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29.10.2022

09:18

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Führungsmacht und fragile Demokratie USA: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

In der EU wächst die Sorge über den innenpolitischen Zustand der USA. Kurz vor den Kongresswahlen ist das Land gespalten und verunsichert. Was uns noch beschäftigt hat.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

vor einigen Wochen hatte ich ein längeres Gespräch mit Moritz Koch, dem Leiter des Handelsblatt-Büros in Brüssel. Er berichtete mir von den zunehmenden Sorgen in der EU über den innenpolitischen Zustand der USA. Koch war selbst jahrelang Korrespondent – erst in New York, später in Washington, aber er kennt das Land noch viel länger.

Schon als Kind reiste er fast jedes Jahr nach Florida. Später studierte er in Amerika, erlebte den Wandel des Landes aus erster Hand: den patriotischen Rausch der George-W.-Bush-Jahre, den Aufstieg des Irak-Krieg-Gegners Barack Obama und schließlich den Wahlsieg von Donald Trump über Hillary Clinton.

Neulich reiste Koch wieder einmal in die USA – und kam mit einem erschütternden Porträt eines gespaltenen Landes zurück. Die Geschichte beginnt mit Hart Kelley, einem Rentner aus Florida, der gern fischt und Fox News schaut.

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    Die Demokratie in den Vereinigten Staaten befindet sich in einem Balanceakt und droht zu kippen.

    USA

    Die Demokratie in den Vereinigten Staaten befindet sich in einem Balanceakt und droht zu kippen.

    Das Amerika, in dem sich Kelley zu Hause fühlt, ist die Antithese zum europäischen Wohlfahrtsstaat. Niedrige Steuern, kaum Vorschriften, keine Umverteilung. Doch Kelley glaubt: Sein Amerika sei in Gefahr. Nicht vor Putin fürchtet er sich, sondern vor den Demokraten von Präsident Joe Biden. Vor den Kongresswahlen am 8. November ist das Land gespalten und verunsichert. „Wenn es so weitergeht, wird es Gewalt geben“, befürchtet Kelley.

    Dazu passt eine beunruhigende Nachricht aus San Francisco: Der Ehemann von Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses, ist von einem Angreifer in seinem Haus attackiert worden. Pelosis Sprecher teilte mit, der Angreifer habe nach ihr gesucht.

    Das ist das eine Amerika. Das andere erleben die europäischen Partner im Ukrainekrieg: die Schutzmacht, die Militär- und Wirtschaftshilfen an Kiew auflegt, Sanktionen gegen Russland koordiniert, den Westen zusammenhält.

    Im Herbst 2022 sind die Vereinigten Staaten beides: Führungsmacht und fragile Demokratie. Was das für Europa bedeutet, beleuchtet unser US-Titel.

    Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

    1. Die Bundesregierung hatte sich sehr bemüht, die Zahlen unter Verschluss zu halten, trotzdem wusste Martin Greive schon zwei Tage vor der Veröffentlichung der aktuellen Steuerschätzung, wie viel mehr Steuern der Staat in den nächsten Jahren einnehmen wird, nämlich mindestens 110 Milliarden Euro. Donnerstag kam dann die offizielle Bestätigung: Es sind 126 Milliarden Euro – das ist ein Rekord. Das Problem für Christian Lindner: Der neue Spielraum im Haushalt wird neue Begehrlichkeiten wecken.

    2. Setzt die Bundesregierung leichtfertig die Energieversorgung aufs Spiel? Steht Deutschland vor einer Deindustrialisierung? Und woher kommt eigentlich das Wachstum in Zukunft? Wir hatten viele Fragen, als wir zum Interview zu Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck fuhren. Und wir kamen nicht nur mit vielen Antworten zurück, die anschließend von zahlreichen Medien zitiert wurden – wir erlebten auch einen durchaus selbstkritischen Minister: „Wir sollten in der Koalition weniger pokern und früher miteinander reden“, sagt Habeck.

    Der Vizekanzler spricht im Handelsblatt-Interview auch über den Streit mit Christian Lindner: „Es war eine unschöne Hängepartie.“ Photothek/Getty Images

    Robert Habeck

    Der Vizekanzler spricht im Handelsblatt-Interview auch über den Streit mit Christian Lindner: „Es war eine unschöne Hängepartie.“

    3. Der deutsche Umgang mit chinesischen Unternehmen sorgt mittlerweile für massive Verstimmungen innerhalb der Bundesregierung. Wenige Tage nachdem das Kanzleramt den Einstieg des chinesischen Unternehmens Cosco bei einem Terminal des Hamburger Hafens durchdrückte, sorgte das Handelsblatt mit zwei Recherchen für neue Diskussionen: Zunächst zeigten Handelsblatt-Reporter, dass Technologie des chinesischen Huawei-Konzerns nach wie vor integraler Bestandteil deutscher Mobilfunknetze ist – trotz des neuen IT-Sicherheitsgesetzes und Warnungen aus Sicherheitskreisen. Wenige Tage später ein weiteres Beispiel mangelnden Risikobewusstseins, als das Handelsblatt exklusiv berichtete, dass die Bundesregierung einen heiklen Chip-Deal durchwinken will: die Übernahme der Chip-Fertigung des Dortmunder Unternehmens Elmos. So viel ist klar: Wenn Kanzler Olaf Scholz nächste Woche nach Peking reist, gibt es viel zu besprechen.

    4. Ungeachtet dieser Debatten erhöhen einige deutsche Konzerne ihre China-Abhängigkeit sogar noch, BASF ist so ein Fall und Siemens, wie Recherchen unserer Unternehmensreporter zeigen. So will Siemens-Chef Roland Busch ausgerechnet den so wichtigen Konzernbereich „Digitale Industrien“ viel stärker auf China ausrichten: „Marco Polo“ heißt das geheime Projekt, in dessen Rahmen sogar eine mögliche Komplettverlagerung von Teilbereichen und die Eröffnung weiterer Headquarter in China diskutiert wurden. Der Plan ist erst einmal zurückgestellt. Womöglich aber nicht auf Dauer, wie ein Insider berichtet: „China kennt die Pläne und will deren Umsetzung sehen.“ Von einem solchen Druck aus Peking, kritische Bereiche nach China zu verlegen, berichten dieser Tage übrigens auch andere Unternehmen.

    5. Während in Rom eine neue Regierung vereidigt wurde, ist Italien-Korrespondent Christian Wermke durch das ökonomisch und sozial tief gespaltene Land gereist und beschreibt anhand vieler Begegnungen und Beobachtungen, wohin die Wirtschaft des Landes treibt. Die neue Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht vor einer gigantischen Aufgabe: Sie muss gegen die Krise steuern – und das bei einer Verschuldung von 150 Prozent der Wirtschaftsleistung. In einem großen Report beschreibt Wermke, wie die Italiener in die Zukunft blicken.

    Italiens Premierministerin Giorgia Meloni muss schnelle Hilfspakete auf den Weg bringen, um die steigenden Energiepreise abzufedern – und die strukturellen Reformen weiterführen. Bloomberg

    Giorgia Meloni

    Italiens Premierministerin Giorgia Meloni muss schnelle Hilfspakete auf den Weg bringen, um die steigenden Energiepreise abzufedern – und die strukturellen Reformen weiterführen.

    6. Deutsche Unternehmen sind an der Börse im internationalen Vergleich besonders niedrig bewertet. Mein Kollege Ulf Sommer beschreibt, bei welchen Aktien der Einstieg gerade günstig ist.

    7. Ende der Woche gab es dann ein kleines Börsenbeben. Innerhalb von zwei Tagen haben Big-Tech-Werte fast 700 Milliarden Dollar an Wert verloren. Jüngstes Beispiel: Amazon. Am Freitag verlor die Aktie rund neun Prozent. Die Hintergründe – und die Frage, wie es weitergeht – klären meine Kollegen aus dem Frankfurter Büro.

    Grafik

    8. Zum Start ins Wochenende möchte ich Ihnen dann noch ein wirklich bemerkenswertes Interview ans Herz legen und zwar ein Gespräch meiner Kollegin Kirsten Ludowig mit dem Gehirnchirurg Peter Vajkoczy, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Berliner Charité: Vajkoczy war mit 39 Jahren der jüngste Chefarzt an der Charité und führte rund 20.000 OPs in seiner Karriere durch. Im Interview spricht er über seine Gefühle, etwa die Scham, wenn es bei OPs zu Komplikationen kommt, Albträume, seinen Mentor, der ihm gern „eins reingewürgt“ hat, damit er nicht abhebt, Mythen, Rituale und die emotionale Beziehung zu seinen Gummischuhen.

    9. Und dann ist da noch Hans-Jürgen Jakobs, der die Chefautorenschaft des Handelsblatt-Morning-Briefings vergangenen Freitag abgegeben hat. Nach den großen Abschiedsfeierlichkeiten spreche ich mit ihm in der neuen Folge meines Podcasts „Handelsblatt Disrupt“ über seine täglichen Nachtschichten, warum er sich überhaupt auf das Morning Briefing eingelassen hat – und seinen wichtigsten Trick beim Schreiben. Natürlich sprechen wir aber auch über sein sehr lesenswertes neues Buch: „Das Monopol im 21. Jahrhundert – Wie private Unternehmen und staatliche Konzerne unseren Wohlstand zerstören“.

    Ihnen allen ein erholsames Wochenende.

    Herzliche Grüße
    Ihr
    Sebastian Matthes
    Chefredakteur Handelsblatt

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