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30.07.2022

08:00

Morning Briefing Plus

Morning Briefing Plus – Die Woche

Vergessene Zukunft: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Von: Sebastian Matthes

PremiumDie deutsche Wirtschaft gerät ins Stocken. Doch während sie aktuell in eine akute Krise rutscht, ist sie doch eigentlich längst in einem strukturellen, langfristigen Krisenmodus.

Düsseldorf Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

zum Start in den Tag müssen wir uns heute mit einer unbequemen Wahrheit beschäftigen: Die deutsche Wirtschaft stagniert. Und während die lange erwarteten Konjunkturdaten über den Ticker laufen, geht das Land in den Rettungsmodus. Wieder einmal. Kaum ein Tag vergeht, ohne neue milliardenschwere Vorschläge für Pläne, wie man Verbrauchern, Unternehmen und ganzen Staaten durch die Energiekrise helfen kann. Einiges davon ist Unsinn, anderes unbezahlbar, wieder anderes existenziell wichtig. Aber das soll heute nicht das Thema sein.

Das eigentliche Problem nämlich ist, dass vor lauter Rettungseifer mitunter die Zukunft aus dem Blick gerät. Denn während die Wirtschaft gerade in eine akute Krise rutscht, steckt sie längst in einer strukturellen, langfristigen Krise – durch den demografischen Wandel, die Digitalisierung, aber auch durch den verschleppten grünen Umbau der Wirtschaft. Die Frage, wie das deutsche Geschäftsmodell in einigen Jahren aussehen wird, ist derzeit mindestens so wichtig, wie die der richtigen Duschdauer.

Dabei, und nun kommen wir zum optimistischen Teil des heutigen Morgens, gibt es zahlreiche junge Technologieunternehmen in Deutschland, die Antworten auf diese Frage liefern. Sie arbeiten an Elektroflugzeugen, neuartigen Raketen, Fusionsreaktoren, innovativen Mobilitätsangeboten und Software, mit der ganze Weltkonzerne ihr Geschäft effizienter gestalten können. Nicht alle dieser Technologieunternehmen werden Erfolg haben. Aber sie alle liefern kleine Antworten auf die große Frage nach dem zukünftigen Geschäftsmodell unseres Landes.

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    Besonders viele dieser jungen Technologieunternehmen kommen aus München. Und das ist auch der BMW-Erbin Susanne Klatten zu verdanken, die vor 20 Jahren das Gründerzentrum UnternehmerTUM an der Technischen Universität München angeschoben hat, von dem unsere Titelgeschichte handelt. Von den mehr als 17 Milliarden Euro, die 2021 in deutsche Start-ups flossen, gingen gut 3,5 Milliarden an Unternehmen aus dem Münchener Netzwerk.

    Unternehmertum ist kein Zufall, im Hightechsektor zumal. Es ist das Ergebnis harter strategischer Arbeit. Von Gründern, aber auch von Universitäten, Investoren, Konzernen – und der Politik. Es ist gut, dass die Bundesregierung diese Woche eine Start-up-Strategie verabschiedet hat. Sie adressiert das Finanzierungsproblem, den Fachkräftemangel und erleichtert die Mitarbeiterbeteiligung ein wenig.

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    Ein großer Wurf, das muss man leider sagen, ist die Strategie allerdings nicht. Es fehlt ein konkretes Zielbild davon, was mit dem Plan erreicht werden soll. Vielleicht wäre es an der Zeit, neben all den Problemen der Gegenwart auch der Zukunft wieder etwas mehr Raum zu geben.

    Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

    1: Ich werde es morgen wieder versuchen: Flugreisen sind die kleine Mutprobe dieses Sommers. Erst konnten Passagiere nicht abgefertigt werden, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlten. Dann kam der Streik dazu. Erst der des Lufthansa-Bodenpersonal. Nun streiken womöglich auch noch die Piloten von Deutschlands wichtigster Fluggesellschaft – die Urabstimmung läuft. Handelsblatt-Luftfahrtreporter Jens Koenen beschreibt, wie sich der Lufthansa-Vorstand derart weit von Teilen seiner Belegschaft entfremdet hat, dass nun das wechselseitige Misstrauen dominiert. Mit einschneidenden Folgen für die Reisenden.

    2: Für die Krisenpolitik von Wirtschaftsminister Robert Habeck gab es viel Lob in den vergangenen Monaten. Doch nun mehren sich die kritischen Stimmen: Ökonominnen und Ökonomen bemängeln in einem Brief an Habeck, dass er zu sehr mit Verboten und zu wenig mit Anreizen arbeite. Unser Berliner Büro hat alle Details und die Reaktionen des Ministeriums.

    3: Meine Kollegin Kathrin Witsch schrieb mir neulich: „Bei all den Dramen auf den Energiemärkten muss ich dringend wieder einmal eine positive Geschichte schreiben.“ Das ist ihr gelungen: Sie hat sich den weltweiten Boom bei schwimmenden Solaranlagen vorgenommen – die in den nächsten Jahren ein wichtiger Baustein der weltweiten Energieversorgung werden können. China hat das Potenzial übrigens schon erkannt.

    Haltern am See: Seit Mai liefert die schwimmende Solaranlage im Ruhrgebiet Strom für den Industriekonzern Quarzwerke. 

    4: Kein anderes Interview des Handelsblatts wurde diese Woche in anderen Medien so oft zitiert, wie das Gespräch mit Lars von Lackum, dem Chef des zweitgrößten deutschen Immobilienkonzerns LEG. Von Lackum kündigte nämlich harte Zeiten für Mieter an und sagte: Wenn es so weitergehe, komme „auf unsere Mieter eine Zahlung von ein bis zwei Monatsmieten zusätzlich zu“. Jetzt sei „Verzicht angesagt“.

    5: Es sind zwei Männer und eine Frau, von denen entscheidend abhängt, ob das große politische Experiment der Ampelkoalition gelingt oder in Sprachlosigkeit und Chaos endet. Es sind die heimlichen Strippenzieher der Regierung: Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt (SPD), Steffen Saebisch (FDP), Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, und Anja Hajduk (Grüne), Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium. Ein faszinierender Report von Martin Greive und Jan Hildebrand aus dem Maschinenraum der Macht.

    6: In der Debatte über Flüssiggas, kurz LNG, entsteht mitunter der Eindruck, es stünde massenhaft zur Verfügung. Man brauche nur endlich ein LNG-Terminal, schon stauten sich die Gastanker vor der Küste. Doch das ist natürlich nicht so. LNG ist weltweit knapp und wird vor allem immer teurer. Während die Tanker zunehmend Richtung Europa unterwegs sind, fehlt das Gas in vielen südlichen Ländern, die schon immer auf LNG gesetzt haben, berichten Handelsblatt-Korrespondenten aus aller Welt. Wenn Europa russische Gaslieferungen mit LNG ersetzt, fällt womöglich in Pakistan der Strom aus.

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    7: Während öffentlich die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von autokratischen Regimes beklagt wird, erhöhen deutsche Konzerne ihre Abhängigkeit von China, wie unser Unternehmensressort analysiert: Aldi will dort Hunderte Filialen eröffnen, BASF investiert zehn Milliarden Euro in einen weiteren Chemie-Standort – und BMW hat gerade ein neues chinesisches Werk eröffnet. Keine Frage, für viele Konzerne ist China der am schnellsten wachsende Markt. Doch die Risiken drohen darüber in Vergessenheit zu geraten. Die Bundesregierung zumindest verfolgt das China-Engagement der Konzerne mit Argwohn.

    8: Bei der Deutschen Telekom gibt es bei der Nachfolgeplanung für Vorstandschef Timotheus Höttges Bewegung, hört mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares. Wahrscheinlichster Höttges-Nachfolger ist der derzeitige Telekom-Deutschlandchef Srinivasan Gopalan. Auf Gopalans jetzigem Posten soll ihm der bisherige Telefónica-Manager Wolfgang Metze folgen. Höttges muss allerdings noch einige Herausforderungen überstehen: den Abbau der Rekordschulden bei gleichzeitig hohen Investitionen in den Netzausbau.

    9: Lange spekulierten Tech-Enthusiasten, wann Apple eine eigene Virtual Reality-Brille auf den Markt bringen würde. Anfang 2023 könnte es so weit sein. CEO Tim Cook hatte die Gerüchte zuletzt selbst angeheizt. Silicon Valley-Korrespondent Stephan Scheuer analysiert anhand von Patenten, wie die Brille funktionieren könnte. Doch die Apple-Pläne reichen wohl weit darüber hinaus. Analysiert man die Patentanmeldungen, könnte es in einigen Jahren sogar eine vernetzte Kontaktlinse geben.

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

    Herzlichst,
    Ihr
    Sebastian Matthes
    Chefredakteur Handelsblatt

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