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05.11.2022

09:00

Sebastian Matthes

Morning Briefing Plus – Die Woche

Umstrittene Kanzler-Reise: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

Das Handelsblatt hat Olaf Scholz bei seinem Besuch in China begleitet. Wirtschaftsthemen blieben im Hintergrund, Verträge wurden keine unterschrieben. Was uns noch beschäftigt hat.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

keine 16 Wochen ist es her, seit meine Kollegin Dana Heide von Peking zurück nach Berlin gezogen ist. Sie hatte mehrere Jahre als Korrespondentin von dort berichtet, eine Zeit, in der sich das Land dramatisch verändert hat. Gestern kehrte sie für knapp elf Stunden dorthin zurück, weil sie Bundeskanzler Olaf Scholz bei seinem Antrittsbesuch nach China begleitete.

Schon bei ihrer Ausreise im Juli waren die Restriktionen in China strikt – doch das war kein Vergleich mit dem, was sie jetzt erlebte: Drei Mal mussten sich Delegationsteilnehmer testen lassen. Während Biontech-Gründer Uğur Şahin neben den anderen deutschen Konzernlenkern vor einem der Busse anstehen musste, um sich testen zu lassen, wurde Kanzler Olaf Scholz das Stäbchen im Flieger gereicht.

Auf der Reise selbst, so berichtet Heide, bleiben wirtschaftliche Fragen dann fast vollständig im Hintergrund. Normalerweise werden auf solchen Trips oft symbolträchtige Absichtserklärungen und Verträge unterschrieben, um die guten Beziehungen zu demonstrieren. Dieses Mal wurde kein einziger Vertrag unterzeichnet.

AP

Viel Symbolik, wenig Konkretes: Olaf Scholz' Kurzbesuch in Peking endete nach nur elf Stunden

Scholz bat China stattdessen darum, seinen Einfluss auf Russland für ein Ende des Kriegs in der Ukraine zu nutzen. Die chinesische Regierung positionierte sich derweil in der Sache immerhin deutlicher als bislang: China hoffe nach den Worten von Regierungschef Li Keqiang zusammen mit Deutschland auf ein „baldiges Ende“ des Kriegs in der Ukraine. „Wir können uns keine weitere Eskalation leisten“, sagte Li. Beide Seiten sollten zu Friedensgesprächen bewegt werden.

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Viele andere Konflikte blieben unerwähnt. Der zunehmende Einfluss der chinesischen Regierung auf die Wirtschaft zum Beispiel. Erst vor wenigen Tagen hatte Dana Heide mit einer großen Recherche für Aufsehen gesorgt, in der sie beschrieb, wie die chinesische Regierung ihren Einfluss auf deutsche Konzerne in China immer weiter ausbaut. Demnach fordert die Partei sogar bei Standortfragen, Geschäftsmodellen und sogar Personalien ein Mitsprachrecht. Für die Firmen gibt es kaum ein Entkommen. Es ist auch eine Art Kontrollverlust.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat

1. Mit der ökonomischen Lage Chinas beschäftigt sich diese Woche auch ein prominenter Gastautor des Handelsblatts: Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff beschreibt in einem wichtigen Essay, warum die Zeiten des außergewöhnlichen ökonomischen Erfolgs in China vorbei sind. Schlimmer noch: Eine weiche Landung der chinesischen Volkswirtschaft sei aus seiner Sicht „unwahrscheinlicher denn je“. Rogoff fürchtet eine jahrelange Stagnation.

2. Vordergründig stehen die USA in der Krise fest an der Seite Europas. Schaut man aber genau hin, wissen die Amerikaner das Chaos in Europa geschickt für sich zu nutzen. So locken US-Senatoren etwa gezielt deutsche Industriebetriebe mit niedrigen Energiepreisen, niedrigen Steuern und Milliardensubventionen, zeigen Recherchen unseres US-Teams. Gerade die enormen Subventionen der US-Regierung sorgen für Verstimmung in Brüssel: „Die USA eröffnen faktisch ein Subventions-Rennen und diskriminieren europäische Anbieter“, warnt der EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton im Handelsblatt-Interview: „Wir stehen vor einer gewaltigen industriellen Transformation, vielleicht die größte der Geschichte.“

FILE PHOTO: European Commissioner in Charge of Internal Market Thierry Breton speaks during a news conference on the European Standardisation Strategy in Brussels, Belgium, 02 February 2022. REUTERS/Johanna Geron/File Photo Reuters

Der EU-Kommissar Breton beklagt übermäßige Subventionen der US-Regierung.

FILE PHOTO: European Commissioner in Charge of Internal Market Thierry Breton speaks during a news conference on the European Standardisation Strategy in Brussels, Belgium, 02 February 2022. REUTERS/Johanna Geron/File Photo

3. Der Standort Deutschland verliert derweil an Attraktivität. Umfragen zeigen, dass gerade US-Unternehmen dem Standort immer schlechtere Noten geben. Die Gründe werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht überraschen: Sie beklagen den Fachkräftemangel, die steigende Energiekosten und die immer noch nicht ausgeräumten Lieferkettenprobleme.

4. Twitter war mal ein Netzwerk, das vor allem Politiker, Journalisten und ein paar Millionen Hass-Bots interessierte. Dann übernahm Elon Musk das Netzwerk für 44 Milliarden Dollar – und plant, Mitarbeiter massenhaft zu feuern. In einem großen Essay erklären Stephan Scheuer und Sven Prange, warum das niemandem egal sein darf. Es dürfte das Problem von Hass und Hetze noch einmal verschärfen, meinen die Autoren.

5. Die Entscheidung des größten deutschen Discounters ist riskant: Aldi Süd will ins Online-Geschäft vordringen und testet in den USA einen Webshop, der Deutschland als Vorbild dienen soll, erfuhr mein Kollege Florian Kolf aus Unternehmenskreisen. Dabei macht kein Anbieter mit dem Onlinehandel frischer Lebensmittel Gewinn. Ob Aldi Süd ein solches Angebot starte, sei nicht mehr die Frage, sondern nur wann, heißt es – trotz der Bedenken der Gründerfamilie.

imago images/Michael Gstettenbauer

Aldi Süd will in den Online-Lebensmittelversand einsteigen – und wagt sich damit in ein schwieriges Geschäftsfeld vor.

6. Seit Jahren verspricht die Bundesregierung, Bürokratie abzubauen. Doch das Gegenteil passiert. Ein typisches mittelständisches Unternehmen kostet Bürokratie mittlerweile 2,5 Prozent des Jahresumsatzes. In einer Zeit, in der Energiekrise, Inflation und Material- und Rohstoffengpässe die deutsche Wirtschaft lähmen, ein doppelter Irrsinn. Im großen Wochenendreport beschreiben meine Kolleginnen Heike Anger und Teresa Stiens, wie die Regelwut Wachstum und Innovationen behindert – und wie sich das Problem lösen ließe.

7. Anfang der Woche haben einige der wichtigsten Start-up-Gründer mit einem Brandbrief an die Bundesregierung für Aufsehen gesorgt, in dem sie in deutlichen Worten die Krisenpolitik der Ampelkoalition kritisiert haben. Ihre Sorge: Dass die Bundesregierung bei ihrer Krisenpolitik die Zukunft aus dem Blick verliert. Ihre Forderungen: Sie pochen auf schnellere Visaverfahren für ausländische Fachkräfte, mehr Wachstumskapital, bessere Mitarbeiterbeteiligungen – und eine Reform der Altersvorsorge. Einen Tag, nachdem das Handelsblatt exklusiv über den Brandbrief berichtete, reagierte Bundesfinanzminister Christian Lindner, ebenfalls per Brief im Handelsblatt: Er will die Gründer stärker unterstützen, unter anderem durch eine schnelle Reform der Mitarbeiterkapitalbeteiligungen.

8. Die Midterms in den USA nächsten Dienstag sind so etwas wie die Generalprobe für die Präsidentschaftswahlen 2024. Pünktlich also zu dieser Generalprobe befeuert Ex-US-Präsident Donald Trump die Debatte um eine erneute Kandidatur: Er werde es “sehr, sehr, sehr wahrscheinlich wieder tun”, sagte er. “Macht euch bereit.” Wie geht es einem Land, in dem Spitzenkandidaten das Wahlsystem nicht anerkennen? In dem politische Akteure immer offener mit Gewalt drohen? Unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz ist durch die USA gereist und zeichnet die Zerrissenheit des Landes nach – und die zunehmende Sorge, dass die Midterms das Land ins Chaos stürzen könnten. „Jemand wird sterben“, fürchtet die demokratische Abgeordnete Debbie Dingell.

AP

Glaubt man den Worten Donald Trumps, ist seine erneute Kandidatur nur noch eine Frage der Zeit.

Passend dazu hätte ich noch einen Podcast-Tipp für Sie. Seit einigen Tagen diskutieren Handelsblatt-Korrespondentinnen, Experten und unsere Auslandschefin Nicole Bastian über den Zustand der USA kurz vor den Wahlen.

Hören Sie auch unseren Podcast Today US-Special: Die amerikanische Außenpolitik und ihre Folgen für Europa

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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