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01.12.2022

06:20

Morning Briefing

Rendite messen: Deutsche Banken verdienen besser, aber nicht gut

Von: Christian Rickens

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, fragte einst Bertolt Brecht, und bezogen auf Deutschland muss man sagen: in den meisten Fällen das kleinere Übel.

Für Einbruch gibt’s höchstens ein paar Jahre Gefängnis. Wer hingegen sein Geld in eine Bank investierte, hatte in den vergangenen Jahren allerbeste Aussichten, sich komplett zu ruinieren. Von 100 Euro, vor 15 Jahren in Commerzbank-Aktien gesteckt, sind heute noch rund 15 Euro übrig – Inflation und Dividenden nicht eingerechnet.

Neben allerlei Missmanagement sorgte in vielen deutschen Banken die Nullzinspolitik der Notenbanken für miese Zahlen. Je niedriger die Zinsen, desto geringer auch die Marge, die Geschäftsbanken von ihren Kreditkunden verlangen können.

Nun steigen die Zinsen, und die Banken haben wieder bessere Chancen, Geld zu verdienen. Deutsche Banken dürften im Jahr 2022 eine Eigenkapitalrendite von 5,3 Prozent erzielen, geht aus der Bankenstudie Global Banking Annual Review der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Das ist der höchste Wert seit zehn Jahren.

Im internationalen Vergleich schneiden die deutschen Geldhäuser damit trotzdem schwach ab – selbst wenn man berücksichtigt, dass viele deutsche Banken und Sparkassen vergleichsweise konservativ bilanzieren und einen Teil ihrer Gewinne lieber in die Reserven einstellen. Weltweit dürften die Eigenkapitalrenditen von Banken auf 11,5 bis 12,5 Prozent gestiegen sein. Profitabler waren internationale Banken zuletzt im Jahr 2007 und damit vor Ausbruch der globalen Finanzkrise.

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Ein Hauptgrund für die Renditekluft ist laut McKinsey der vergleichsweise scharfe Wettbewerb in der deutschen Bankenbranche. Frei nach Brecht lässt sich daher sagen: Wenn schon Bankgründung, dann lieber nicht in Deutschland.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) muss sich viel Kritik anhören, weil er mit den Sondervermögen für die Bundeswehr und dem milliardenschweren Fonds zur Finanzierung der Gas- und Strompreisbremsen große Schattenhaushalte aufgebaut hat, die den offiziellen Bundesetat ein bisschen weniger tiefrot erscheinen lassen sollen.

Doch tatsächlich verblassen Lindners Milliarden angesichts der versteckten Schulden, die sich bei Staatsunternehmen angehäuft haben. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Die Verbindlichkeiten der öffentlichen Unternehmen machen laut der Studie fast 35 Prozent der gesamten Staatsverschuldung aus. Auf die regulären deutschen Staatsschulden in Höhe von 2,05 Billionen Euro im Jahr 2019 kommen so noch mal rund 718 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten hinzu, die in den offiziellen Statistiken nicht auftauchen.

Brauerei Rothaus, Deutsche Bahn, Staatsweingut Kloster Eberbach: Die Zahl staatlicher Unternehmen steigt.

Sowohl die Zahl als auch die Größe von Staatsunternehmen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Gab es 2008 noch 14.704 Unternehmen von Bund, Ländern und Kommunen, waren es 2019 bereits 19.009 – angefangen bei der Deutschen Bahn über Stadtwerke und Immobiliengesellschaften bis hin zu Staatsweingütern.

ZEW-Studienautor Friedrich Heinemann sagt, Wachstum und Größe des Sektors hätten ihn überrascht: „Letztlich ist Deutschland dabei, die Ära der Privatisierung der 1980er- bis 2000er-Jahre rückgängig zu machen.“

Zwar lässt sich nicht beweisen, dass die Politik mit Gründung öffentlicher Unternehmen die Schuldenregel bewusst austrickst. Aber, so Heinemann: „Es ist schon auffällig, dass es ausgerechnet im Jahrzehnt der Schuldenbremsen-Einführung einen solch massiven Anstieg der öffentlichen Unternehmen gegeben hat.“

Martin Greive, beim Handelsblatt für Finanzpolitik zuständig, fällt in seinem Leitartikel ein vernichtendes Urteil: „Ausgerechnet Deutschland, das sich als Hort finanzpolitischer Stabilität, als Vertrauensanker der europäischen Währungsunion sieht, führt sich seit einiger Zeit als finanzpolitischer Scharlatan auf: Die größte Volkswirtschaft Europas legt ihre Schuldenregeln so aus, wie es den Regierungspolitikern gerade passt.“

Das verspricht eine interessante Machtprobe zu werden: die mächtigste Behörde der Welt gegen den reichsten Menschen der Welt. EU-Kommissar Thierry Breton hat Twitter-Chef Elon Musk in einem Videogespräch darauf hingewiesen, dass Internetfirmen ihre Betriebserlaubnis für Europa verlieren können, wenn sie systematisch gegen die verschärften europäischen Gesetze zur Onlinesicherheit verstoßen.

Breton verkündete am Mittwochabend nach dem Gespräch mit Musk: „Twitter muss eine transparente Nutzerpolitik einführen, die Moderation von Inhalten deutlich verstärken und die Meinungsfreiheit schützen, entschlossen gegen Desinformation vorgehen und gezielte Werbung einschränken.“

All das erfordere ausreichende „Personalressourcen“ – eine Anspielung auf Musks Entscheidung, die halbe Twitter-Belegschaft zu entlassen.

Hintergrund: Der kürzlich in Kraft getretene Digital Services Act der EU, kurz DSA, macht den Betreibern von Onlineplattformen umfassende Auflagen. Unternehmen müssen unter anderem ihre Algorithmen so anpassen, dass politische Debatten und Wahlen durch diese Systeme nicht manipuliert werden.

Bei Verstößen gegen den Digital Services Act drohen den Unternehmen Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Umsatzes. Im Wiederholungsfall könnte sogar „ein Verbot der Tätigkeit auf dem EU-Binnenmarkt“ drohen.

Musks Antwort laut Breton: Musk habe versichert, den Digital Services Act „sorgfältig gelesen“ zu haben, und ihn „als vernünftigen Ansatz“ zu betrachten.

Übrigens: Ich erwäge, bei meiner nächsten Diskussion mit der Polizei anzumerken, dass ich die Straßenverkehrsordnung gelesen habe und für einen vernünftigen Ansatz halte.

dpa

Mit der Französin Stephanie Frappart wird am Donnerstag erstmals eine Frau ein WM-Spiel pfeifen.

Für den heutigen Vorrunden-Krimi Deutschland gegen Costa Rica hat der Weltfußballverband Fifa mit der Französin Stéphanie Frappart erstmals eine Frau als Schiedsrichterin für eine Partie einer Männer-WM nominiert. Und die einzige Frage, die man sich dazu stellt, lautet: Warum eigentlich jetzt erst?

Frappart pfeift seit 2019 in der Ligue 1, dem französischen Pendant zur Bundesliga. Im Mai leitete sie das Endspiel um den französischen Pokal.

Jetzt können wir nur hoffen, dass irgendjemand Frappart die wichtigste Regel im internationalen Fußballgeschäft beigebracht hat, die einst der britische Stürmer Gary Lineker formulierte: „22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Ich wünsche uns einen Tag, der Lineker Recht gibt.

Herzliche Grüße

Ihr

Christian Rickens

Textchef Handelsblatt

Morning Briefing: Alexa

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