothaus, Deutsche Bahn, Staatsweingut Kloster Eberbach: Die Zahl staatlicher Unternehmen steigt.

    6: 15 Millionen Elektroautos sollen bis 2030 auf deutschen Straßen fahren, das hat sich die Ampelkoalition zum Ziel gesetzt. Doch eigentlich ist längst klar, dass dieses Ziel nicht erreichbar ist. Erst recht nicht nach diesen Zahlen: Laut Berechnungen des Center Automotive Research (CAR), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, brechen die Verkäufe von Hybrid-Fahrzeugen ein, was sicher wünschenswert ist. Aber auch das Wachstum von reinen Elektroautos nimmt merklich ab – und könnte in den nächsten Jahren weiter drastisch sinken. Die Verkehrswende, das gehört zur Wahrheit dazu, ist derzeit mehr Wunsch als Wirklichkeit.

    7: Es ist ein Trend, der niemandem egal sein darf: Deutschland fällt bei Innovationen im europäischen Vergleich zurück. In der EU geben Unternehmen gut vier Prozent mehr für Forschung und Entwicklung aus als vor Corona. In Deutschland dagegen sind die Ausgaben gegenüber 2019 um 0,8 Prozent zurückgegangen. Ein fragwürdiger Trend in einer Zeit technologischer Umbrüche. Denn die Forschungsausgaben von heute sind die Innovationen von morgen – und der Wohlstand von übermorgen.

    8: Der Wohlstand von heute ist derweil gesichert. Die 40 Dax-Unternehmen zahlen so viel Dividende wie noch nie, zeigen Handelsblatt-Analysen. Über die Hälfte der Firmen dürfte 2023 ihre Ausschüttungen erhöhen, darunter Allianz und Munich Re, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Post, Telekom und Linde. Am meisten zahlen die Autobauer BMW, Mercedes und VW.

    9: Normalerweise sind Unternehmen mit bekannten Marken, hohen Gewinnen und zukunftsfähigen Geschäftsmodellen an der Börse teuer. In diesem Jahr aber ist das anders. Der Kursrutsch an der Börse hat Aktien von Top-Unternehmen erschwinglich gemacht, die seit Jahren erfolgreich sind. In einem großen Report zum Wochenende analysieren unsere Börsenexperten, welche Werte gerade besonders vielversprechend sind – und auf welche Aktien Großanleger jetzt setzen. Übrigens: Profiinvestoren setzen auf große Technologiekonzerne, Luxusunternehmen oder Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé.
    Ihnen ein erholsames Wochenende.

    Herzlichst
    Ihr
    Sebastian Matthes
    Chefredakteur Handelsblatt

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